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Die Grüne-Welle-App im Test

Für das Stadtgebiet Frankfurt gibt es eine neue kostenlose Grüne-Welle-App. Sie soll Auto- und Radfahrern die richtige Geschwindigkeit zeigen, um ohne viel Anhalten über Ampeln zu kommen. Stadt und ADAC sind euphorisch, unsere Test-Fahrer skeptisch.

"Auf dem Alleenring funktioniert es keinen Meter", sagt hr-Redakteur Daniel Scondo: Er hat auf dem Weg zur Arbeit die Smartphone-Anwendung namens "trafficpilot" in seinem Auto eingeschaltet; zur grünen Welle im Frankfurter Stadtverkehr hat sie ihn entgegen dem Hersteller-Versprechen nicht geführt. Gleich mit zwei Verkehrsmitteln testete hr-Kollege Jonas Schulte die App: Auto und Fahrrad. "Eine nette Spielerei", findet er - auch wenn er bei seiner Testfahrt ein Hupkonzert verursacht hat.

Die kostenlose Anwendung für Smartphones verspricht, jetzt auch in Frankfurt bei Staus und nervtötend langen Rotphasen Abhilfe zu schaffen. Sie soll Auto- und Radfahrern die richtige Geschwindigkeit zeigen, um bei Grün über die Ampeln zu kommen. "So kommt man als Radfahrerin oder Radfahrer entspannt über die nächste Kreuzung und spart als Autofahrerin oder Autofahrer Kraftstoff ein und reduziert Emissionen", teilt die Stadt hoffnungsvoll mit. Über 250.000 Euro kostete die Entwicklung der App und wurde zur Hälfte vom Bund bezahlt.

Und so funktioniert‘s

Auf dem Smartphone-Display zeigt die App während der Fahrt, ähnlich wie ein Navigationsgerät, eine virtuelle Fahrbahn an, die in rote und grüne Flächen unterteilt ist. Bleibt man beim Fahren im grünen Bereich, fährt man die optimale Geschwindigkeit, um die nächste Ampel bei Grün zu erreichen - so das Versprechen. Roter Bereich heißt: Man fährt zu schnell oder zu langsam und schafft es nicht.Technisch kurzgefasst, melden die Ampeln in der Stadt Daten an einen Verkehrsrechner, der sie wiederum an die App weitergibt, damit sie reagieren kann.

Testfahrt 1: Jonas Schulte (Auto + Fahrrad)

Unser Kollege war einmal auf dem Fahrrad und einmal im Auto mit der App unterwegs im Stadtgebiet - und hat prompt andere Autofahrer auf sich aufmerksam gemacht. Sein Erfahrungsbericht:

hr-Reporter Jonas Schulte mit Fahrrad, Mikrophon und Smartphone

Das Fahrgefühl: "In der grünen Welle bin ich nicht wirklich gelandet, weil auch nicht alle Ampeln in der Stadt Signale an diese App senden, und dort steht man dann auch mal bei Rot. Grundsätzlich muss man sagen: Bei den Ampeln, die dort mitmachen, funktioniert die Prognose ganz gut. Was die App anzeigt, stimmt dann auch."

Der Haken: "Gerade auf dem Fahrrad ist mir aufgefallen, wenn du dich im roten Bereich bewegst, willst du natürlich in die Grünphase reinkommen, wenn sie vor dir liegt. Das heißt, du gibst mehr Gas und bist schneller unterwegs. Einmal ist in so einer Situation ein Fußgänger auf den Fahrradweg gelaufen, den hätte ich beinahe nicht gesehen. Das heißt: Es verleitet zum Schnellerfahren. Im Auto hatte ich dagegen oft das Gefühl, dass die Grünphase hinter mir liegt, ich also langsamer fahren muss. Nun haben noch die wenigsten diese App, also hat es hinter mir erstmal ein Hupkonzert gegeben. Und noch etwas ist mir aufgefallen: Die App hat auf einer geraden Straße oft nur die Geradeaus-Spur im Blick, nicht die Abbiegespuren."

Das Fazit: "Es ist eine nette Spielerei, aber die grüne Welle garantiert diese App nicht."

Testfahrt 2: Daniel Scondo (Auto)

hr-Redakteur Daniel Scondo ist mit der App Auto gefahren. Das hat ihn zwar gut unterhalten, aber nicht wirklich überzeugt, sagt er:

Das Fahrgefühl: "Ich fand, das Unterhaltsamste war: Wenn du an der Ampel stehst, wird dir ein Countdown angezeigt, wie lange sie noch rot ist. Ich wusste zum Beispiel, ob ich noch Zeit habe, am Radio den Sender zu wechseln."

