Startende Lufthansa-Maschine, Lufthansa-Flieger am Boden am Flughafen

Zwei Flugzeuge mussten am Flughafen Frankfurt einander ausweichen. An jenem Tag herrschte dort reger Betrieb. Eine Bürgerinitiative ist alarmiert. Die Flugsicherung forscht nach, eine andere Behörde spricht von einer Störung.

Frank Wolf geht regelmäßig mit seinem Hund spazieren in den Feldern rund um Hattersheim-Eddersheim (Main-Taunus). Oft arbeitet er in seinem Garten. Und er sitzt im Vorstand der Bürgerinitiative für Umweltschutz Eddersheim. Das alles weiß er miteinander zu verbinden: Sobald Wolf draußen ist, schaut er zum Himmel über dem nahe gelegenen Flughafen Frankfurt. Wenn ein Flugzeug startet oder zur Landung ansetzt, hört er es ohnhin schon vorher.

In jüngster Zeit, so sein Eindruck, nahm die Zahl der Maschinen, die von einer der Parallelbahnen sogleich in Richtung Nordwesten abdrehen und Eddersheim in geringer Höhe überfliegen, deutlich zu. Wie Wolf meint, in unzulässiger Weise. Abgehende Flieger und eventuell durchstartende Maschinen im Landeanflug auf Nordwest könnten sich so gefährlich in die Quere kommen. Kristina Kelek, die Sprecherin der Deutschen Flugsicherung (DFS), sagte dem hr am Donnerstag, sie könne eine solche Zunahme nicht bestätigen.

Flugzeuge näherten sich auf etwa 600 Meter an

Seit Eröffnung der Nordwestlandebahn im Herbst 2012 dürfen nur noch kleinere Maschinen und nur zu Zeiten ohne Landungen auf der Bahn im Kelsterbacher Wald direkt nach Nordwesten abdrehen. Für die Mehrzahl der Flüge ist die sogenannte Südumfliegung vorgeschrieben, die sie erst nach Süden und viel später nach Nordwesten bringt. Das gelte nach wie vor, so die DFS-Sprecherin. Änderungen bei den Flugrouten würden stets mit Fraport und Fluglärmkommission abgeklärt und veröffentlicht.

Am zurückliegenden Samstag, als Fraport wegen der beginnenden Sommerferien in Nordrhein-Westfalen rund 240.000 Passagiere in seinen Terminals zählte, beobachtete Frank Wolf folgendes, wie er dem hr schilderte: Ein Cityliner der Lufthansa im Landeanflug auf die Nordwestbahn startete durch, während ein großer A340 der Lufthansa auf der Centerbahn startete und nach rechts, also in Richtung Nordwest, gedreht habe. In der Luft hätten sich die beiden bis auf ungefähr 600 Meter angenähert, und das auf beinahe gleicher Höhe. Die Piloten im kleineren Flugzeug hätten daraufhin scharf nach rechts, der Airbus nach links gesteuert.

Bürgerinitiative: Flugsicherung setzt Sicherheit aufs Spiel

"Das war mit Sicherheit ein klarer Regelverstoß", findet der Aktivist von der flughafenausbaukritischen Eddersheimer Bürgerinitiative: "Um die wachsende Zahl an Flügen unterzukriegen, belegt die Flugsicherung zunehmend den Korridor im Luftraum, der aus Sicherheitsgründen offen sein sollte." Die DFS setzt nach Ansicht von Frank Wolf die Sicherheit der Bürger und Passagiere aufs Spiel, weil der Flughafen sie aus wirtschaftlichen Gründen dazu dränge. Und dann melde die Flugsicherung brenzlige Fälle noch nicht einmal.

Grafik einer Bürgerinitiative am Flughafen, wonach sich zwei Lufthansa-Maschinen deutlich zu nah gekommen seien

Bekannt gemacht haben die möglicherweise gefährliche Annäherung am vorigen Samstag die Bürgerinitiative gegen Fluglärm aus dem benachbarten Raunheim (Groß-Gerau) auf ihrer Facebook-Seite und das auf Flugverkehrsthemen spezialisierte Portal Aviation Herald Mitte dieser Woche. In dessen Bericht heißt es, die Besatzung des Cityliners habe den Airbus immer im Blick gehabt und sei durch das Kollisionswarnsystem auf den zu geringen Abstand hingewiesen worden. Beim Ausweichmanöver sei der Cityliner scharf nach unten geflogen, dabei sei es kurzzeitig brenzlig geworden. Letztlich habe sich die Situation klären lassen.

DFS: Es gilt immer safety first

Die Flugsicherung will den Zwischenfall nach Auskunft von Kristina Kelek untersuchen, das könne jedoch eine bis zwei Wochen dauern. Wie groß der vorgeschriebene Mindeststandard in der geschilderten Situation gewesen wäre, sei pauschal nicht zu sagen, sagte Kelek weiter. Es gebe so viele vorstellbare Konstellationen von startenden und landenden Flugzeugen am Frankfurter Flughafen, dass man eben immer auf den Einzelfall schauen müsse. Der Frankfurter Flughafen mit seinen zwei Parallelbahnen und der fast im rechten Winkel dazu angeordneten Startbahn West im Süden und der versetzt dazu liegenden Nordwestlandebahn gilt als eher schwierig zu navigierender Airport.

Grundsätzlich betont DFS-Sprecherin Kelek, ihre Behörde handele wie eh und je: "Es gilt immer safety first. Das bedeutet natürlich auch: Sicherheit geht vor Kapazität." Trotz der gestiegenen Anzahl von Flugbewegungen lägen die Sicherheitsanforderungen unverändert hoch - und sie würden eingehalten.

Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung prüft nicht weiter

Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig immerhin stuft den Zwischenfall vom vorigen Samstag als eine Störung ein, wie ein Sprecher am Donnerstag dem hr sagte. Jedoch führe diese Wertung nicht zu einer weitergehenden Untersuchung. Eine solche gebe es nur bei einer schweren Störung oder einem Unfall.

Auch hier hat Frank Wolf von der Eddersheimer Bürgerinitiative eigene Erkenntnisse: Bei einem Anruf habe er erfahren, der Vorgang bei der BFU sei keineswegs abgeschlossen. Man warte in Braunschweig auf eine Einschätzung der Flugsicherung. "Man muss die dort manchmal zum Jagen tragen", glaubt Wolf.