Unsere Reporterin Anna Vogel beim Spargelstechen

In ganz Hessen fehlen wegen der Coronakrise Saisonarbeiter. Freiwillige aus anderen Branchen helfen nun beim Spargelstechen. Doch Erntearbeit ist Knochenarbeit, wie unsere Reporterin schnell gemerkt hat. Ein Selbstversuch in Groß-Umstadt und Weiterstadt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Selbstversuch: hr-Reporterin unterwegs mit Erntehelfern

Spargelstechen ist gar nicht so einfach, wie unserer Reporterin feststellen musste.
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8 Uhr morgens: Es geht los auf dem Spargel- und Erdbeerhof Münch in Groß-Umstadt (Darmstadt-Dieburg). Am Rande seines drei Hektar großen Spargelfelds verteilt Hans-Georg Münch Arbeitshandschuhe. Ich - Anna Vogel und im normalen Leben hr-Reporterin - ziehe sie mir über die Finger. Sie sind klamm, es weht ein eisiger Wind.

Gemeinsam mit 14 anderen Helfern fange ich an, die Folien über den Spargelreihen zurückzuschlagen. Erst die weiße des Mini-Tunnels, dann die schwarze darunter.  Mir geht Klaus Lehmann zur Hand. Der pensionierte Kriminalbeamte hätte gerade auch viel an seinem eigenen Haus zu tun. Das habe er aufgeschoben, denn: "Die Bauern sind jetzt in Not." Ob er die schwere körperliche Arbeit auf dem Feld schaffen wird, weiß er noch nicht.

Es gibt keine anderen Helfer

Auf dem Feld von Hans-Georg Münch stehen ausschließlich Helfer aus der Region. Unter ihnen Lehrer, Unternehmensberater, Mediendesigner und Studenten. Keiner von ihnen hat Vorerfahrung im Spargelstechen. Das Einlernen ist mühsam, aber Münch stellt nüchtern fest: "Wir haben keine anderen." An diesem ersten Probetag hat sich Münch verkalkuliert. Der Spargel ist noch nicht so weit, denn die letzten Nächte waren zu kalt. Wir Helfer müssen anders beschäftigt werden. Deshalb harken wir die Zwischenräume im Erdbeerfeld.

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zum Video Tannenhof in Weiterstadt: So sticht ein Profi Spargel

Spargelstechen in Weiterstadt
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Auf dem Tannenhof in Weiterstadt

Ich will aber auch Spargelstechen und nehme deshalb einen neuen Anlauf. Diesmal auf dem Hof von Landwirt Rolf Meinhard in Weiterstadt (Darmstadt-Dieburg). Dort ist Ovidiu Bahnean für die Spargelernte verantwortlich. Er ist Vorarbeiter auf dem Tannenhof. Der gebürtige Rumäne sticht schon seit sieben Jahren Spargel und lebt inzwischen mit seiner Familie in Deutschland. Dass er schon dutzende Male erklärt haben muss, wie Spargelstechen funktioniert, merke ich ihm schnell an.

Der erste Punkt: Der richtige Stand. Ich soll mich breitbeinig direkt vor den Spargel stellen und mich mit geradem Rücken nach vorne beugen. So kann ich dann mit zwei Fingern den Spargel an einer Seite freigraben und zustechen.

Spargelstechen: Zu tief ist falsch, zu hoch auch

Was sich einfach anhört, birgt Risiken. Denn steche ich zu tief, dann kann ich die Wurzel der mehrjährigen Spargelpflanze beschädigen. Im schlimmsten Fall zerstöre ich damit schon die kommende Ernte. Steche ich dagegen zu hoch,  gerät der Spargel zu kurz und sinkt im Verkaufswert. Mein erster Spargel bricht, bevor ich richtig zugestochen habe.

Dann klappt es besser, doch ich bin langsam. Bei meiner Geschwindigkeit schaffe ich gerade mal ein Kilogramm Spargel pro Stunde. Erfahrene Spargelstecher schaffen locker das Zehnfache, erklärt mir Bahnean.

Hobby-Erntehelfer sind teurer und langsamer

Ich bin also langsam und mache am Anfang auch Fehler. Ein weiteres Problem für die Landwirte Münch aus Groß-Umstadt und Meinhardt aus Weiterstadt: Viele der Helfer wollen nur kurzfristig einspringen - für die Zeit, in der sie wegen der Corona-Krise ihrem eigentlichen Beruf nicht nachgehen können. Sollte sich das ändern, könnten viele der Helfer mit einem Mal wieder weg sein. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor: Die freiwilligen Helfer könnten das Coronavirus auf den Hof bringen.

Dennoch: Als Erntehelferin würde ich auf dem Hof in Groß-Umstadt zehn Euro pro Stunde verdienen. Also sogar mehr als die rumänischen Arbeiter, die den Mindestlohn bekommen. So groß ist die Personalnot gerade auf Hessens Höfen.

Schlimm wird es am zweiten Tag

Mein Fazit: Ich habe Spargel gestochen und die harte Erde zwischen den Erdbeerreihen gehackt. Beides nicht mal für einen vollen Tag. Dennoch spüre ich am Ende meinen Rücken. Dabei hat mir Vorarbeiter Ovidiu Bahnean noch eines mitgegeben: Die richtigen Schmerzen kommen meistens erst am zweiten Tag.