Blick in Amazon-Logistikzentrum in Bad Hersfeld

Sie berichten von Überwachung, Abmahnungen und Mobbing: Drei Beschäftigte des Versandhändlers Amazon in Bad Hersfeld geben Einblicke in ihren Arbeitsalltag. Im Kampf um bessere Bedingungen wird auch derzeit wieder gestreikt.

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Audioseite Verdi ruft wieder zum Amazon-Weihnachtsstreik auf

Einige Menschen mit Warnwesten und roten Verdi-Flaggen an einem Tisch, sie teilen Zettel aus.
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Nein, daran könne sie sich nicht gewöhnen - auch nach vielen Jahren Betriebszugehörigkeit. "Ich werde hier behandelt wie der letzte Dreck", sagt Maria Nowak. Wie oft die Versandarbeiterin im Amazon-Logistikzentrum Bad Hersfeld in den vergangenen Jahren schon gestreikt hat, kann sie gar nicht sagen. Jetzt ist es mal wieder so weit. Zusammen mit rund 600 von insgesamt 4.000 Kollegen und Kolleginnen ist sie im Weihnachtsgeschäft in den Ausstand getreten. Aus Angst vor weiteren Repressalien will sie ihren richtigen Namen hier nicht lesen.

Aufgerufen zu dem Streik hat Verdi. Die Gewerkschaft fordert beharrlich einen verbindlichen Tarifvertrag für die Beschäftigten. Obwohl Amazon im Sommer die geplante Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns auf zwölf Euro vorweggenommen habe, lägen die Einkommen noch immer deutlich unter denen in tarifgebundenen Unternehmen des Einzel- und Versandhandels, kritisiert Verdi.

Ermahnungen wegen eines Toilettengangs

Aber bei dem Streik geht es offenbar nicht nur ums Geld. Viele Beschäftigte sind sauer über ihre Arbeitsbedingungen. Neulich sei sie von ihrem Chef ermahnt worden, weil sie ihren Arbeitsplatz verlassen habe, um auf die Toilette zu gehen, sagt Versandarbeiterin Nowak empört. Dass es sich dabei um keinen Einzelfall handelt, bestätigt ein Vorarbeiter aus dem Logistikzentrum, der bereit war, mit dem hr zu sprechen. Auch er möchte anonym bleiben und wird hier Klaus Müller genannt.

Vor einiger Zeit sei in einem der beiden Bad Hersfelder Zentren die Regelung eingeführt worden, dass sich Mitarbeiter an bestimmten Arbeitsstationen bei Vorgesetzten abmelden sollten, wenn sie zur Toilette mussten, sagt Müller. Als "menschenunwürdig" bezeichnet er das. Nach großem Aufruhr in der Belegschaft und einer Beschwerde des Betriebsrats sei die Regelung dann wieder einkassiert worden.

Dass Beschäftigte nicht immer zur Toilette gehen dürften, stimme nicht, heißt es dagegen vom Konzern: "Mitarbeiter:innen dürfen jederzeit die Toilette aufsuchen." Außerdem werde sichergestellt, dass es Toiletten in unmittelbarer Nähe zu jeder Arbeitsstation gebe.

Mitarbeiter fühlen sich überwacht

Worüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch klagen, ist die hohe Arbeitbelastung. "Es gibt immer wieder Vorgesetzte, die meinen, dass wir Arbeiter das Unmögliche möglich machen sollen", sagt Nowak. Besonders viel Druck gebe es von einigen der sogenannten Area-Manager, die für eine Gruppe von rund 100 Arbeiterinnen und Arbeitern zuständig sind, sagt sie: "Da kommen immer wieder mal neue Manager, die sich dann profilieren wollen." Diese Erfahrung hat auch der Vorarbeiter Müller gemacht.

"Diese vorgesetzten Manager sind oft noch sehr jung, treten vielleicht gerade den ersten Job nach dem Studium an", sagt er. Nowak meint: "Die stehen da manchmal zu zweit oder zu dritt und fangen einen ab, wenn man auch nur 30 Sekunden zu früh in die Pause geht." Sie fühle sich "auf Schritt und Tritt überwacht."

Verdi-Gewerkschaftssekretärin Mechthild Middeke kennt Schilderungen wie diese. "Mitarbeiter können über die Inaktivität von Scannern und anderen Arbeitsgeräten sehr stark kontrolliert werden, ob sie in irgendeiner Weise gerade nicht ihrer Arbeit nachgehen." So sei es schon häufiger zu Abmahnungen gekommen, weil die Pause wenige Minuten zu früh angetreten wurde.

Mit Magenschmerzen zur Arbeit

Mitarbeiterin Kerstin Hartmann (Name ebenfalls geändert) sei schon abgemahnt worden. Sie habe eine Behinderung, deretwegen sie teilweise "bewusst schikaniert" werde. Im vergangenen Jahr habe man sie in eine andere Abteilung pflichtversetzt, weil sie nicht produktiv genug gewesen sei.

Hartmann ist Teamleiterin und steht damit zwischen Versandarbeitern und Area-Managern. Das Mobbing gehe vor allem von anderen Teamleitern aus, so ihre Erfahrung. "Einmal habe ich nicht die Arbeit getan, die ich aus deren Sicht gerade hätte tun sollen", sagt sie. Sie habe berufliche E-Mails gelesen, statt Ware zu verpacken. Ihre Kolleginnen und Kollegen hätten es den Vorgesetzten erzählt, daraufhin sei die Abmahnung gekommen. "Mittlerweile gehe ich nur noch mit Magenschmerzen zur Arbeit", sagt Hartmann.

Amazon: Wollen jeden Tag besser werden

Der Konzern dementiert die Überwachung von Mitarbeitenden durch Vorgesetzte. "Unsere Führungskräfte arbeiten selbstverständlich eng mit ihren Mitarbeiter:innen zusammen, um diese zu fördern und zu coachen", heißt es in einer Stellungnahme. Gemeinsam mit den Beschäftigten arbeite man ständig daran, die Arbeitsabläufe zu optimieren, "um als Team gemeinsam jeden Tag besser und effizienter zu werden."

Zumindest bis nach Weihnachten wird das Unternehmen nun aber auf einen Teil seiner Belegschaft verzichten müssen. Erst nach Heiligabend wollen die rund 600 Streikenden ihre Arbeit in den Logistikzentren wieder aufnehmen.

Es könnte nicht der letzte Ausstand bei Amazon in Bad Hersfeld gewesen sein. "Aufgeben gehört nicht zu meinem Naturell", sagt Vorarbeiter Müller. Hartmann glaubt sogar, dass die Streikbereitschaft immer größer werde. "Kleine Verbesserungen gibt es ja vielleicht doch irgendwann", sagt Maria Nowak und meint nicht den diesjährigen Weihnachtsbonus, der sich bei ihr auf 150 Euro brutto belaufe. Das sei angesichts der steigenden Sprit- und Strompreise "ein Witz".

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Amazon boomt in der Krise

Der Onlinehandel hat in der Corona-Pandemie profitiert: Nach Berechnungen des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln hat der Konzern seinen Umsatz 2020 allein in Deutschland um sieben Milliarden Euro steigern können. Im Oktober 2021 sah die internationale Bilanz wegen Frachtkosten und Personalnot allerdings wieder schlechter aus. Auch für den Standort Bad Hersfeld sind aktuell Stellen ausgeschrieben. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass die Arbeitslosenquote in der Region so niedrig wie sonst nirgends in Hessen ist.

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