Corona-Lockdown

Die Coronakrise hat Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft Hessens. Doch einige Regionen leiden erheblich mehr als andere.

Noch ist das zweite Quartal dieses Jahres nicht vorbei. Doch Wirtschaftsforschern ist schon jetzt klar: Von April bis Juni wird die deutsche Wirtschaft extrem schrumpfen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) prognostiziert in ihrem aktuellem Bericht ein Minus von 12,2 Prozentpunkten. Das wäre ein Einbruch im "nie dagewesenen Ausmaß".

Doch wie sieht es für Hessen aus? An sich zählt Hessen zu den wirtschaftsstärksten Bundesländern. Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 46.900 Euro pro Kopf in 2019 läge es, wenn es ein eigenständiges Land wäre, innerhalb der EU sogar auf Platz vier der Länder mit dem höchsten BIP pro Bürger. Nur Luxemburg, Irland und Dänemark schneiden noch besser ab.

Corona hat Hessen hart getroffen

Doch die Coronakrise trifft Hessen vergleichsweise hart. Nach Einschätzung der Landesbank Hessen-Thüringen wird das Land überdurchschnittlich von den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise betroffen sein. Aufs gesamte Jahr gerechnet, prognostiziert die Bank dem Land einen Rückgang der Wirtschaftskraft um rund fünf Prozentpunkte.

Zwar profitiert Hessen sonst von dem größten Arbeitsplatz der Bundesrepublik - dem Flughafen, der normalerweise 81.000 Menschen alleine direkt beschäftigt. Doch genau die Luftfahrt ist derzeit eine der am härtesten getroffenen Branchen. Auch ein anderer wichtiger Faktor der hessischen Wirtschaft, die Messebranche, ist im Frühjahr quasi komplett eingebrochen.

Kreis Groß-Gerau am deutlichsten getroffen

Allerdings: Wie stark die Wirtschaft getroffen wird, ist regional sehr verschieden. In einem Regionaldatenreport hat das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) genauer die Auswirkungen für Hessens Landkreise und kreisfreie Städte untersucht. Als Indikator hat sie die Anzeigen der Kurzarbeit gewählt. Diese sind bereits deutlich vor den Zahlen der Statistiker zur Wirtschaftskraft verfügbar. Allerdings, darauf weist die Geschäftsführerin des IWAK, Christa Larsen, hin: "Nicht jede Anzeige bedeutet, dass dort auch ein Beschäftigter in Kurzarbeit geschickt wird." Die tatsächliche Zahl liege deswegen niedriger.

Ganz weit oben bei den Verlierern der Krise steht der Kreis Groß-Gerau. Dort wurden von März bis Mai nach Berechnungen des IWAKs für rund 51 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Stellen Kurzarbeit angemeldet. "Hier leben sehr viele Menschen, die am Flughafen in Frankfurt beschäftigt sind", erklärt Larsen. 

In dem Landkreis komme allerdings ein weiterer Faktor hinzu: "Es gibt verhältnismäßig viele Zulieferbetriebe der Automobilindustrie." Auch die Branche ist stärker von der aktuellen Krise betroffen. Allerdings gehe der Einbruch dort nicht nur auf die aktuelle Lage zurück, betont Larsen. "Es hat schon deutlich vor Corona gekriselt und die Probleme haben vorher begonnen. Die Zulieferbetriebe sind stark auf Verbrenner ausgerichtet." Einige Betriebe hätten bereits schließen müssen. Auch Frankfurt sei wegen der vielen Beschäftigten am Flughafen stärker betroffen.

Auf Platz zwei und drei in Hessen bei der Kurzarbeit kommen die nordhessischen Landkreise Kassel und Waldeck-Frankenberg. Dort kommt das IWAK auf 49 Prozent beziehungsweise 43 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten, für die Kurzarbeit bei der Bundesagentur für Arbeit angemeldet wurde.

Ländliche Regionen nicht unbedingt anfälliger

Generell sind ländliche Gebiete aber nicht unbedingt stärker betroffen, das ist eine Erkenntnis der Forscher. "Es hängt stark von der regionalen Wirtschaftsstruktur ab", sagt Larsen. Der ländlich geprägte Schwalm-Eder-Kreis habe beispielsweise wegen des hohen Anteils an Logistik bei den Arbeitsplätzen weniger Probleme zu verzeichnen. Speditionen seien davon allerdings ausgenommen, da sie stark mit den Grenzschließungen zu kämpfen hatten.

Teilweise scheint das regionale sogar ein Vorteil zu sein, hat das IWAK beobachtet. "Die lokale Wirtschaftsförderung und Betriebe haben teils sehr flexibel auf die neuen Gegebenheiten reagiert und eng zusammengearbeitet." Beispielsweise, indem zusammen füreinander geworben wurde oder eigene lokale Vertriebsplattformen aufgebaut wurden. Als Schlüssel sieht Larsen hier die gemeinsame regionale Identität. Allerdings, das räumt die Forscherin ein: "Kompensieren konnte das die Einbrüche nicht". Es sei jedoch eine Chance innovative Konzepte zu entwickeln, die in Zukunft neue Potenziale bieten könnten.

Wo es einen großen Anteil von Beschäftigten im öffentlichen und forschenden Sektor gibt, wie in Wiesbaden und Darmstadt, hat die Coronakrise bislang am wenigsten Menschen in Kurzarbeit geführt. Allerdings wurde auch in diesen Kommunen immerhin noch für gut ein Fünftel der Beschäftigten Kurzarbeit angezeigt.

Wirtschaftliche Stimmung verbessert sich etwas

Doch wie sieht es für die Zukunft aus? Die Stimmung in den hessischen Betrieben hat sich etwas verbessert. "Es verdichten sich die Anzeichen, dass die Wirtschaft die Talsohle der Krise erreicht hat. Viele Betriebe rechnen allerdings damit, dass die Erholung vom Corona-Schock länger dauert als ursprünglich gedacht", sagt Robert Lippmann, Geschäftsführer des Hessischen Industrie- und Handelskammertages, am Freitag. Die Lage sei "fragil".

Wie eine Umfrage des Hessischen Industrie- und Handelskammertags unter rund 900 Betrieben zeigt, merken jedoch 60 Prozent der befragten Unternehmen weiter einen Nachfragerückgang an Dienstleistungen oder Produkten. Allerdings ist der Anteil der Unternehmen, die erhebliche Umsatzrückgänge von mehr als 25 Prozent in 2020 erwarten, leicht rückläufig. Waren es in der vorausgegangenen Umfrage vom Mai noch 41 Prozent der befragten Unternehmen, die mit so herben Einbußen rechnen, hat sich ihr Anteil in der Juniumfrage auf 37 Prozent reduziert. Zudem wollen weniger Betriebe als noch im Mai Personal abbauen.