E-Scooter-Fahrer in Frankfurt

Seit einem Jahr düsen sie durch die Straßen Frankfurts: E-Scooter zum Mieten. Anfangs befürchtete die Stadt eine Rollerflut und viele Unfälle. Wie läuft es also und wo in Hessen gibt es überhaupt E-Scooter? Wir ziehen Bilanz.

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An jeder Straßenecke stehen sie in Frankfurt: E-Scooter zum Mieten, genauer gesagt Elektrotretroller. Das Kraftfahrtbundesamt hat es vor einem Jahr möglich gemacht. Am 15. Juni 2019 trat die Verordnung für Elektrokleinstfahrzeuge in Kraft, angeschoben vom Bundesverkehrsministerium. In Frankfurt startete das erste Unternehmen am 22. Juni sein Verleihangebot. Wie haben sich die Scooter seitdem gemacht?

Wie viele E-Scooter gibt es in Frankfurt zu mieten?

In Frankfurt gibt es zurzeit vier Firmen, die E-Scooter zum Mieten anbieten. Die Berliner Unternehmen Tier und Wind, sowie die US-Firmen Bird und Lime. Die orange-farbenen E-Scooter von Circ sind aus dem Stadtbild verschwunden, das Unternehmen wurde vom Konkurrenten Bird übernommen. Das Berliner Unternehmen Tier Mobilty hat nach eigenen Angaben aktuell 1.900 Roller zum Verleihen in Frankfurt aufgestellt, der Konkurrent Lime macht aus Wettbewerbsgründen keine Angaben zur Rolleranzahl in Frankfurt. Somit ist unklar, wie viele Roller genau unterwegs sind.

In welchen hessischen Städten können E-Scooter geliehen werden?

Erlaubt sind die E-Scooter in allen hessischen Städten, Verleihfirmen haben sich bislang allerdings nur in Frankfurt und Wiesbaden niedergelassen. In Frankfurt gibt es die meisten E-Scooter zum Mieten. In Wiesbaden bieten drei Anbieter E-Scooter zum Verleihen an.

Andere Städte in Hessen sind nach eigenen Angaben eher zurückhaltend. "Wir sehen darin keinen spürbaren Beitrag zur nachhaltigen Sicherung stadtverträglicher Mobilität", sagt etwa ein Pressesprecher der Stadt Kassel. Aus Offenbach heißt es, es liegen derzeit keine Anträge von Verleihfirmen vor. Marburg verweist darauf, dass in der Stadt viele Blinde und Sehbehinderte leben, für die teils herumliegende E-Scooter eine Gefahr darstellen. Man sei in Gesprächen mit Anbietern, gibt Darmstadt an. Da E-Scooter vorwiegend Wege ersetzen, die mit dem ÖPNV oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, könnten sie kaum klimapolitische Ziele erreichen.

Gibt es technische Neuerungen?

Ja, bessere Akkus zum Beispiel. Anders als noch vor einem Jahr arbeitet das Berliner Unternehmen Tier Mobilty nach eigenen Angaben nicht mehr mit Subunternehmen zusammen. Bis Januar seien die E-Scooter jeden Tag eingesammelt, gewartet und geladen worden, inzwischen befinden sich in den Scootern allerdings Lithium-Ionen Akkus mit einer längeren Laufzeit, die im Schnitt erst nach sieben bis acht Tagen geladen werden müssen. Erst dann würden die Roller gesammelt und in einer Frankfurter Ladehalle gewartet und derzeit auch coronabedingt desinfiziert.

Wie viele Unfälle mit Elektrotretrollern sind passiert?

In der aktuellen Verkehrsunfallstatistik der Stadt Frankfurt gibt es erst im nächsten Jahr eine eigene Spalte für Unfälle mit Elektrotretrollern. Dieses Jahr könne nur eine Unfalltendenz angegeben werden, so eine Pressesprecherin. Bis Ende des Jahres 2019 habe es in Frankfurt aber E-Roller-Unfälle im hohen zweistelligen Bereich gegeben. Schwer verletzt hätten sich dabei nur wenige Menschen. Die häufigsten Verstöße auf E-Scootern seien Fahrten zu zweit oder mit mehreren Personen, Fahren auf Grünstreifen oder Gehwegen oder das Fahren unter Alkohol oder Drogeneinfluss. Insgesamt hätten sich die E-Scooter gut ins Stadtbild eingefügt, für eine abschließende Bewertung sei es allerdings noch zu früh.

Von wem werden die Scooter genutzt und für welche Strecken?

Besonders häufig werden E-Scooter während Pendleruhrzeiten morgens und abends und in den Mittagspausen genutzt, heißt es von einem Pressesprecher von Tier Mobilty. Der Kundenstamm sei breit gefächert und könne derzeit keiner Alters- oder Berufsgruppe zugeordnet werden. Für Frankfurt gebe es keine konkreten Nutzerzahlen, deutschlandweit betrage die durchschnittliche Nutzungsdauer rund 14 Minuten, in denen 2 bis 2,5 Kilometer zurückgelegt werden. Auch Limes bestätigt dem hr eine durchschnittliche Fahrzeit von 10 bis 15 Minuten.

E-Roller versus Leihräder: Was ist günstiger?

Ganz klar, das Fahrrad. Beim E-Scooter-Verleih fällt jedes Mal eine Startgebühr von einem Euro an, jede Fahrtminute kostet je nach Anbieter 15 bis 20 Cent. Eine halbe Stunde Fahrt mit einem E-Scooter kostet daher bis zu sieben Euro, bei vielen Fahrrad-Verleihangeboten ist die erste halbe Stunde Fahrt kostenfrei, jede weitere halbe Stunde kostet bei vielen Anbietern einen Euro.

Was hält das Frankfurter Verkehrsdezernat vom neuen Verkehrsmittel? 

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Verkehrsdezernent: "Roller gehören ins Stadtbild"

E-Scooter in der Frankfurter Innenstadt
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Frankfurts Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) warnte anfangs vor einer regelrechten Rollerflut und einem erheblichen Konfliktpotenzial auf Frankfurts Straßen. Oesterlings Bilanz nach einem Jahr Elektrotretroller in Frankfurt fällt jedoch weitaus weniger scharf aus, er zieht sogar ein überwiegend positives Fazit. Von einer "Rollerflut" könne nicht mehr gesprochen werden, so Oesterling gegenüber dem hr, die Situation habe sich normalisiert. "Scooter sind in Frankfurt willkommen und haben eine Zukunft." Allerdings werde die Bedeutung für den Verkehrsmarkt überschätzt, da sie eher Freizeitgerät als Verkehrsmittel seien, was auch an den stark überhöhten Preisen liege.

Was sagen Umweltschützer?

Der NABU Hessen hat eine klare Haltung gegenüber E-Rollern. Von einem verkehrspolitischen Sprecher des NABU Bundesverbandes heißt es, man sehe das E-Scooter-Verleihsystem in heutiger Form äußerst kritisch, da die Roller aktuell keinen Beitrag zur Mobilitätswende leisteten. Besonders in den städtischen Randgebieten gebe es kein Verleihangebot, dort wo das ÖPNV-Netz schlechter sei und die Roller eigentlich nützlich wären. Außerdem sollten die Verleiherfirmen enger mit den ÖPNV-Angeboten zusammen arbeiten und kommunal stärker reguliert werden.

Sendung: hr-iNFO, 22.6.2020, 6.50 Uhr; hr-fernsehen, hessenschau, 22.6.2020, 19.30 Uhr