revive! Oberzent - Christoph Seip, Markus Strauß und Freunde beleben ihre Heimat
Christoph Seip (2.v.l.) mit Familie und Mitstreitern von "Revive! Oberzent" Bild © Christoph Seip

Kleinstädte sterben aus, Großstädte platzen aus allen Nähten. "Kommt zurück in die Natur, beruflicher Erfolg geht auch von hier aus!", sagt eine Gründer-Initiative aus dem Odenwald. Und will mit einem neuen Blick auf die Provinz das Problem Landflucht lösen. Ob ihr Plan aufgeht?

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Christoph Seip (34) wächst als Kind im südhessischen Beerfelden auf. Schön idyllisch ist es hier in dem 3.300-Einwohner-Ort im Odenwald, der seit Jahresbeginn ein Stadtteil von Oberzent ist. Viel Natur, aber "wenn aus dem Bub was were soll, muss er studiere!", sagen die Eltern. Also raus aus Beerfelden, ab in die Großstadt nach Mannheim. Seip studiert und findet einen Job als IT-Experte bei der Daimler AG in Stuttgart.

Christoph Seip heiratet. Er und seine Frau wollen Kinder. Mit Ende 20 stellen sich die klassischen Fragen: Kaufen oder mieten? Wie sieht es mit der Altersvorsorge aus? Wo will ich meine Kinder aufwachsen sehen? Wo will ich alt werden? Das Paar entscheidet: "In Beerfelden!"

Zurück zu den Wurzeln

Als gut ausgebildete Fachkraft zurück in den tiefsten Odenwald? Muss Heimatliebe sein, oder? "Hier habe ich so viel Platz, kann mir ein Haus mit Grundstück leisten. In einer Stadt wie Stuttgart musst du dafür locker zwischen 500.000 und einer Million Euro hinlegen - und hast keine Natur. Eben hab ich die Laufschuhe angezogen, bin die Tür rausgefallen und stehe mitten im Odenwald. Ist doch traumhaft, hier machen andere Urlaub!", schwärmt er.

Der 34-Jährige hat Glück. Sein Arbeitgeber Daimler macht's möglich: Homeoffice! Zwei Tage in der Woche arbeitet Seip bei seinem Arbeitgeber in Stuttgart, die restlichen drei von Zuhause aus. Das funktioniert auch wegen einer zügigen 50-MBit-Internetanbindung in Beerfelden. Das war's dann aber auch schon.

Abgesehen vom zügigen Internet wirkt Beerfelden wie tot. Über die Hälfte der Geschäfte stehen leer. Was früher "die Stadt am Berge" war, nennen die Beerfelder heute zynisch "die Stadt am Sterben". Der Nachwuchs fehle. Aber warum eigentlich?

Leerstand Beerfelden Oberzent
In Beerfelden stehen viele Läden leer, Gastronomie gibt es kaum noch. Bild © Silke Sutter

Die fragten mich: "Sind Sie verrückt?"

Das fragt sich auch Frank Leutz. Wie Seip ebenfalls in Beerfelden groß geworden, hat er nach seiner Ausbildung zum Physiotherapeuten den Traum von der eigenen Praxis. Mit seiner Idee geht er zu diversen Beratungsstellen, die junge Unternehmer beim Schritt in die Selbstständigkeit unterstützen. Über 20 Jahre ist das her.

"Alle haben gesagt: 'Klasse Idee, Herr Leutz, echt super!' Das Konzept funktioniert bestimmt - in Darmstadt, Heidelberg, Frankfurt, irgendwo in der Stadt“, erinnert er sich. "Nur um Gottes Willen nicht in Beerfelden!"

Leutz pfeift auf die Ratschläge und eröffnet seine Praxis in Beerfelden. Heute ist er erfolgreicher Geschäftsführer mit 23 Angestellten. "Mittlerweile habe ich Kunden, die aus den Städten hierher zu mir aufs Land kommen. Ich biete Physiotherapie und Fitnesstraining an. Wer möchte, kann bei mir auch draußen trainieren. In der Stadt wäre so etwas undenkbar."

Geheimwaffe schnelles Internet

Dass ein Gesundheitszentrum dort funktioniert, wo die Alten übrig bleiben, mag nicht verwundern. Dass aber Homeoffice in der Provinz so problemlos möglich ist, überrascht schon - und eröffnet neue Möglichkeiten.

