hr-Reporter Marcel Sommer sitzt auf einer Bank, dahinter eine meterhohe Skulptur in Form eines Eurozeichens

Immer mehr Privatleute spekulieren per App an der Börse mit Aktien. Was muss man können, um damit Erfolg zu haben? Unser Reporter hat es eine Woche lang ausprobiert und einen professionellen Trader aus Frankfurt begleitet.

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zum hr-fernsehen.de Video 7 Tage ... zocken an der Börse

Ein Banker, im Hintergrund Bildschirme mit Börseninformationen
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Seit Jahren gibt es kaum noch Zinsen auf Bankguthaben - oder sogar Negativzinsen. Und die Rente scheint auch nicht mehr sicher. Wie kann man sein Geld da noch vermehren? Für immer mehr Menschen ist die Börse die Antwort auf diese Frage. Deutschland erlebt einen neuen Aktien-Boom, angetrieben von jungen Anlegerinnen und Anlegern. Viele setzen dabei auf das kurzfristige Spekulieren - in der Hoffnung auf große Gewinne. Kann man das lernen? Das möchte ich selbst ausprobieren.

Für meinen Selbstversuch habe ich 200 Euro Budget und mein Smartphone. Ich melde mich bei einem "Neobroker" an. Diese Anbieter wollen den Einstieg in den Aktienhandel attraktiv machen - mit vergleichsweise geringen Gebühren und benutzerfreundlichen Trading-Apps. Für meine ersten Schritte hole ich mir Tipps von einem Profi der Frankfurter Börse.

Aktienhandel im Homeoffice

Ich besuche Michael Flender, seit 13 Jahren hauptberuflich Daytrader. Auf Instagram interessieren sich mehr als 40.000 Menschen für seine täglichen Börsen-Stories. Mit dem Klischee des anzugtragenden Börsenhändlers hat Flender nicht viel gemein: In Badeschlappen und Jogginghose sitzt er im Arbeitszimmer seiner Wohnung im Osten Frankfurts.

Doch die fünf Bildschirme vor ihm verraten sofort, was dieser Mann beruflich macht: Auf dem einen bewegen sich gezackte Graphen hoch und runter, in Tabellen blinken einzelne Zeilen rot und grün, links laufen über den Nachrichtenticker jede Minute neue Meldungen ein. Parallel dazu chattet Michael Flender mit Mitgliedern seiner Trading-Community über den Messenger Discord. Die Informationsflut erschlägt mich.

Ein Mann sitzt mit Smartphone in der Hand am Schreibtisch.

"Ein bisschen wie Poker oder Sportwetten"

Michael Flender ist studierter Wirtschaftsinformatiker und hat sich sein Börsenwissen selbst angeeignet. Mittlerweile ist er Vollzeit-Daytrader. Er kauft und verkauft kurzfristig Aktien, meist innerhalb eines Tages. Anhand der Nachrichtenlage versucht er Unternehmen zu identifizieren, mit denen sich als Anleger kurzfristig Gewinn machen lässt.

"Das macht mir am meisten Spaß, weil es da eine direkte Verknüpfung zur Wirtschaft gibt. Mich interessiert, was die Unternehmen operativ machen", sagt Flender. "Wenn man zum Beispiel während der Corona-Krise erkannt hat, welche Unternehmen sich stärker erholt haben oder welche Branchen gut liefen: Solche Sachen versuche ich zu identifizieren und davon zu profitieren."

Was reizt Michael Flender so sehr am Traden? "Es ist ein bisschen Gamification, wie Poker oder Sportwetten. Aber die Börse ist nachhaltiger, weil man sich jeden Tag mit den Unternehmen beschäftigt. Das macht den Reiz aus: Es ist ein täglicher Kampf gegen die anderen Meinungen am Markt. Du guckst jeden Tag: Liegst du mit deiner Meinung richtig?"

Einfach mal mithandeln

Aber wie steigt man in das Trading sinnvoll ein? "Ich rate jedem, das einfach mal zu machen: als aktiver Privatanleger ein bisschen mitzuhandeln", erklärt Michael Flender. Denn um irgendwann in Vollzeit als Trader erfolgreich zu arbeiten, brauche man viel Routine. "Es gibt Leute, die wenig Erfahrungen haben und dann nur die spekulativsten Aktien handeln, vielleicht noch mit einem Hebel. Dazu sage ich: Fangt lieber ein bisschen ruhiger an."

hr-Reporter Marcel Sommer steht zwischen Hochhäusern im Frankfurter Bankenviertel

Daran halte ich mich, ich fange klein an. Etwas planlos suche ich meine ersten Aktien aus: Wo gibt es gerade gute Nachrichten, welche Unternehmen sind in den Schlagzeilen? Meine erste Aktie kaufe ich, kurz bevor in New York an der Wall Street der Handel beginnt. Und prompt stürzt der Kurs zum Börsenstart ein gutes Stück ab. Das fühlt sich frustrierend an - aber selbst die besten Traderinnen und Trader müssen auch mit Verlusten leben können.

