Freiräume, Open Office, Büchertausch: In einem selbst gebauten Holz-Kubus zeigen die "Pioneers" Ideen für Homberg Efze.

Teure Mieten, winzige Parks, laute Straßen - das Leben in der Großstadt kann nerven. Auf dem Land ist häufig das Gegenteil das Problem, es herrscht Leerstand. Homberg (Efze) bietet 20 Großstädtern einen Tausch: Kommt einen Sommer aufs Land und bringt Ideen mit – und die Stadt bietet günstiges Wohnen, Sonnenuntergänge, Wiesen und Wälder.

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hessenschau vom 1.06.2012
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Homberg (Efze) ist ein nordhessisches Fachwerkstädtchen mit Burg, Marktplatz und Kirche: Ein Ort, zu dem das Wort beschaulich passt. Ruhig ist er auf jeden Fall, es ist nicht viel los. Viele der Läden sind noch nicht geöffnet, obwohl es wieder erlaubt wäre, die Inzidenzen sind niedrig. An manchen Häusern blättern Putz und Farbe ab.

Einige Läden werden auch nicht mehr öffnen, die Besitzer mussten wegen Corona aufgeben, dazu kommt viel Leerstand. Homberg hat ein Problem, das viele Orte im ländlichen Raum haben, auch ohne Pandemie: Es fehlt an Menschen, die herziehen wollen, Aufschwung mitbringen - und auch bleiben.

"Eine Leere, die gefüllt werden muss"

"Auf dem Land ist eine Leere, die gefüllt werden muss", sagt Jonathan Linker. Die Großstädte kämen hingegen an ihre Grenzen, es herrsche Enge, die Möglichkeiten, Natur und Freiheiten zu erleben, seien begrenzt. Linker ist Teil des Netzwerks "Homberger", nordhessische Unternehmer die gegen die Landflucht ankämpfen. Zusammen mit der Stadt hat er ein Land-Stipendium organisiert: Großstädter konnten sich mit Ideen bewerben, um Homberg zu beleben - und bekommen dafür eine günstige Wohngelegenheit im Altstadtkern, einen Co-Working-Space, viel Platz und viel Grün.

"Summer of Pioneers", heißt das Projekt, Landleben auf Probe. Auch in zwei anderen Orten in Deutschland finden Sommer für Pioniere statt, die Hoffnung ist, dass manche das Land lieben lernen und nicht mehr weg wollen. In Homberg leben seit kurzem 20 "Pioniere", zum Teil samt Familie, aus Berlin, Jena, Bonn, dem Rhein-Main-Gebiet, Hamburg und Darmstadt - zunächst bis Ende Oktober. 120 Bewerbungen erreichten die Stadt.

Feierabend an der Burg mit Sonnenuntergang

Sarah Ackermann ist eine von ihnen, sie ist Projektmanagerin für Webentwicklung in einer Werbeagentur in Frankfurt - seit der Corona-Pandemie komplett im Homeoffice. Das hat sie jetzt für ein Jahr vom Rhein-Main-Gebiet ins ehemalige Standesamt von Homberg verlagert. In ihrem Zimmer hängen noch die weißen Jalousien aus der ehemaligen Amtsstube. Während der Pandemie habe sie viel Zeit alleine verbracht, war spazieren - aber viel Natur war nicht in der Nähe.

"Ich habe seit einigen Jahren den Wunsch, ins Grüne zu ziehen", sagt sie, "die Stadt ist nicht, was ich brauche". Am liebsten wären ihr die Alpen gewesen, aber Homberg sei auch "wunderschön" und das Projekt ermögliche ihr, mit anderen zusammenzuarbeiten und auch zu wohnen. Es sei ein anderes Lebensgefühl. Nach der Arbeit könne sie von der Burg aus den Sonnenuntergang sehen, wenn sie über den Marktplatz geht, winken ihr mittlerweile Menschen zu, man grüßt sich. Mit ihr im Haus mit Garten wohnen noch die PR-Beraterin Lara Schermer und Peter Schmidt, Corporate Designer und Leiter des Netzwerks "Kreative Darmstadt".

Sarah Ackermann sitzt vor dem Haus mit ihren beiden Mitbewohnern

Digital-Experten und eine ehemalige Chefköchin

Ackermann arbeitet Teilzeit, weil sie nebenbei Programmieren lernen will - das würde ihr auch den Wunsch ermöglichen, künftig auch von anderen Orten aus zu arbeiten und vielleicht endlich einen Hund zu haben. Eine ihrer Ideen für Homberg ist, eine Online-Plattform zu entwickeln, auf der Leute ihre Fähigkeiten anbieten und sich vernetzen können. Das will sie mit Hombergern testen, außerdem arbeitet sie mit anderen "Pionieren" an einem Kino Open-Air-Programm. Für die meisten neuen Landbewohner ist die wichtigste Arbeitsgrundlage eine funktionierende Internetverbindung. Es sind Journalistinnen, Designer, Projektmanagerinnen, Digital- und Daten-Experten und eine ehemalige Chefköchin.