Christoph Seip ist überzeugt: "Beerfelden kann noch viel mehr. Die Leute müssen das nur mal sehen. In Zeiten, in denen die Städte überlaufen sind, die Mieten dort immer teurer werden, die Dörfer dagegen aussterben. Und auf der anderen Seite Outdoor-Aktivitäten wie Mountainbike fahren und wandern absolut im Trend liegen, weil die Leute Erholung vom urbanen Treiben brauchen. Da muss ich doch mal anfangen umzudenken!"

Umdenken heißt für Seip, im Ist-Zustand seiner Heimat keine Schwäche zu sehen, sondern Chancen. "Klar kann ich darüber jammern, dass so viele Läden leer stehen. Ich kann das aber auch umdeuten und sagen: Hier haben kreative Köpfe Raum, sich so richtig auszutoben." Wer beispielsweise vom eigenen Business träume, finde genügend Platz - zu unschlagbaren Mietpreisen. Denn während in Frankfurt der Quadratmeter Gewerbefläche circa 20 Euro kostet, bezahlt beispielsweise Frank Leutz etwa fünf Euro.

"Mach doch!"

Mit dem Ansatz rennt Seip offene Türen in Beerfelden ein. Denn was könnte der scheintote Stadtteil von Oberzent besser vertragen als junge Unternehmen, die sich hier ansiedeln? Um das zu erreichen hat sich ein Team zusammengeschlossen, das Starthilfe geben will. "Revive! Oberzent", Oberzent beleben!

Wie soll das funktionieren? "Wenn Max Mustermann heute kommt und sagt: "Da oben am Bike-Park, da wär's doch cool, wenn da eine Würstchenbude stünde. Ich hätte Lust auf so was.' Dann sagen wir: Mach doch! Und helfen, wo wir können. Beim Businessplan, bei der Finanzierung seiner Bude." Seip lacht. "Wie das auf dem Dorf so ist: Ich kenne da jemanden, dessen Cousine arbeitet bei der Sparkasse, die kann uns beraten ..." Ein Netzwerk, das man sich in der anonymen Großstadt mühsam aufbauen müsse, sei auf dem Dorf selbstverständlich, fast typisch.

revive! Oberzent
Die Initiative "Revive! Oberzent" bemalt ein Schaufenster in Beerfelden. Das sorgt für Gesprächsstoff im Ort. Bild © Christoph Seip

"Revive! Oberzent" will Kontakte herstellen, beraten, vermitteln. Das ganze ehrenamtlich. Nach dem Prinzip Nachbarschaftshilfe holt sich der Jungunternehmer heute - vielleicht noch kostenlos - den Rat eines ansässigen Rechtsanwalts. Und sobald der Laden läuft, bleibt er weiterhin als zahlender Mandant. Gewinner auf beiden Seiten. Klüngelei als Heilmittel gegen das Gemeindesterben? Verrückt? Genial? In jedem Fall innovativ.

Und allem Anschein nach attraktiv: Nur vier Wochen nach dem ersten Aufruf von "Revive! Oberzent" sind laut Seip bereits 13 Vorschläge eingegangen von Leuten, die ein Business aufziehen wollen. "Was genau, verraten wir nicht. Kulinarisch ist auf jeden Fall was dabei. Was auch immer sich realisieren lässt: Wir alle können es kaum erwarten, wenn der erste Laden hier eröffnet."

Weitere Informationen

"Revive! Oberzent" ...

  • bietet ein langfristig angelegtes Start-up-Programm, das junge Unternehmen auf dem Weg zum eigenen Business unterstützen soll
  • besteht aus einem neunköpfigen Expertenteam, darunter erfolgreiche Unternehmer aus der Region, Wirtschaftsmentoren, Vertreter der OREG Wirtschaftsförderung und der Stadt Oberzent
  • ist eine ehrenamtlich geführte Initiative
  • wird vom Land Hessen finanziell unterstützt im Rahmen des Integrierten Kommunalen EntwicklungsKonzepts (IKEK)
  • verspricht: Eine Idee genügt, beim Rest hilft das Team
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Ihre Kommentare Stadt oder Land? Wo lebt und arbeitet es sich besser?

8 Kommentare

  • Ich habe mich vor 11 Jahren in Hünfeld inkl. der umliegenden Dörfer insges. 15.000 Einwohner mit einem Gartenpflegedienst "Heinzelmännchen" selbständig gemacht.
    Mittlerweile beschäftige ich 5 Mitarbeiter.

  • Ich finde die Idee klasse und wünsche viel Erfolg für euch und den Interessenten.

  • Lebe seit 1957 im Odenwald und bin inzwischen über 90 Jahre alt. Noch dazu eine Frage?

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