halbvolles Bierglas

Corona, Kriegsfolgen, Kostendruck: Die Geschäftslage bereitet den Brauereien Kopfschmerzen. Hinzu kommt: Es wird immer weniger getrunken. Doch nicht überall herrscht Krisenstimmung. In einem Dorfbräuhaus im Vogelsberg läuft es entgegen des Trends gut.

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Wie ein Dorfbrauhaus der Krise auf dem Bier-Markt zu trotzen versucht

Dorfbräuhaus
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Die Zeiten sind zwar schwindelerregend für Bierbrauer in Hessen und darüber hinaus. Doch Lars Hauck und Gunther Thias lassen sich - Corona hin, Kostendruck her - die Laune nicht verderben. Gemeinsam betreiben sie das Dorfbräuhaus in Wartenberg-Landhausen (Vogelsberg) und betrachten den Tag des deutschen Bieres, der jedes Jahr am 23. April begangen wird, auch immer irgendwie als einen Feiertag.

Mit dem Aufbau und Betrieb ihres Brauerei-Ausschanks ist für das Gründer-Duo ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. "Wir lieben, was wir tun", sagen sie. Daher prangt auf den Flaschen-Etiketten auch ihr Motto: "Liebevoll von Hand".

Das Dorfbräuhaus ist nach Angaben der Macher Hessens kleinste gewerbliche Brauerei. Das Betreiber-Duo hat seit der Eröffnung im April 2011 eine ungewöhnliche Geschichte mit wachsendem Erfolg geschrieben, während die Bier-Branche über Katerstimmung klagt.

Deutsche trinken immer weniger Bier

Denn Bier ist zwar eines der beliebtesten alkoholischen Getränke in Deutschland - doch der Konsum geht immer weiter zurück. Innerhalb von rund 30 Jahren hat der Biermarkt rund ein Viertel seines Volumens verloren, berichtet der Deutsche Brauer Bund. Der Pro-Kopf-Verbrauch lag in Deutschland im Vorjahr bei rund 84 Litern. Im Jahr 2010 waren es noch 102 Liter, wie das Statistische Bundesamt berichtet.

Balkendiagramm von 1995 bis 2020 mit fallender Kurve

Auch der bundesweite Bierabsatz ist gesunken, um 20 Prozent in den vergangenen 20 Jahren. In Hessen zeigt sich ein noch drastischeres Bild: Hier hat sich der Bierabsatz mehr als halbiert, von gut 4,5 Millionen Hektoliter im Jahr 2000 auf knapp 1,8 Millionen Hektoliter im Jahr 2020.

Gegen den Trend gewachsen

Zuletzt hat aber auch die vorübergehende Schließung der Gastronomie und der Wegfall von Veranstaltungen eine Rolle bei der Konsum-Entwicklung gespielt. Im Dorfbräuhaus haben sie hingegen - abgesehen von der Corona-Pandemie - pro Jahr 20 Prozent zugelegt. Die Vogelsberger wachsen gegen den bundesweiten Langzeit-Trend.

Craft Biere in Frankfurt

Obwohl der Bierkonsum und der damit verbundene Ausstoß der Brauer tendenziell sinkt, wächst die Zahl der Brauereien in Deutschland, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Mittlerweile gibt es mehr als 7.500 verschiedene Marken. Jede Woche kommt mindestens ein neues Bier auf den Markt. Nirgendwo ist das Angebot so abwechslungsreich wie in Deutschland, beschreibt der Deutsche Brauer Bund. Die beliebteste Biersorte ist und bleibt aber das Pils mit einem Marktanteil von rund 50 Prozent.

Naturtrüb, unfiltriert, frisch

Kleine Mikrobrauereien versuchen, mit neuen Craft-Beer-Kreationen den Biermarkt aufzumischen. Als Craft-Beer-Produzenten sehen sich die Männer aus dem Dorfbräuhaus aber nicht. Sie legen in ihrer Manufaktur Wert auf handwerklich und hochwertig gebrautes Bier, das sich mit dem Mainstream der industriellen Brauereien nicht vergleichen lasse. Die Zutaten dafür kommen überwiegend aus der Region, wie die beiden erklären.

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Stichwort Craft-Beer

Craft-Beer sind meist sehr intensive Biere, bei denen größere Hopfenmengen sowie oftmals auch neue Aromahopfen-Sorten oder spezielle Malze verwendet werden. Diese von Regionalität und Experimentierfreude geprägten Biere werden meist in kleineren Mengen hergestellt und oft direkt vor Ort in Braugaststätten und Bars ausgeschenkt. Sie haben lediglich einen Marktanteil von rund zwei Prozent in Deutschland.

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Die Biere im Dorfbräuhaus sind naturtrüb, unfiltriert und frischer - dadurch aber nur vier bis sechs Wochen haltbar. Sie werden weder pasteurisiert noch künstlich konserviert. Braumeister und Geschäftsführer Hauck erklärt: "In unserem Bier sind noch Mineralstoffe, Eiweiße und Hefebestandteile enthalten. Es ist naturbelassen und dadurch voller im Geschmack."

