Streikende Amazon-Mitarbeiter vor dem Logistikzentrum in Bad Hersfeld.
Streikende Amazon-Mitarbeiter vor dem Logistikzentrum in Bad Hersfeld. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Zum Schnäppchentag "Black Friday" wird bei Amazon in Bad Hersfeld mal wieder gestreikt. Neben dem fehlenden Tarifvertrag bedrücken aktuelle Verlagerungspläne die Beschäftigen. Der Versandhändler argumentiert, er sei auch ohne Tarifvertrag ein fairer Arbeitgeber.

Videobeitrag

Video

zum Video Streik bei Amazon am "Black Friday"

Ende des Videobeitrags

Am Freitagmorgen befanden sich nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi rund 200 Mitarbeiter der Nacht- und Frühschicht im Amazon-Versandzentrum in Bad Hersfeld im Arbeitsausstand. Wegen der Kälte hielten sich die meisten nicht direkt vor den Werkstoren, sondern im Streiklokal in der Schilde-Halle auf, wie Mechthild Middeke vom Verdi-Fachbereich Handel zu hessenschau.de sagte. Der Streik begann mit Beginn der Nachtschicht und sollte bis Mitternacht dauern.

Mit dem Schnäppchentag "Black Friday" wählte die Gewerkschaft einen recht umsatzstarken Tag im Einzelhandel für den erneuten Streik. "Jetzt geht es in den Jahresendspurt, für die Beschäftigten die stressigste Zeit, Überstunden inklusive", sagte Gewerkschaftssekretärin Middeke: "Die Beschäftigten gehören besonders an einem Tag wie dem 'Black Friday' in den Mittelpunkt gestellt." Middeke rechnete damit, dass sich im Tagesverlauf rund 500 Beschäftigte am Streik beteiligen würden. Ihrer Schätzung nach arbeiten im Tagesverlauf rund 2.000 Beschäftigte insgesamt in den beiden Versandzentren in Osthessen.

Arbeiter erhalten ein Viertel des tariflichen Weihnachtsgelds

Der "Black Strike Day" ist die neueste Folge in der Streikserie bei Amazon, die im April 2013 begann. Weil der Internetgigant aus den USA die Proteste beharrlich mehr oder weniger ignoriert, sind die Forderungen von Verdi seit bald sechs Jahren dieselben: höhere Bezahlung und Einführung eines Tarifvertrags nach Art des Einzelhandels und nicht zu den Bedingungen der Logistikbranche, außerdem Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Sinne einer betrieblichen Gesundheitsvorsorge.

Zwar erstritten die streikbereiten Beschäftigten dank ihrer Beharrlichkeit etwas bessere Arbeitsbedingungen und eine Sonderzahlung zu Weihnachten über 400 Euro. Nach Angaben von Verdi-Sprecherin Ute Fritzel beliefe sich ein tarifliches Weihnachtsgeld (62,5 Prozent des Bruttolohns) jedoch auf etwa 1.600 Euro für die meisten Beschäftigten.

Retouren-Abteilung soll verlegt werden

Die Streikmoral sei trotzdem gut, sagte Middeke: "Es kommen ja immer wieder neue Beschäftigte hinzu - und auch neue Anlässe zum Arbeitskampf." Aktuell gebe es Pläne in der Geschäftsleitung, die Abteilung für Kundenretouren in Bad Hersfeld aufzulösen und nach Polen zu verlagern. Entsprechend seien die Kollegen dort in Sorge um ihren Job. In einer anderen Abteilung gebe es ein neues Sortiment, Getränke statt Bücher und CDs. Das mache die Pakete, die Beschäftigte dort bewegen müssten, deutlich schwerer, "und das geht auf die Gesundheit", sagte die Gewerkschafterin.

Videobeitrag

Video

zum Video Händler übertrumpfen sich

Ende des Videobeitrags

Ein Amazon-Sprecher antwortete auf Nachfrage von hessenschau.de dazu schriftlich, in den Standort FRA3 - so heißt das zweite, 2009 eröffnete Versandzentrum für Mode mit der genannten Retouren-Abteilung - habe das Unternehmen zuletzt weiter investiert: "FRA3 ist ein starker Standort von Amazon und soll es auch bleiben." Dank der zentralen Lage könne von dort Mode rasch innerhalb Deutschlands und Europas verschickt werden, und dies solle langfristig so bleiben. Über "diese Fokussierung" verhandle man aktuell mit Betriebsrat und Beschäftigten. Zur möglichen Verlagerung der Retouren-Abteilung kein Wort.

Amazon verweist auf lange Betriebszugehörigkeiten und geringe Streikresonanz

Grundsätzlich findet Amazon, dass die Kritik der Gewerkschaft an den Verhältnissen in den Versandzentren in Bad Hersfeld vorbei zielt: "Viele unserer Mitarbeiter sind seit vielen Jahren bei uns, was auch beweist, dass wir ein guter und zuverlässiger Arbeitgeber sind." An beiden osthessischen Standorten gehörten 1.651 Mitarbeiter dem Unternehmen seit mehr als fünf Jahren an, 364 sogar mehr als 15 Jahren - von rund 3.500 Beschäftigten insgesamt.

Dem Streikaufruf von Verdi am "Black Friday" seien nur 340 Mitarbeiter gefolgt, berichtete der Sprecher: "Da die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter weiterhin wie geplant arbeitet, sind Kundenbestellungen vom Streik nicht betroffen."

Amazon beweise jeden Tag, dass es "auch ohne Tarifvertrag ein fairer und verantwortungsvoller Arbeitgeber sein kann", führte der Unternehmenssprecher weiter aus: "Wir bezahlen in unseren Logistikzentren am oberen Ende dessen, was für vergleichbare Tätigkeiten üblich ist." Nach zwei Jahren verdiene ein Mitarbeiter im Schnitt 2.266 Euro brutto, zuzüglich Boni und Weihnachtsgeld. Freilich geht es Verdi eben darum, dass die Bad Hersfelder Beschäftigten des Online-Versandhauses nicht mehr der Logistikbranche zugerechnet werden, sondern dem Einzelhandel mit seinen insgesamt höheren Löhnen und Gehältern.

Sendung: hr-iNFO, 23.11.2018, 8 Uhr