Foto der gesperrten Salzbachtalbrücke am Montagmorgen. Blick in den Straßenverlauf, es sind viele Gitter und Kräne zu sehen.

Führte die Hitzewelle Mitte Juni dazu, dass die Südhälfte der Salzbachtalbrücke absackte und die A66 an der Stelle bis Ende 2022 gesperrt sein wird? Ein Experte hält das für möglich.

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hs
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Die Havarie der Wiesbadener Salzbachtalbrücke könnten nach Einschätzung eines Experten die hohen Temperaturen in den Tagen zuvor ausgelöst haben. Einen ähnlichen Schadensfall habe es 1977 an der Mainbrücke Hochheim (Main-Taunus) gegeben, sagte Knut Bock von dem auf Brückenbau spezialisierten Ingenieurbüro Kinkel + Partner in Dreieich (Offenbach).

Bei Hitze dehnten sich Brücken aus, dadurch könne es auch passieren, dass sie - wie im Fall der Salzbachtalbrücke auf der A66 - von ihrem Lager herunterfallen und auf dem Pfeiler zum Liegen kommen.

Die Autobahnbrücke wurde am 18. Juni - mitten in der ersten Hitzewelle des Jahres - gesperrt, nachdem sich bei ihrer südlichen Hälfte der Überbau abgesenkt hatte und Betonbrocken herabgefallen waren. Auch die Straßen und Bahngleise unter der Brücke dürfen derzeit nicht befahren werden.

Der Hauptbahnhof Wiesbaden ist vom Zugverkehr so gut wie abgeschnitten. Die Brücke soll nun gesprengt werden, damit im Herbst mit dem ohnehin geplanten Neubau begonnen werden kann.

Experte: Sprengung bedarf intensiver Vorbereitung

Eine Sprengung kann aus Sicht von Bock schnell Abhilfe schaffen, bedürfe aber intensiver Planung. Die Verantwortlichen müssten genau sondieren, wohin die hunderte Tonnen schweren Teile der Brücke fallen und inwieweit Gebäude und Einrichtungen in der Umgebung in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Unter der Salzbachtalbrücke befindet sich auch eine Kläranlage.

Eine andere Möglichkeit, so Ingenieur Bock, wäre eine vorübergehende Sicherung durch ein aufwendiges Anheben der Brücke über Hydraulikpressen. Dafür müsse aber ausreichend Platz sein. Außerdem sei die Statik auch der nördlichen Brückenhälfte möglicherweise heikel, wenn der Pfeiler schiefgestellt werde, sagte Bock.

Ältere Brücken ächzen unter heutigem Schwerverkehr

Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) wies darauf hin, dass die Salzbachtalbrücke bereits so marode gewesen sei, dass sie bereits habe verstärkt werden müssen, damit sie durchhalte. Ähnlich sei man bei der Bergshäuserbrücke an der A44 bei Fuldabrück (Kassel) sowie an der Thalaubachbrücke der A7 bei Eichenzell (Fulda) vorgegangen, sagte Bock.

Beide Bauwerke gelten wie die Salzbachtalbrücke als die großen Sorgenkinder im Autobahnnetz in Hessen und sollen in den kommenden Jahren ebenfalls erneuert werden. Das passiert bereits seit einigen Jahren mit etlichen Brücken auf der A45 ins Sauerland. Die Baufälligkeit rührt meist von Materialermüdung der oft in den 1950er- und 1960er-Jahren erbauten Brücken und von den deutlich gestiegenen Belastungen durch den heutigen Schwerverkehr.

Rund 400 Brücken im Land Sanierungsfälle

Nach Angaben des ADAC Hessen-Thüringen gibt es landesweit 4.000 Brücken, von denen rund zehn Prozent erneuerungsbedürftig seien. Es habe lange einen Sanierungsstau gegeben, weil kein Geld in die Instandsetzung geflossen sei. Gerade bei der Salzbachtalbrücke hätte man viel früher mit den Bauarbeiten beginnen müssen, findet der ADAC.

Der marode Zustand von Salzbachtalbrücke & Co. ist nach Einschätzung von Al-Wazir ein Beispiel dafür, was deutsche Verkehrspolitiker über Jahrzehnte versäumt hätten. Sie hätten sich auf den Neubau von Straßen konzentriert, statt Sanierungen, Erhalt und Ersatzbauten vorrangig zu behandeln.

"Der Sanierungsstau ist wohl eines der größten Probleme in Deutschlands Infrastruktur", betonte der Minister: "Wir in Hessen setzen seit 2014 auf Sanierung vor Neubau. Trotzdem rechnen wir damit, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis wir den Sanierungsstau an Straßen und Brücken aufgeholt haben."

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