Klinikum Frankfurt Höchst
Klinikum Frankfurt Höchst Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Hygienemängel, Vernachlässigung und Patienten, die tagelang ans Bett gefesselt werden: Eine RTL-Reportage deckt Missstände in der Psychiatrie des Klinikums Frankfurt Höchst auf. Während sich die Klinik wehrt, verlangt das Sozialministerium Antworten.

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Die RTL-Sendung "Team Wallraff" berichtete am Montagabend über Missstände in psychiatrischen Einrichtungen in Deutschland - unter anderem in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Frankfurt Höchst.

Für die Undercover-Reportage machte eine RTL-Reporterin im vergangenen Jahr über mehrere Tage hinweg verdeckte Filmaufnahmen auf der Akutstation D42 des Klinikums. Auf dieser Station werden Patienten vor allem mit der Diagnose aufgenommen, dass sie sich selbst oder andere gefährden könnten.

An Betten gefesselte Patienten

Zu sehen sind etwa drei Männer, die in einem Raum mit Gurten an ihre Betten gefesselt sind. Durch eine Glasscheibe werden sie vom Pflegepersonal im Stationszimmer beobachtet. Eigentlich stünde den fixierten Patienten eine Eins-zu-eins-Betreuung zu, erklärt eine Pflegerin der Undercover-Reporterin. Aus Personalmangel sei das aber nicht möglich.

Es gebe einzelne Patienten, die je nach Verhalten bis zu acht Wochen lang fixiert würden, berichtet die Pflegerin. Die RTL-Reporterin selbst beobachtet während ihrer Praktikumszeit einen Patienten, der länger als eine Woche ans Bett gefesselt bleibt.

Die Undercover-Reportage zeigt diesen fixierten Patienten im Klinikum Frankfurt Höchst.
Die Undercover-Reportage zeigt diesen fixierten Patienten im Klinikum Frankfurt Höchst. Bild © TVNOW

Das Bundesverfassungsgericht hatte im Juli 2018 die Anforderungen für fixierte Patienten in der Psychiatrie erhöht. Demnach muss eine Eins-zu-eins-Betreuung durch qualifiziertes Pflegepersonal sichergestellt sein. Und ein Richter muss eine Fixierung, die länger als eine halbe Stunde andauert, genehmigen. Sie sei nur als letztes Mittel zulässig.

Nach RTL-Angaben entstanden die Filmaufnahmen Anfang 2018, mehrere Monate vor der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts.

In einer Stellungnahme teilte das Klinikum am Dienstag mit: "Alle für psychiatrische Kliniken geltenden gesetzlichen Vorschriften inklusive der geltenden Personalanforderungen sowie für die Fixierung werden selbstverständlich beachtet."

Klinikum weist Darstellungen als "stark verkürzt" zurück

Das Klinikum bezeichnete den RTL-Bericht zudem als stark verkürzt und aus den individuellen Zusammenhängen sowie Krankheitsbildern gerissen. Man werde intern intensiv aufklären und Missständen - sollten sie vorhanden sein - vorbehaltlos nachgehen, hieß es in der Mitteilung. "Auch externen Gutachtern steht das Klinikum offen gegenüber, um über diesen Weg eine neutrale Beurteilung der Verhältnisse in der Psychiatrie zu erreichen."

Das Klinikum hatte auf juristischem Wege massiv versucht, die Veröffentlichung des TV-Beitrags zu verhindern, wie ein RTL-Sprecher am Dienstag auf hr-Anfrage mitteilte. "Ein Anwalt hat im Namen von 20 Mitarbeitern geklagt."

Patienten werden abgespeist, mangelnde Privatssphäre

Weitere Aspekte, die in der TV-Reportage gezeigt werden: Patienten beklagen eine mangelnde Ansprache durch Ärzte und Pflegepersonal. Über eine Chefarzt-Visite berichtet die Reporterin, wie Patienten mit ihren Fragen in aller Kürze abgespeist werden. Das Gespräch mit einem neu angekommenen depressiven Patienten dauert nach ihren Beobachtungen 16 Sekunden - inmitten anderer Patienten und Angestellten.

Patienten berichten zudem, dass sie tagelang nicht mit Ärzten oder Psychologen gesprochen haben. Das Pflegepersonal wirkt auf die Reporterin teilweise genervt im Umgang mit anfragenden Patienten.

Hierzu zitiert RTL aus einer Stellungnahme des Klinikums: "Ein besonders einfühlsamer und wertschätzender Umgang auch mit besonderen Verhaltensweisen unserer Patienten (...) ist hier besonders wichtig." In den Visiten werde die Privatssphäre gewahrt. Der Patient bestimme diesen Rahmen jedoch selbst.

Mangelnde Hygiene, Berichte über Gewalt

Aus Sicht der RTL-Reporterin wirken viele Räume auf der Akutstation dreckig. Videoaufnahmen zeigen Verschmutzungen im Speiseraum, im Zimmer einer Patientin ist ein brauner Fleck auf dem Fußboden zu sehen.

Eine Pflegerin beschreibt ihre Arbeit als "Herausforderung". Gewalt sei immer ein Thema. Die Station sei mit 27 Betten um drei Patienten überbelegt.

Sozialministerium will "gründlich prüfen"

Anlass der Undercover-Reportage waren nach RTL-Angaben Betroffenen-Berichte im Internet. Auf klinikbewertungen.de beispielsweise werden die Zustände in dem Klinikum zum Teil als menschenverachtend bewertet.

Das Sozialministerium teilte am Dienstag mit, man werde die angeblichen Verstöße gründlich prüfen, um zu einer fundierten Einschätzung zu kommen. "Als zuständige Fachaufsicht hat das Hessische Ministerium für Soziales und Integration bereits eine Stellungnahme beim Klinikum für Psychiatrie und Psychotherapie in Frankfurt-Höchst angefordert."

Für die Stadt Frankfurt als Betreiber des Klinikums äußerte sich Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne). "Was ich gesehen habe, hat mich schockiert", sagte er dem hr am Dienstag. Er habe mit der Klinikleitung telefoniert. Man sei sich einig: "Die dargestellten Missstände werden umfassend aufgeklärt - sowohl die Einzelfälle wie auch die möglichen strukturellen Probleme."

Weitere Informationen

Klinikum Frankfurt Höchst

Die Klinik Frankfurt Höchst gehört seit 2016 zur Kliniken Frankfurt-Main-Taunus GmbH, einem Verbund der kommunalen Kliniken in Bad Soden, Hofheim und Frankfurt-Höchst. 2018 wurden im Klinikum Frankfurt Höchst nach eigenen Angaben 37.246 Patienten stationär versorgt, mehr als 100.000 ambulant. Über 2.000 Menschen sind in der Klinik beschäftigt. Das Jahresergebnis wies 2018 ein Defizit von 1,85 Millionen Euro auf.

Für die psychiatrische Versorgung der Patienten stehen laut dem Klinikum neben zwei geschützten Stationen weitere drei vollstationäre offene Behandlungseinheiten mit insgesamt 116 Betten, eine Tagesklinik mit 22 Plätzen und eine Institutsambulanz zur Verfügung.

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