Spargelstangen auf einem Feld in Weiterstadt

Europäische Erntehelfer werden wegen der Coronavirus-Pandemie auf hessischen Höfen knapp. Spargel kann nicht gestochen, anderes Gemüse nicht ausgesät werden. Der Lebensmittelhandel befürchtet keine Engpässe, fordert aber einen problemlosen Warenverkehr in der EU.

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hessenschau vom 16.03.2020
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Mitte März, bestes Wetter, Spargelzeit. Landwirt Rolf Meinhart müsste den erntereifen Spargel auf seinem Hof bei Weiterstadt (Darmstadt-Dieburg) nun eigentlich aus dem Boden holen, doch ihm fehlen die Saisonarbeiter. Er erzählt: Von seinen 150 benötigten Helfern seien gerade mal 50 mit dem Bus aus Rumänien gekommen.

Der zweite Bus sei an der Grenze schon nicht mehr durchgekommen und habe umgedreht. Ohne weitere Erntehelfer sei auch die Erdbeerernte bedroht, erklärt er.

Auch Spargelbäuerin Reinhild Müller aus Nauheim (Groß-Gerau) steht momentan ohne Helfer da. Kein einziger von ihren 50 Saisonarbeitern sei gekommen. "Mein Mann und ich sind zu zweit auf dem Hof", sagt sie. "Damit kommen wir nicht weit - da können wir höchstens genug für uns beide ernten."

Problematisch sei außerdem, dass jetzt eigentlich Pflanzzeit für weitere Gemüsesorten sei: Kartoffeln, Salat, Kräuter. "Das merken wir dann im Sommer", fürchtet Müller.

Erntehelfer aus Rumänien fehlen

Simon Schumacher vom Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer beschreibt die Lage als dramatisch. In ganz Deutschland würden pro Jahr zwischen 180.000 und 210.000 Erntehelfer aus dem Ausland arbeiten - allein für die Spargel- und Erdbeer-Ernte. Schätzungsweise 80 Prozent kämen aus Rumänien. "Die Erntehelfer haben Angst, dass sie nicht mehr ein- oder ausreisen können."

Über den Landweg hätten die Saisonarbeiter momentan kaum noch eine Chance. Probleme gebe es zum Beispiel an der ungarischen Grenze. Man finde auch kaum noch Busfahrer, Landwirte versuchten ihre Leute einzufliegen. Schumacher sagt: "Das führt zu echten Problemen - der Spargel wartet ja nicht."

Hochwertiges Gemüse braucht Handarbeit

Doch nicht nur Spargel- und Erbeeranbau sind betroffen, auch weiteres Gemüse bräuchte jetzt helfende Hände, bestätigt Wolfgang Dörr vom südhessischen Regionalbauernverband Starkenburg und selbst Landwirt. Kartoffeln könne kann man zwar noch mit einer sehr dünnen Personaldecke anpflanzen, erklärt er, auch Getreide sei kein Problem.

Aber Handarbeit erfordere besonders das hochwertige Gemüse, etwa Salate, Auberginen, Zucchini oder Tomaten. Er selbst habe seine Arbeiter glücklicherweise schon vor zwei Wochen geholt, doch vielen Kollegen gehe es jetzt anders. "Die stehen jetzt ohne Leute da."

Das meiste Obst und Gemüse kommt aus dem Ausland

Entscheidend ist vor allem der sogenannte Selbstversorgungsgrad, der aussagt, mit welchem Prozentsatz an inländischen Waren sich Deutschland selbst versorgen kann und wie viel importiert wird.

Während dieser Grad etwa bei Milch- oder Weizenprodukten bei über 100 Prozent liegt, kommt der Bereich Obst und Gemüse auf nur knappe 40 Prozent. Das heißt: Ein Großteil unseres Gemüses kommt aus dem Ausland, bei Obst ist es sogar besonders viel.