Der Haken: "Die Hoffnung, dass die App dir sagt, fahr diese Geschwindigkeit und du kommst über jede Ampel, wird nicht eingelöst. Auf dem Frankfurter Alleenring funktioniert es keinen Meter. Wenn du dort 30 fährst, schaffst du es nicht bei Grün - du musst dich darüber hinwegsetzen."

Das Fazit: "Nicht mehr als eine nette Spielerei. Aber vielleicht nutzt die Stadt die Informationen aus der App ja, um die Verkehrsführung künftig anzupassen."

Warum es noch hakt: Das sagen Stadt und Experten

Ingmar Bolle ist in Frankfurt Sprecher des Straßenverkehrsamtes. Die Schwachstellen der neuen App kennt er. Auch, weil "trafficpilot" schon in anderen hessischen Städten und Gemeinden erprobt und im Einsatz ist - etwa in Kassel oder Heusenstamm (Offenbach). Tatsächlich kann die App nur an rund der Hälfte der 800 Frankfurter Ampeln funktionieren, weil lediglich 441 laut Bolle bislang an den Verkehrsrechner angeschlossen sind.

Ecken wie der Alleenring in Frankfurt würden es der Anwendung schwer machen, weil sie besonders verkehrsbelastet sind und große Straßen an komplexen Kreuzungen aufeinandertreffen. "Je dichter das Straßennetz, desto begrenzter die Koordinierungsmöglichkeiten", sagt Bolle. "Ampelkreuzungen sind immer ein Kompromiss." Wenn die App mit ihrer Prognose daneben liegt, liege das manchmal auch am ÖPNV: Denn Bus- oder Straßenbahnfahrer können einige Ampeln spontan für sich auf Grün schalten und haben dann Vorfahrt. "Das ist auch so gewollt."

Gut funktioniere die App vor allem auf geraden Strecken mit einer großen Hauptachse. Trotz aller Haken sieht Bolle das Geld für die App als gut investiert. "Die Prognosequalität liegt bei 90 Prozent." Wichtig sei, dass die Nutzerinnen und Nutzer nun einen Einblick in die Verkehrsführung bekämen, die durch die App transparenter und sichtbarer werde. Feedback von App-Nutzern nehme das Straßenverkehrsamt im Übrigen gern entgegen, sagt Bolle: "Wenn wir feststellen, dass wir in der Koordination etwas verbessern können, dann machen wir das."

Auto-Club euphorisch, Fahrrad-Club verhalten

Der Automobilclub ADAC Hessen zeigt sich auf hr-Anfrage euphorisch, was den Nutzen der App angeht. "Wir finden die Idee richtig gut", sagt ADAC-Verkehrsexperte Wolfgang Herda. Zwar löse die App allein sicherlich nicht die Verkehrsprobleme einer ganzen Stadt, aber sie helfe, die Probleme der Autofahrer zu mildern. "Wir haben in den Städten begrenzt Platz im Verkehrsraum und können nicht weiter ausbauen", sagt Herda. "Da kann man nur noch durch solche verkehrstelematischen Lösungen etwas tun." Er erhofft sich, dass Autofahrer mit der App "moderater fahren" und "dass ich unterm Strich Sprit spare."

Etwas verhaltener fällt das Urteil des Fahrradclubs ADFC aus: "Die Idee, den Verkehrsfluss mit digitalen Tools zu verbessern, ist grundsätzlich interessant", sagt Landesgeschäftsführer Norbert Sanden. Sie könnten zur Eindämmung von Schadstoffkonzentrationen hilfreich sein. "Ob diese App die Verkehrssicherheit erhöht oder nicht eher durch einen Ablenkungseffekt verringert, wird sich zeigen."

Dringender fordert Sanden flächendeckend Tempo 30 innerorts. Dies würde den Verkehrsfluss und die Verkehrssicherheit erhöhen. Außerdem fordert der ADFC, dass sich die Verkehrssteuerung nicht nur nach dem motorisierten Verkehr richten soll. Stattdessen sollten sich Ampelschaltungen stärker als bisher an den Geschwindigkeiten von Radfahrern und Fußgängern richten, um diese Fortbewegungsarten attraktiver zu machen.

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