Prototyp der Fangkammer - große metallene Körbe - an einem Fluss

Umweltschutz oder Wasserkraft? An dieser Frage scheiden sich nicht nur in Hessen die Geister. Ein Tüftler aus Mittelhessen hat jetzt eine Erfindung gemacht, die den heftigen Streit zwischen Fischaktivisten und Kraftwerksbetreibern endlich auflösen könnte.

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Hermann Henkel steht am Ufer des Mühlengrabens in Rauschenberg, in seiner Hand ein rechteckiges Bedienelement mit mehreren Knöpfen. Ein breites Grinsen huscht dem Ingenieur über das Gesicht, als er mit einem Tastendruck sein Baby zum Leben erweckt: die Fangkammer.

"Ich wollte in meinem Beruf immer sinnvolle Sachen machen, das ist dabei herausgekommen", sagt Henkel. Seine Erfindung könnte einen großen Konflikt auflösen, der inzwischen schon seit Jahren heftig geführt wird: den Streit zwischen Fischaktivisten und Kraftwerksbetreibern.

Unterschiedliche Interessen

Auf die Idee gekommen ist der Ingenieur, als er selbst zwei Wasserkraftwerke geplant hat. "Ich musste den Tierschützern klar machen, dass es auch mir um die Flüsse geht", sagt Henkel. Deshalb hat er an einer Lösung getüftelt, die alle Interessen zusammenbringt.

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Hermann Henkel, Erfinder der Fangkammer
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Fischaktivisten wollen, dass die Tiere unbeschadet die Flüsse auf- und abwandern können. Staustufen und Kraftwerke sind dabei oft unüberwindliche Hindernisse.

Kraftwerksbetreiber wollen, dass ihre Anlagen wirtschaftlich betrieben werden können und viel Strom produzieren. Dafür brauchen sie einen hohen Wasserdurchfluss.

Konflikt um Wasser

Die Fangkammer macht beides zugleich möglich. Die Fische werden vor einer Staustufe beim Aufwandern in einer Box gefangen, mit einem Lift hochgefahren und auf die höhere Ebene umgesetzt. Der Vorteil: dafür benötigt die Anlage nicht besonders viel Wasser.

Der Biologe Dirk Hübner begleitet die Entwicklung der Fangkammer. Obwohl er am Anfang skeptisch gewesen sei, findet er jetzt: "Der Konflikt um das Wasser entfällt mit der Kammer komplett." Die Untersuchungen zeigten, dass die Fische dabei unbeschadet bleiben.

Skeptische Tierschützer

Zu einer Vorführung der Anlage haben die Entwickler auch Tierschützer eingeladen. Einer ist Olaf Niepagenkemper vom Fischereiverband Nordrhein-Westfalen. "Bei der Fangkammer ist sehr viel Technik im Spiel", findet er und spricht sich für eine natürlichere Lösung aus.

Niepagenkemper ist in seinem Verband damit beauftragt, die EU-Wasserrahmenrichtlinie umzusetzen, die für saubere Flüsse und ein natürliches Lebensumfeld für die Tiere sorgen soll.

In Hessen wird diese EU-Richtlinie seit 2017 unter anderem durch den so genannten Mindestwassererlass umgesetzt. Das bedeutet unter anderem, dass immer genügend Wasser vorhanden sein muss, damit die Fische noch wandern können. Der Erlass bringt vor allem kleinere Kraftwerke oft in Bedrängnis.

Perspektive für Kraftwerke

Horst Schleiter betreibt die Schmaleicher Mühle in Rauschenberg, pro Jahr produziert die historische Anlage immerhin Strom für 240 Haushalte. Vor kurzem hat Schleiter die Turbine des Kraftwerks renoviert und zahlt die Kosten dafür noch ab.

"Für mich ist es ein wirtschaftlicher Nachteil, wenn mir Wasser genommen wird", sagt er. Deshalb findet er die Fangkammer als Erfindung gut. Auch an anderen Orten in Hessen könnte eine solche Anlage das Bestehen von Wasserkraftwerken sichern.

Im Moment ist das aber noch Zukunftsmusik und Tüftler Hermann Henkel und seine Mitstreiter müssen wohl noch viel Überzeugungsarbeit leisten.

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