Das Fahren mit Bussen und Bahnen wird im Rhein-Main-Verkehrsverbund noch einmal deutlich teurer - und in Nordhessen womöglich auch. Das sei wegen explodierender Kosten alternativlos, sagen Verantwortliche. Aber es gibt grundsätzliche Kritik.

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VCD-Experte: RMV verwaltet das Elend

Ein RMV Fahrkartenautomat
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Werden Fahrscheine für Busse und Züge im Nahverkehr noch einmal spürbar teurer, in Kassel, Eschwege, Bad Hersfeld oder Korbach? Die traditionelle Verteuerung Anfang des Jahres betrug 1,4 Prozent. Der Aufsichtsrat des Nordhessischen Verkehrsverbundes (NVV) berät Ende März über eine außerordentliche, womöglich kräftige Preiserhöhung. Es bleibt also Zeit, sich auf Kundenärger und Negativ-Schlagzeilen gefasst zu machen.

Die Kollegen vom Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) sind weiter. Gerade haben sie einen Extra-Aufschlag um durchschnittlich 3,9 Prozent für den Sommer verkündet, nach einer regulären Verteuerung um 1,5 Prozent zum Jahresanfang. Sie arbeiten die zum Teil heftigen Reaktionen noch ab.

VCD: Unangemessen und falsches Signal

Wobei die wenigsten so weit gehen, die Abkürzung RMV grob in "Richtig Miese Verarsche" umzudeuten, wie es die Bild-Zeitung machte. Scharfe Kritik an der Preispolitik kann sogar mit Mitleid verbunden werden. Dass man hier so deutlich in die Taschen von Kunden greife, sei "nicht angemessen" und "das falsche Signal", sagt Mathias Biemann, Sprecher der Regionalgruppe Rhein-Main des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Aber er fügt hinzu: "Der RMV ist ja eigentlich nur der Verwalter des Elends."

Denn ÖPNV ist ein großes Zuschussgeschäft. Die Ticketeinnahmen decken lediglich gut die Hälfte der Kosten, Tendenz sinkend. In der Corona-Pandemie sank die Zahl der Fahrgäste zwischenzeitlich auf die Hälfte, die Umsätze gingen stark zurück. Jetzt erholt sich das Geschäft, aber die Betriebskosten explodieren. Der NVV leidet darunter genauso wie der RMV. Strom: plus 33 Prozent. Diesel: plus 17 Prozent. Personalkosten: plus 7,5 Prozent. "Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben geht immer weiter auseinander“, beklagt eine NVV-Sprecherin.

Klimaschutz hier, Betriebskosten da

Ob Verkehrsverbund oder hessisches Verkehrsministerium: An der außerordentlichen "Anpassung der Beförderungstarife" geht ihrer Darstellung nach in solch einer akuten Lage leider kein Weg vorbei. Oder vielleicht doch? Dass eine Alternative denkbar wäre, hatte RMV-Geschäftsführer Knut Ringat bereits im Herbst ausgesprochen. Da war längst klar: Die Kosten steigen um mindestens fünf Prozent, werden von der regulären Tickerverteuerung um 1,5 Prozent also nicht gedeckt.

In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau sagte der RMV-Chef klipp und klar: "Entweder der Tarif wird weiter moderat erhöht und die Politik stützt uns mehr. Oder wir beteiligen die Fahrgäste stärker an den Kosten." Das sei eine politische Entscheidung. Und bei ihr geht es auch um langfristige Ziele vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung und verstopfter Straßen. Mobilitäts- und Verkehrswende heißt laut Ringat nämlich "mehr Geld von der öffentlichen Hand".

So viel wie noch nie - aber zu wenig?

Die zwei großen Verkehrsverbünde in Hessen sind Dienstleister in der Hand der öffentlichen Hand. Träger des NVV sind fünf Landkreise und das Land. Der RMV hat als Gesellschafter der GmbH neben dem Land die Landkreise und kreisfreien Städte im Gebiet des Verbundes. Im Aufsichtsrat, der die Erhöhung gerade beschlossen hat, ist Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) der Chef. Er beeilte sich, nach dem Preisbeschluss zu versichern: Seine Stadt werde innerhalb ihres Gebiets dafür sorgen, dass die Teuerung weniger arg durchschlage.

Mehr Geld in den ÖPNV des ganzen Landes fließt ja schon, wie das Verkehrsministerium in Wiesbaden geltend macht. Im Jahr 2022 überweise Hessen den Verkehrsverbünden 982 Millionen Euro. "So viel wie noch nie", betont ein Sprecher. Aber die Aktualität stelle nun mal eine "beträchtliche Herausforderung" dar.

