Straßenmusiker - eine Band von hinten aufgenommen - davor steht Publikum - in der Fußgängerzone in Hanau

Nicht erst seit der Corona-Krise drohen viele Innenstädte zu veröden. Die Stadt Hanau ist während der Pandemie vorangegangen, um ihre Innenstadt zu beleben – und gilt damit deutschlandweit als Vorbild.

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Aufzugeben, das sei keine Option, sagt Martin Bieberle. Hanaus Stadtentwickler will nicht zuschauen, wie Innenstädte veröden, wie Läden leerstehen, "wie unser Herz aufhört, zu schlagen". Markige Worte, aber Bieberle weiß, wovon er spricht.

Ideen bereits vor der Pandemie

Der Diplom-Verwaltungswirt hat den großen Innenstadtumbau seiner Stadt maßgeblich vorangetrieben: Ab 2011 hat die Hanauer Innenstadt ein neues Gesicht bekommen, unter anderem mit dem Einkaufszentrum "Forum" neben dem neugestalteten Freiheitsplatz. Gut vier Jahre hat der Umbau gedauert, knapp 600 Millionen Euro hat er gekostet. Das Projekt gilt als der größte Innenstadtumbau einer westdeutschen Kommune seit dem zweiten Weltkrieg.

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Wie können die Folgen der Corona-Pandemie abgemildert werden? Dieser Frage geht die hessenschau in ihrer Sommertour nach. Am Samstag berichtet sie ab 19.30 Uhr aus Hanau.

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Schon kurz nach Ende der Umbaumaßnahmen habe die Stadt Pläne vorangetrieben, die Innenstadt weiter zu beleben, erinnert sich Bieberle. Denn klar war: Hanau drohte immer mehr den Anschluss zu den großen Nachbarn Offenbach und Frankfurt oder auch Aschaffenburg im benachbarten Bayern zu verlieren.

Hanau galt viele Jahre schlicht als unattraktiv. Die Folge: Immer mehr Geschäfte standen leer. "Die Grundidee, zu handeln, wurde vor Corona geboren", so Bieberle. Richtig los ging es aber erst während der Pandemie.

Pop-up-Läden, um Geschäftsidee zu testen

Die Stadt startete das Projekt "Hanau aufladen", mit dem die Stadt Geschäftsleuten helfen will, in Hanau Fuß zu fassen. So macht die Stadt immer wieder Gebrauch von ihrem Vorkaufsrecht, sichert sich zum Beispiel leerstehende Ladengeschäfte und vermietet sie günstig weiter an Geschäftsleute. Die können auf diese Weise ihre Geschäftsideen erst einmal testen. In den vergangenen Monaten haben mehrere sogenannte Pop-up-Stores eröffnet, in denen es Schmuck oder auch Accessoires für Hunde zu kaufen gibt. Das Kunstkaufhaus "Tacheles" ist mittlerweile zum kreativen Treffpunkt geworden.

"Wenn man es nicht versucht, dann passiert gar nichts", sagt Uwe Kannengießer. Er ist einer derjenigen, der es mit Unterstützung der Stadt gewagt hat. Gemeinsam mit seiner Frau Conni hat er im vergangenen Herbst, mitten in der Coronapandemie, die "Wirtschaft im Hof" eröffnet.

Gewächshäuser mit Innen-Bestuhlung bei der "Wirtschaft im Hof" in Hanau.

Im Fronhof, einem kleinen Hof zwischen historischen Gebäuden neben dem alten Stadtschloss, stehen jetzt vier große Gewächshäuser und drei Holzhütten. In diesen Hütten: Tische und Bänke, an denen gegessen und getrunken wird. Die Idee damals: Die Gewächshäuser und Holzhütten bieten Schutz vor Wind und Wetter - es ist aber trotzdem draußen. Deshalb durfte die "Wirtschaft im Hof" als corona-konforme Außengastronomie öffnen.

Vom Parkplatz zum urbanen Treffpunkt

Der Plan geht auf: Der Hof, vorher jahrelang als Parkplatz genutzt, ist jetzt urbaner Treffpunkt. "Ohne Risiko würde es nur Stagnation geben", sagt Uwe Kannengießer. "Das versucht die Stadt Hanau, zu vermeiden. Ohne die Hilfe der Stadt hätten wir das gar nicht machen können."

An diesem Wochenende wird die Wirtschaft zum Experimentierfeld unter dem Titel "Das Quartier". Es werden Sitzmöbel aufgestellt, auf denen man probesitzen und schauen kann, was vielleicht am besten zur künftigen Möblierung des Hanauer Zentrums passen würde.

Urbane Pflanzbeete und besondere Sitzmöbel aus Holz im Fronhof in Hanau.

Besondere Unterstützung sollten während der Pandemie auch regionale Künstlerinnen und Künstler erfahren. Es entstand ein städtischer Künstlerpool aus rund 100 Menschen, die während der Sommermonate verschiedene Plätze mit mehr als 100 Konzerten bespielten. Nur ein Baustein von vielen Veranstaltungen im Rahmen der Aktion "Sommer in Hanau". Auftrittsmöglichkeiten schaffen und gleichzeitig mit Unterhaltung zum Einkaufsbummel in die Stadt locken, um den Handel zu stärken - eine Idee, die gut funktioniert.

Kommunen aus ganz Deutschland fragen an

Künstlergagen, Zuschüsse für Mietkosten, Fördermittel für Werbung oder Gutscheinaktionen: "Das kostet alles Geld, es bindet Ressourcen, es ist unglaublich viel Arbeit", gibt Stadtentwickler Martin Bieberle zu. Doch der Aufwand lohne sich.

So hätten sich Kommunen aus ganz Deutschland in Hanau gemeldet. "Die fragen nach, die wollen mal schnuppern, wollen Ideen und Input", erklärt er. Hanau gilt deutschlandweit als Vorbild. Und so sagt Martin Bieberle auch zufrieden: "Ich denke, wir sind auf dem richtigen, auf einem guten Weg."

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