Rolf Meinhardt steht auf einem seiner Spargelfelder, das nicht mehr abgeerntet wird.

Die Spargelbauern in Südhessen werden ihre Ware nicht los. In Zeiten von Krieg und Krisen ist die Nachfrage nach dem "Luxusgemüse" eingebrochen. Die Situation könnte das Spargel-Geschäft langfristig verändern.

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Spargelbauern ziehen die Reißleine

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Wenn im Frühjahr der Spargel sprießt, dann wird Südhessen für kurze Zeit zum kulinarischen Zentrum der Republik. Das "weiße Gold" aus dem südhessischen Sandboden landet deutschlandweit auf den Tellern der Spargelenthusiasten und lässt die Kassen der Landwirte ordentlich klingeln. So war es zumindest bislang. Doch Krieg und Krisen haben dunkle Wolken aufziehen lassen im Spargel-Paradies. Manch ein Landwirt spricht sogar von einem Wendepunkt.

Vielerorts ragen derzeit die grünen Spargelköpfe aus den markanten Sandhügeln auf den Feldern. Ein Bild, das man normalerweise erst nach der Erntesaison sieht. Doch in diesem Jahr schicken bereits einen Monat vor Ende der traditionellen Spargelzeit viele Landwirte große Teile ihre Erntehelfer nach Hause und überlassen die Felder sich selbst. Der Grund: Es gibt viel zu viel Spargel für eine zu geringe Nachfrage.

Kaum Nachfrage nach "Luxusgemüse"

"Spargel ist nun einmal ein Luxusgemüse, aber durch den Ukrainekrieg, die steigenden Lebensmittelpreise und hohen Energiekosten sitzt das Geld bei den Leuten nicht mehr so locker", erklärt Spargelbauer Rolf Meinhardt aus Weiterstadt (Darmstadt-Dieburg) im Gespräch mit dem hr. Spargel stünde dann meist nicht mehr auf dem Einkaufszettel.

Die Kosten für die Landwirte seien in letzter Zeit aber um bis zu einem Drittel gestiegen, sagt Meinhardt. Gleichzeitig liege der Preis für ein Kilo Spargel - derzeit sind es rund zwölf Euro - aber zehn Prozent unter Vorjahresniveau. Die Gewinnspanne für die Landwirte werde somit deutlich kleiner. "Das merken wir natürlich in der Kasse."

Aktuell rechnet Meinhardt mit Umsatzeinbußen von etwa 15 Prozent, genau beziffern könne er die wirtschaftlichen Auswirkungen aber erst nach Ende der Saison. Wenn im kommenden Jahr der auf zwölf Euro gestiegene Mindestlohn greife, werde sich die Situation noch einmal verschärfen.

"Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende"

Meinhardt, der auch Vorsitzender des Verbands südhessischer Spargel – und Erdbeerbauern (VSSE) ist, hat deswegen die Reißleine gezogen und beschlossen, rund vierzig Prozent seiner Felder von nun an unbearbeitet zu lassen. Viele Erntehelfer hat er bereits vorzeitig nach Hause geschickt. Allein auf seinem Tannenhof werden in diesem Jahr somit bis zu 60 Tonnen Spargel gar nicht erst gestochen.

Das geht nicht spurlos an dem Landwirt vorbei: "Da tut einem schon das Herz weh, wenn man das ganze Jahr über geharkt und bewässert und gedüngt hat", klagt der Landwirt. "Aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende."

Tatsächlich ist die Situation aus Sicht der Spargelbauern erschreckend. Auch durch die warmen Temperaturen wächst das Gemüse aktuell noch einmal schneller als üblich, was zu noch volleren Lagern führt. "Wir können die Ware aber schlicht nicht verkaufen", erklärt Meinhardt. Es habe zwar immer mal Jahre gegeben, in denen die Saison etwas früher zu Ende gegangen sei. "Aber so früh haben wir die Ernte noch nie eingestellt."

Ähnlich geht es Spargelbauer Marcus Mager aus dem Weiterstädter Stadtteil Gräfenhausen. "Wir sind in diesem Jahr schon mehrfach mit den Preisen nach unten gegangen. Aber verramschen ist ja auch keine Geschäftstaktik", erklärt der Inhaber des Spargelhofs Mager, der seine Ware anders als der Tannenhof hauptsächlich direkt vertreibt.

Bei ihm ist es sogar die Hälfte der Felder, die er sich selbst überlässt. Wie es - auch angesichts der steigenden Produktionskosten - weitergehen soll, weiß Mager nicht. "Man muss die Dinge akzeptieren, wie sie sind. Wir versuchen, das beste herauszuholen." Landwirt Andreas List von Bärli-Spargel in Bürstadt (Bergstraße) lässt sogar auf rund 70 Prozent seiner Fläche den Spargel herauswachsen.

Wendepunkt für Spargel-Industrie?

Die Spargel-Industrie in Deutschland steht an einem Wendepunkt, glaubt Meinhardt. Ein 'Weiter so' könne es nicht geben. "Wir müssen umdenken und überlegen, wie viel Spargel wir in den nächsten Jahren überhaupt noch anbauen möchten." Er rechnet mit einem markanten Rückgang der Menge, es gebe schlicht zu viel Spargel.

Meinhardt selbst will im nächsten Jahr jedes dritte seiner Spargelfelder anderweitig nutzen. Raps, Weizen und Sonnenblumen seien derzeit aufgrund des Kriegs sehr gefragt, darin sieht er eine Chance. Er glaubt, dass es ihm viele Kollegen und Kolleginnen gleichtun werden.

Deswegen sei ihm aber auch nicht Bange um die Zukunft der Bauern. "Mein Großvater hat immer gesagt: 'Landwirtschaft ist auch in Krisen sicher, denn gefressen wird immer.'" Aber eben deutlich weniger Spargel.

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