Und hatte der RMV im Corona-Jahr 2021 die traditionelle Preiserhöhung zum Jahresbeginn nicht sogar zugunsten der Kunden um ein halbes Jahr verschoben? Mehr Geld wird zudem wegen gigantischer anderer Aufgaben beim Klimaschutz, wegen Modernisierungsrückständen und Pandemiefolgen anderswo auch gebraucht.

Grüne uneinig

Zu den Zuzahlungen aus Steuermitteln heißt es vom NVV: Rund vier Milliarden Euro umfasse das reguläre staatliche Fünf-Jahres-Bugdet für Bus und Bahn in Hessen: 79 Prozent vom Bund, 18 Prozent vom Kommunalen Finanzausgleich und lediglich drei Prozent an "originären Landesmitteln". Ein dezenter Hinweis auf Luft nach oben an die Landesregierung?

Mit der Verteidigung der RMV-Preissteigerung überzeugt das vom Grünen Al-Wazir geführte Ministerium jedenfalls nicht alle, auch nicht alle Grünen. Der Wiesbadener Verkehrsdezernent Andreas Kowol ist als Parteikollege Al-Wazirs einer der schärfsten Kritiker des Schrittes. Nicht nur, weil die Gefahr groß sei, dass bei dieser Art der Preispolitik die Fahrgastzahl sinke und mit ihr der Umsatz.

Die vierte Verteuerung in zwei Jahren treffe "besonders diejenigen Menschen hart, die so schon jeden Euro umdrehen müssen". Im Interesse einer sozial ausgewogenen Politik sei das nicht.

Sechs Stationen, 4,30 Euro - und mehr

Auch der VCD gehört eigentlich zu den inhaltlichen Verbündeten beim Ziel der Verkehrswende, wie sie zum Markenkern der Grünen als kleinerem Partner der schwarz-grünen Koalition gehört. Viel Beifall spendete der Verkehrsclub seinerzeit der Einführung des Jobtickets für alle Landesbediensteten, das den Verbünden verlässlich hohe Einnahmen beschert.

Doch viele haben so ein Ticket eben nicht. VCD-Landesvorstandsmitglied Biemann sagt: Gerade in den Städten helfe es Menschen mit wenig Geld nichts, wenn der RMV die Preise für Jahreskarten sowie Schüler- und Seniorentickets stabil hält - um den Stammkundinnen und Stammkunden "für ihre Treue in der Pandemie zu danken", wie es in einer Mitteilung des Unternehmers heißt.

Einzeltickets sind schon heute oft vergleichsweise teuer. In einer VCD-Stellungnahme wird vorgerechnet: Für die sechs Stationen und elf Minuten Fahrzeit vom Marktplatz in Offenbach zur Hauptwache in Frankfurt werden "unverhältnismäßig hohe 4,30 Euro" fällig. Und ab 1. Juli noch einmal rund vier Prozent mehr.

VCD: Langfristiges Ziel in Frage gestellt

Auch der VCD-Experte Biemann spricht daher von einem falschen Signal für eine neue Verkehrspolitik. All die Jahre seien die Kosten für die ÖPNV-Nutzung nämlich prozentual stärker gestiegen als die fürs Autofahren. Und nun werde schon bei der ersten Hürde "das Langfristziel eines einfachen, kostengünstigen Mobilitätsangebots für alle" in Frage gestellt – und Kunden abgeschreckt.

Neu geplante Tarifreformen, Preismodelle mit Rabatten wie bei der Bahn-Card oder gerechtere Fahrt-Abrechnung per App: Am Grundübel ändert das nach Meinung Biemanns nichts. Die Kunden bräuchten günstige, transparente Tarife und einen Ausbau des Angebots. "Und was die Verkehrsverbünde in Hessen brauchen, sind solide Grundfinanzierungszusagen von Bund und Land, die krisenfest und kalkulierbar sind."

Hoffen aufs nächste Budget

Zumal anderswo längst über das 365-Euro-Jahresticket oder gar ÖPNV zum Nulltarif gesprochen wird. Das suggeriere den Fahrgästen aber, dass Busse und Bahn zu diesem Preis tatsächlich zu haben seien, wendet der NVV ein. Auch aus seiner Zentrale heißt es: "Sollen die Preise moderat bleiben, müssen Land, die Kommunen und der Bund ihre Finanzierung erhöhen".

Nach Angaben des NVV steht nicht nur im März die Aufsichtsratssitzung an, in der die Frage nach einer außerordentlichen Verteuerung auf der Tagesordnung stehen dürfte. Wegweisendes ist demnach im Gange: Zurzeit liefen die Verhandlungen mit dem Verkehrsministerium über das Budget bis zum Jahr 2027.