Am Donnerstag haben sie auf dem Marktplatz einen Kubus aus Holz aufgebaut. Darin wollen sie den Hombergern ihre Ideen näherbringen und ins Gespräch kommen: Das älteste Gasthaus Hessens im Ort soll ein "Kron(e)juwel mit Ausstellungen werden, eine Gemeinschaftsküche soll entstehen, Mitfahr-Banken, die Verwaltung soll digitaler werden. Im Laufe des Sommers wird sich zeigen, was die Alt-Homberger von den Ideen ihrer Gäste aus der Stadt halten und ob manche ernst machen mit dem Landleben.

"Schön, aber nix los"

Homberg Efze

Denn Homberg hat große Probleme, sagt Sara May, sie ist 30 und nie weggezogen aus dem Ort. "Es ist schön, aber nix los", fasst sie die Lage zusammen. Das Krankenhaus hat längst zugemacht und verkommt, zum nächsten Bahnhof muss man erst mit dem Bus fahren, es gebe kaum noch Spielplätze, die Bundeswehr als Arbeitgeber sei weg. Die Stadt tue schon viel, aber es reiche nicht.

"Es gibt nichts, wo man abends weggehen kann", sagt May. Ein Jugendlicher läuft vorbei, der eine Bluetooth-Box mit lauter Musik umhängen hat. So sieht das dann aus für die Jugend.

Eine Niederländerin, die geblieben ist

May sitzt vor dem Laden von Marjam Norden. Norden ist quasi eine Ur-Pionierin, noch bevor es Internet-Aufrufe für Homberg gab: 2015 kam die Niederländerin mit ihrem Mann, kaufte ein denkmalgeschütztes Haus in der Altstadt und betreibt dort einen Laden. Sie baute das alte Fachwerkgebäude selbst aus, gerade entstehen Gästezimmer, sie möchte eine Pension aufmachen. Norden hat den Schritt aufs Land gewagt und ist geblieben.

So ein Haus sei in den Niederlanden unbezahlbar, sagt sie. Nach mehreren Stationen nahe der deutsch-holländischen Grenze seien sie schließlich in Homberg gelandet. Als sie herzogen, hätten viele im Ort noch skeptisch geguckt, "mal sehen, ob die auch bleiben". "Ich kann hier die Stille genießen", sagt Norden, die Natur und die Ruhe seien das beste Argument für die Region. Norden kann sich vorstellen, dass ein paar der Pioniere nach dem Sommer zu Einwohnern werden könnten - einfach, weil es schön ist auf dem Land.

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Ihre Kommentare Großstadt oder Landleben?

21 Kommentare

  • @casi aus Kassel: klingt reizvoll. Homberg (Efze) scheint - mindestens - einen Besuch wert zu sein!

  • Wer als Städter zu uns aufs Land zieht, sollte sich klar sein, dass dies wie Auswandern ist - . eine andere Welt:
    Da läuten Kirchenglocken, krähen Hähne, laufen Hühner auf der Straße, da ist man bei der Feuerwehr und die Sirene geht im Notfall. Da fragt man den Nachbarn wenn man ihn 2 Tage nicht gesehen hat , ob alles in Ordnung ist oder kauft für ihn mit ein. Da weiß man, wo man sich einen Boschhammer , eine Säge oder ein Pfund Zucker leihen kann.
    Aber Ihr Städter kommt zu uns aufs Land mit Euren Bullerbü-Träumen und wollt uns landleben zeigen, Ihr versteht nicht, warum wir uns aufregen wenn Euere Hunde die "dämlichen Rinder" aufscheuchen und durch die Weiden treiben - das sieht doch toll aus meint ihr. und ruft die Polizei wenn im Sommer abends nach 22 Uhr die Erntemaschinen brummen, anstatt vorbeizukommen und Euch den Grund dafür bei einer Flasche Bier erklären zu lassen. I

  • Das ruhige Landleben gab es mal in den 1980ern und evtl. noch in den 1990ern. Seither wird es von Jahr zu Jahr weniger mit der Ruhe auf dem Land. Und die Coronapandemie hat ihr Übriges dazugetan.

    Beispiel gefällig? In meiner unmittelbaren Umgebung gibt es ein wunderschönes Schutzgebiet, in welchem viele Vögel brüten. Früher war es ein Kleinod, heute (insbesondere seit den Lockdowns) wird das Schutzgebiet von Ausflüglern aus der Großstadt überrannt, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Abends wird dort gefeiert mit Unmengen von Müll, Lärm, die Verkehrsbelastung hat sich vervielfacht. Ist halt nicht einsehbar, allerdings können die Anwohner deren Garten vergessen, Ruhe gibt es keine mehr...

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