Der Kopf als größtes Problem

Bei einem gemeinsamen Mittagessen erzählt mir Michael Flender von den Schattenseiten seines Berufs. Einen festen Feierabend gibt es nicht - es könnte sich ja nachts etwas an den Börsen in den USA und Asien tun. Wie lange ist es her, dass Michael Flender das letzte Mal einen Tag lang nicht in sein Aktiendepot geschaut hat? "Das ist sehr lange her. Gar nicht reinzuschauen ist schon sehr schwer. Ganz abzuschalten, das habe ich nur einmal im Urlaub geschafft."

Weitere Informationen

Mehr über das Trading an der Börse und die Eindrücke unseres Reporters erfahren Sie in der TV-Dokumentation "7 Tage ... zocken an der Börse", die am 12. August um 21.45 Uhr im hr-fernsehen lief und in der ARD-Mediathek abrufbar ist.

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Und auch an die Risiken des Tradings gewöhnt man sich auch nach Jahren nicht komplett. Michael Flender berichtet, wie hart ihn der Börsencrash zu Beginn der Corona-Krise getroffen hat. Er habe damals fast sein gesamtes Kapital in Aktien gehabt: “Der Kopf ist das größte Problem, da spielen sich verrückte Dinge ab. Man sagt dann: Wenn es noch so und so lang schlecht läuft, muss man die Fixkosten runterfahren, vielleicht die Wohnung kündigen."

Er habe in dieser Zeit kein Essen mehr bestellt, sondern stattdessen öfter Nudeln gekocht. "Ich war auch nicht in der Stimmung, frühstücken zu gehen, wenn gleichzeitig mein Depot implodiert."

100.000 Euro Verlust

Von solchen Achterbahnfahrten der Gefühle bin ich in meiner Börsenwoche weit entfernt. Immerhin habe ich mein erstes kleines Erfolgserlebnis: Für 25 Euro kaufe ich die Aktie eines Brennstoffzellenherstellers - zwei Tage später verkaufe ich sie für 27. Trotz des kleinen Betrags sind das stolze acht Prozent Gewinn. Und: ich bin froh, die Aktie rechtzeitig losgeworden zu sein, bevor der Kurs wieder fällt.

Michael Flender bewegt beim Trading ganz andere Summen. An einen großen Rückschlag Anfang des Jahres erinnert er sich noch gut. Damals verabredeten sich Spekulantinnen und Spekulanten in Online-Foren und trieben die Aktienkurse unscheinbarer Unternehmen in die Höhe - etwa die des Videospielhändlers GameStop.

Michael Flender setzte auf fallende Kurse - allerdings deutlich zu früh. "Da habe ich um die 100.000 Euro verloren. Das war ein echt harter Schlag. Ich hatte einen guten Start und habe dann mein Jahr ins Minus gedreht. Auch das gehört leider dazu."

Ein Mann steht mit einer Bierflasche in der Hand an einem Flussufer, hinter ihm drei weitere Männer im Gespräch

Nach einer Woche kein großer Gewinn

Mein eigener Selbstversuch endet unspektakulär: 199,89 Euro zeigt das Depot am Ende der Woche an. Ich habe weder den großen Gewinn gemacht noch viel verloren. Das Problem: Weil mein Startkapital so gering war, haben die Gebühren von einem Euro pro Kauf oder Verkauf meinen kleinen Gewinn unter dem Strich wieder aufgefressen. Aber Michael Flender beruhigt mich: "Wenn du mit mehr Kapital gehandelt hättest, dann wäre das ganz ordentlich gewesen."

Ich finde es beeindruckend, wie Michael Flender seinen Beruf lebt: Fast immer online, auf der Suche nach der nächsten Chance. In meinem eigenen Versuch hat sich das für mich aber auch fast wie eine Abhängigkeit von der Börse angefühlt.

Mir ist klar geworden: Das kurzfristige Spekulieren sorgt bei mir eher für Stress als für Spaß. Ein Ansatz, den ich für mich persönlich passender finde, ist langfristig in Aktien und Fonds zu investieren, denen ich wirklich vertraue - anstatt kurzfristigen Hypes hinterher zu jagen.

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