Lebensmittelhandel: Noch genug vorrätig

Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels erklärt, dass es deshalb wichtig sei, dass der Warenverkehr aus dem Ausland aufrecht erhalten wird. Trotzdem betont er: "Uns ist es auch sehr wichtig, dass wir auch hier in Deutschland unsere inländischen Lieferketten aufrecht erhalten können, weil wir die Ware aus heimischem Anbau natürlich lieber abnehmen."

Was die Versorgungslage mit frischem Obst und Gemüse angeht, sagt er: Momentan sei noch genug da und es werde auch weiterhin Ware aus dem Ausland geliefert. Soweit es die Lagerkapazitäten zuließen, hätten Lebensmittelhändler außerdem vorgesorgt, obwohl bei frischem Obst und Gemüse die Lagerzeit naturgemäß eine ganz andere sei als bei haltbaren Produkten. "Das reicht natürlich auch nicht ewig."

Kritik an Grenzkontrollen

Ähnlich äußert sich Andreas Brügger vom deutschen Fruchthandelsverband. Im Moment, sagt er, sei die Versorgung mit Obst und Gemüse aus seiner Sicht weiter gesichert, aber wie sich das weiter entwickelt, müsse man in den nächsten Tagen und Wochen absehen.

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Man müsse sich dringend damit beschäftigen, wie der Binnenmarkt weiter funktionieren kann. Nicht nur Erntehelfer hätten derzeit Angst, nach Deutschland zu kommen, weil sie dann möglicherweise nicht mehr nach Hause kommen. Auch Lkw-Fahrer seien kaum noch zu finden.

"Es besteht doch kein vernünftiger Grund, dass Lkw-Fahrer mit Lebensmitteln in 50-Kilometer-Schlangen tagelang vor der polnischen Grenze stehen und dann die Ware in der Sonne schlecht wird." Natürlich müsse man Hygienevorgaben einhalten, aber wie derzeit die Grenzkontrollen ablaufen würden, das sei seiner Meinung nach unvernünftig und sinnlos.

Brügger fordert deshalb, dass die Politik funktionierende Lösungen für die Lebensmittelbranche findet: "Der Binnenmarkt muss offen blieben, für Erntehelfer, Produktionsarbeiter und Lkw-Fahrer."

Weitere Informationen

Aktueller Stand: Freier Warenverkehr in der EU

Die EU-Kommission hat am Dienstagabend wegen der Ausbreitung des Coronavirus die Einreise von Nicht-EU-Bürgern in die EU für zunächst 30 Tage verboten. Zehn EU-Staaten haben inzwischen Grenzkontrollen eingeführt.
Um den freien Warenverkehr zu gewährleisten, forderte die EU-Kommission die Mitgliedsstaaten unter anderem dazu auf, an den Grenzen Sonderfahrspuren für Lkw einzurichten. Vor allem an den Grenzübergängen zwischen Deutschland und Polen bildeten sich in den vergangenen Tagen kilometerlange Staus. Es sei in diesem Bereich aber Sache der Mitgliedsstaaten, Entscheidungen zu treffen.

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Kreative Lösungen gesucht

Zumindest für das Problem mit den Saisonarbeitern gibt es bereits kreative Lösungsansätze: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat vorgeschlagen, Mitarbeiter aus der Gastronomiebranche, die momentan nichts zu tun haben, auf den Feldern einzusetzen. Offen ist derzeit auch, ob die Notbetreuung für Kinder möglicherweise auch auf Mitarbeiter aus der Lebensmittelindustrie erweitert wird.

Ein Hof in Hofheim-Wallau (Main-Taunus) bekommt außerdem seit dem Wochenende Hilfe von einer Schüler-Grupper. Die würde "leichte Arbeiten" auf dem Hof verrichten, berichtet der Landwirt. Ob sich dadurch aber die unzähligen Saisonarbeiter ersetzen lassen, die momentan für die harte Feldarbeit fehlen, ist fraglich.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.03.2020, 19.30 Uhr