Für Mitbegründer Thias kann man den Unterschied zwischen dem Dorfbräuhaus-Bier und Massenmarkt-Produkten so beschreiben: "Das ist vergleichbar mit dem frischen Aufschnitt, den man beim Metzger bekommt und der in Plastik eingeschweißten Wurst im Discounter."

Von "Rotkehlchen" und "Dicken Kumpils"

Im urigen Dorfbräuhaus, früher als Feuerwehrhaus und Backstube genutzt, werden zehn verschiedene, saisonal passende Sorten gebraut. Im Sommer gibt es Weizen und erfrischende Sorten, im Winter auch Dunkelbiere. Ihre Kreationen haben Namen wie "Rotkehlchen", für das rötlich, malzige Bier, und "Dicke Kumpils" für das klassische Pils.

Dorfbräuhaus

80 Prozent des Bieres werden im Dorfbräuhaus oder dem Kulturkessel in Bad Salzschlirf als zweitem Ausschank verkauft. Doch in der Corona-Pandemie stagnierte das Theken-Geschäft. In den beiden vergangenen Jahren sei der Umsatz dadurch um 30 Prozent eingebrochen, erklärt Thias. Um sich über Wasser zu halten, haben sie einen Online-Shop aufgebaut und das Sortiment mit neuen Kreationen verbessert, sagt Thias. Die Corona-Krise wirkte wie ein Innovationstreiber für die Vogelsberger. "Ohne die Pandemie wäre uns das sicher nicht eingefallen", gesteht er.

Das Dorfbräuhaus hat auch Vorteile gegenüber Großbrauereien: "Als kleine Brauerei sind wir viel beweglicher. Wir können schneller Dinge ausprobieren, Produkte kreieren und sie auf den Markt bringen", sagt Braumeister Hauck. Allerdings muss das Dorfbräuhaus mit viel geringeren Kapazitäten auskommen. Die Jahresproduktion beträgt gerade einmal 400 Hektoliter (40.000 Liter). Eine Brauerei-Gruppe wie Radeberger, zu der auch Binding in Frankfurt gehört, kommt auf 11,2 Millionen Hektoliter pro Jahr.

Bier wird teurer

Die großen Brauereien haben derzeit zu kämpfen. Die Folge: Preiserhöhungen. Krombacher und Veltins verlangen seit Anfang April mehr Geld für ihr Bier. Die Radeberger Gruppe und Bitburger wollen im Mai nachlegen. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauerbundes, Holger Eichele, begründet: "Wir sehen bei Rohstoffen, Verpackungen, Energie und Logistik nie gekannte Preiserhöhungen." Marktbeobachter rechnen damit, dass sich die Erhöhungen auf bis zu zehn Prozent belaufen.

Ein Kunde nimmt in der kleinen Brauerei "Braustil" eine Flasche aus dem Kühlschrank.

Binding in Frankfurt hat nach eigenen Angaben auch unter Corona gelitten. Eine Sprecherin nannte "fehlende Planungssicherheit, anhaltende Absatz- und Umsatzrückgänge sowie eine deutliche erkennbare Konsumzurückhaltung" als Probleme. Zahlen nannte sie nicht.

Binding besorgt über Kriegsfolgen

Die Binding-Sprecherin erklärte: "Unter dem Eindruck des Kriegsgeschehens in der Ukraine wird sich diese Situation nochmals verschärfen." Eine mögliche Verknappung von Gas bereite Sorgen. Es könne zu einem Produktionsausfall bisher ungekannten Ausmaßes bei weiten Teile des produzierenden Gewerbes kommen.

Auch das Dorfbräuhaus sieht sich gezwungen, die Preise anzupassen. Die Energiekosten sind explodiert. Malz und Flaschen seien um 30 Prozent teurer geworden, sagt Thias. "Doch wir glauben, dass unsere Kunden Preiserhöhungen akzeptieren. Nach dem Corona-Winter haben die Menschen Lust, sich wieder etwas zu gönnen."

Zwei Gläser mit Bier

Ob die angespannte wirtschaftliche Lage, steigende Inflationsraten und unsichere Zukunftsaussichten aufgrund des Ukraine-Krieges die Aussichten trüben? "In Krisenzeiten wird mehr getrunken. Das hat man in den Hochphasen der Corona-Pandemie gesehen", meint Braumeister Hauck. Das wiederum könnte irgendwann zu Schwindelgefühlen bei der Kundschaft führen.

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Tag des deutschen Bieres

Der Feiertag geht zurück auf die Proklamation des deutschen Reihnheitsgebots am 23. April 1516. Seitdem darf deutsches Bier nichts als Hopfen, Malz, Hefe und Wasser enthalten. Das Reinheitsgebot ist die älteste, heute noch gültige lebensmittelrechtliche Vorschrift. In Oberursel (Hochtaunus) wird das am Wochenende groß gefeiert. Der Rathausplatz verwandelt sich in einen Biergarten mit Live-Musik. Mehrere Brauer präsentieren ihre Erzeugnisse. Am Sonntag wird die Meisterschaft im Maßkrugstemmen abgehalten.

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