Strenge Einlassbedingungen Haupteingang der Frankfurter Uniklinik.

Auf sie kommt es an in der Corona-Krise - doch die Ärzte an den drei hessischen Unikliniken schieben Frust: Seit Monaten warten sie auf einen neuen Tarifvertrag, wie ihn ihre Kollegen in anderen Bundesländern längst haben. Einen Streik lehnen sie aktuell ab - aus Rücksicht auf ihre Patienten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ärzte an Unikliniken fordern Tarifabschluss

Hinweisschild "Uni-Klinik" in Frankfurt.
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Applaus von den Balkonen, günstige Essenslieferungen direkt ins Krankenhaus - selten war die Anerkennung für Ärzte in Hessen so groß wie aktuell in der Corona-Krise. Doch eine viel wichtigere Anerkennung vermissen die Mediziner an den drei hessischen Unikliniken derzeit schmerzlich: die ihres Arbeitgebers, der Landesregierung.

Zwar hat erst an diesem Dienstag Innenminister Peter Beuth (CDU) im täglichen Corona-Newsletter der Frankfurter Uniklinik persönlich allen Beschäftigten gedankt, berichten Ärzte. Aber darum geht es ihnen nicht. Es geht darum, dass die im Oktober begonnenen Tarifverhandlungen zwischen Ärztegewerkschaft Marburger Bund und den Arbeitgebern immer noch nicht abgeschlossen sind. Die Ärzte fühlen sich hingehalten und im Stich gelassen.

Das erklären sie in einem offenen Brief an Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), den seit letzter Woche mehr als 1.000 der knapp 2.000 Ärzte an den drei Standorten Frankfurt, Gießen und Marburg unterzeichnet haben. Immerhin sind dies drei der sechs "koordinierenden Krankenhäuser" in Hessen in der Corona-Krise.

Bundesweit gibt es eine Lösung - in Hessen nicht

Mit einem Warnstreik im Februar hatten die Ärzte in Hessen und auch deutschlandweit Druck gemacht. Sie forderten neben mehr Gehalt auch weniger Bereitschafts- und Wochenenddienste. Unter der heraufziehenden Coronakrise haben sich beide Seiten bundesweit Anfang März auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Er sieht insgesamt 6,5 Prozent mehr Geld für die Ärzte vor, weniger Bereitschaftsdienste und weniger Wochenendarbeit.

Hessen ist außen vor, weil weil das Land nicht mehr Mitglied der Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) ist. Deshalb braucht es einen eigenen Tarifvertrag. Der Marburger Bund verhandelt dafür mit der Landesregierung und dem Rhön-Klinikum AG für die privatisierten Unikliniken Gießen und Marburg (UKGM) und der Goethe-Universität für Frankfurt. Was bei diesen Verhandlungen derzeit passiert, ist unklar.

Skurril wurde es am Donnerstag: Da teilte zuerst das Innenministerium mit, man habe mit der Ärztegewerkschaft Marburger Bund eine "konstruktive" Telefonkonferenz geführt und sei "auf einem guten Weg". Kurz darauf meldete sich der Marburger Bund "mit absolutem Unverständnis": Die Verhandlungen seien "auf keinem guten Weg" und beide Seiten "weit von einer fairen Lösung entfernt".

Arbeitgeber wollten eine "Zwischenlösung"

Tatsächlich stehe einem Abschluss derzeit "in erster Linie die Corona-Pandemie" im Weg, teilte das Innenministerium mit. Die Verhandlungsrunde Ende März sei aufgrund der Kontaktsperre abgesagt worden.

Die Arbeitgeber hätten dem Marburger Bund angeboten, dass die Ärzte jetzt als Zwischenlösung zunächst 2,5 Prozent mehr Geld und das Landesticket für den ÖPNV bekommen. Diese 2,5 Prozent entsprächen der ersten Stufe der Gehaltserhöhung aus der TdL-Einigung vom März.

Themen wie Dienstplangestaltung, freie Wochenenden und weniger Bereitschaftsdienste sollten Ende des Jahres oder Anfang 2021 verhandelt werden, "da eine Eilbedürftigkeit für diese Forderungen in Zeiten der Corona-Pandemie nicht gesehen wurde."

Der Marburger Bund lehnte es aber ab, die Themen aufzuschnüren und separat zu verhandeln. Geschäftsführer Andreas Wagner berichtete, die Gewerkschaft habe vorgeschlagen, auf der Grundlage der TdL-Einigung eine Lösung zu finden. Das bezeichneten die Arbeitgeber wiederum als "zu komplex", sagt Wagner. So wird nun am 15. Mai weiter verhandelt.

Arzt: Landesticket "eine Farce"

Leopold Eberhart, Anästhesist in Marburg, sagte dem hr: "Die Stimmung an der Basis brodelt." Nur könne man momentan keinen Arbeitskampf machen, an Streiks sei nicht zu denken. "Das wäre ein Verrat an der Öffentlichkeit und der Gesellschaft, die uns gerade so stark unterstützt." Aber der aktuelle Tarifvertrag sei "steinzeitlich", mit 58-Stunden-Wochen und ohne Grenzen für Wochenenddienste.

Um ein positives Signal zu senden und "die herausragende Arbeit der Landesbeschäftigten in der Corona-Krise" zu würdigen, hatte Staatssekretär Stefan Heck (CDU) vergangene Woche angekündigt, dass die Ärzte wieder ein Landesticket erhalten sollen.

Ein Arzt an der Frankfurter Uniklinik bezeichnete das im Gespräch mit dem hr als "Farce": "Das Landesticket gab es für die Ärzte an den Unikliniken in Hessen schon vor 2018, bis es ihnen zum Jahresende 2019 als einzige Berufsgruppe wieder 'weggenommen' wurde." Zudem sei es aufgrund der Corona-Krise aktuell ohnehin nicht ratsam, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen.  

Sendung: hr4, die hessenschau für Mittelhessen, 22.04.2020, 16.30 Uhr