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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Führen im Tandem als neues Management-Modell

Frau zeigt Mann in Produktionshalle den Ablauf

Potenzielle weibliche Führungskräfte stehen noch oft vor der Frage: Kind oder Karriere? Eine Antwort könnte sein: beides. Tandem-Modelle machen es möglich.

Nach aktuellen Zahlen der gemeinnützigen Allbright Stiftung sind die Vorstände der 160 deutschen börsennotierten Unternehmen im Dax, MDax und SDax mit 613 Männern und gerade einmal 86 Frauen besetzt. Nur 12,3 Prozent der Führungskräfte sind demnach weiblich - immerhin zwei Prozentpunkte mehr als noch vor einem halben Jahr. Die gesetzliche Frauenquote soll das ändern: Dann muss mindestens eine Frau im Vorstand eines Börsenunternehmens sitzen, wenn dieser drei oder mehr Mitglieder hat.

Bislang nur vereinzelt Chefinnen

Und so gibt es auch in Hessen erst vereinzelt Chefinnen. Sonja Wärntges etwa leitet das Frankfurter Immobilienunternehmen DIC Asset, Britta Giesen den Vakuumpumpenhersteller Pfeiffer Vacuum aus Aßlar (Lahn-Dill). Und ab Mai übernimmt Belén Garijo den Vorstandsvorsitz beim Darmstädter Pharmaunternehmen Merck - sie wird damit die erste Frau überhaupt sein, die einen Dax-Konzern allein führt.

Dieses Allein-Führen ist aber Teil des Problems, dass es so wenige weibliche Führungskräfte gibt. Viele Frauen treten beruflich kürzer, wenn sie Kinder bekommen. Sie arbeiten fortan in Teilzeit? Aber eine Chefin oder ein Chef in Teilzeit war lange nicht denkbar. Dabei gibt es zunehmend Modelle, die das Dilemma auflösen: Führen im Tandem. Drei Beispiele aus Hessen.

Tandem-Vermittlung Twise

Portrait von Nina Gillmann.

Ein Aufenthalt in New York gab den Anstoß für das Frankfurter Startup Twise. Mitgründerin Nina Gillmann arbeitete dort in gemischten Teams, in denen ganz selbstverständlich viele Frauen vertreten waren. "Als ich zurückkam vor fünf Jahren, kam mir die deutsche Welt im Vergleich doch sehr weiß und männlich vor", erzählt sie.

Männer dominierten hierzulande immer noch die Chefetagen, sagt Gillmann. Viele Frauen wollten wegen der Familie in Teilzeit arbeiten, in den meisten Betrieben sollten Chefs jedoch rund um die Uhr verfügbar sein.

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„Die Welt in deutschen Chefetagen kam mir sehr weiß und männlich vor.“ Zitat von Nina Gillmann
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Die Lösung liegt für Gillmann auf der Hand: Unternehmen könnten für Führungsstellen einfach zwei Menschen finden, ein Tandem. Gillmann, die als Mutter von vier Kindern selbst Karriere und Familie unter einen Hut bringen muss, gründete deshalb mit anderen vor etwa einem Jahr Twise: "Wir wollen das Telefonbuch für solche Tandempartner sein."

Das Start-up will Ansprechpartner sein sowohl für Arbeitgeber, die mit Tandems mehr Frauen in Führungspositionen bringen wollen, als auch für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die in Teilzeit Karriere machen wollen. Der Name Twise setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern twice und wise und bedeutet sinngemäß: doppelt schlau.

Wie Headhunter suchen Gillmann und ihre Mitstreiterinnen passende Kandidaten, unter anderem in Sozialen Netzwerken. Interessentinnen und Interessenten füllen einen Fragebogen aus und füttern mit ihren Daten einen Algorithmus, der mögliche passende Tandems vorschlägt. Laut Gillmann ist die Trefferquote hoch. Ihren Angaben zufolge steckt das Start-up nach einem Jahr noch in der Pilotphase, hat aber schon Tandems erfolgreich vermittelt, etwa an den Großkonzern Haniel.

Co-Chefinnen bei der Förderbank Kfw

Silke Diedrich und Alexandra Kahl, Abteilungsleiterinnen in der Förderbank Kfw

Bereits 15 solcher Tandems gibt es in den Chefetagen der staatlichen Förderbank Kfw mit Sitz in Frankfurt. Eine Tandempartnerin hat etwa Silke Diedrich. Zusammen mit Alexandra Kahl leitet sie eine Abteilung mit knapp 20 Mitarbeitern. "Jede von uns hat Zugriff auf den Terminkalender und die E-Mails der anderen", sagt Diedrich.

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„Das Tandem hat es mir überhaupt erst ermöglicht, in eine Führungsposition zu kommen.“ Zitat von Silke Diedrich
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Regelmäßiger Austausch und Übergaben ermöglichen es Diedrich, nur 24 Stunden pro Woche für den Job aufzubringen und die restliche Zeit daheim für ihre Zwillinge da zu sein. "Das Tandem war für mich überhaupt erst die Möglichkeit, in eine Führungsposition hineinzukommen", sagt sie. Außerdem freue sie sich über eine Partnerin, die das gleiche Ziel vor Augen habe. Wie ein Unternehmenssprecher sagt, profitiert von dem Modell auch die Kfw, weil sich auf diese Weise bessere Ergebnisse erzielen ließen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zufriedener seien. 

Führen im Team in der Commerzbank

Sofia Strabis, Managerin für Diversität und Inklusion in der Commerzbank

Auch andere Unternehmen machen sich Gedanken, wie sie weniger Frauen auf dem Weg an die Spitze verlieren können. Die Commerzbank zum Beispiel bietet schon lange Doppelspitzen und Leitungspositionen in Teilzeit an.  

Sofia Strabis, Mutter von zwei Kindern, ist dort als Teilzeitchefin verantwortlich für Diversität und Inklusion. Um Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können, arbeitet sie auf einer 80-Prozent-Stelle. "Ich nehme in meinem Kalender ab 16 Uhr keine Termine an. Die Zeit ist für die Familie reserviert", sagt sie. Natürlich gebe es Ausnahmen, etwa Tage, an denen sie früher aufhöre, aber abends noch an einer Telefonkonferenz teilnehme oder eine Präsentation vorbereite.

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„Auch Männer fragen Teilzeit-Chefposten immer öfter nach, um sich mehr um die Familie kümmern zu können.“ Zitat von Sofia Strabis
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Wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber flexibel sind, bringe das beiden Seiten etwas, davon ist auch Strabis überzeugt. Auch die Unternehmen profitierten, wenn in Chefetagen Männer und Frauen gleichermaßen vertreten sind. "Die gehen an Probleme ganz anders ran und finden dafür unterschiedliche Lösungen", sagt Strabis.

Übrigens ist Führen in Teilzeit bei der Commerzbank kein reines Frauenthema. "Auch Männer fragen solche Teilzeit-Chefposten immer öfter nach", berichtet die Diversitätsmanagerin: "Viele wollen sich auch mehr um ihre Kinder kümmern, andere nebenher studieren oder ein Start-up gründen."

Sendung: hr-iNFO, 21.04.2021, 15.55 Uhr