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Audioseite Azubi Marius: "Wurde im Lockdown gleich nach Hause geschickt"

Fünf Portraits der Protagonisten.

Zehntausende Azubis in Hessen haben in den vergangenen Monaten unter Corona-Bedingungen ihre Ausbildung gemacht. Wir haben fünf von ihnen gefragt, wie es ihnen dabei ergangen ist.

Die Corona-Pandemie hat auf dem Ausbildungsmarkt ihre Spuren hinterlassen. Insgesamt gibt es derzeit knapp 117.500 Auszubildende in Hessen. Die Zahl der Bewerber und der Lehrstellen ist dieses Jahr allerdings niedriger als in den Jahren vorher. Im April meldeten sich rund 13 Prozent weniger Bewerberinnen und Bewerber (27.532) bei den hessischen Agenturen für Arbeit als im Vorjahresmonat. Die Zahl der gemeldeten Lehrstellen sank um rund 10 Prozent auf 27.667.

Zwischen den Branchen gibt es allerdings große Unterschiede. Nach Angaben der Arbeitsagentur und der IHK Hessen sind vor allem das Gastgewerbe, die Hotellerie, der Tourismus, der Handel und die Veranstaltungsbranche betroffen. Wir haben fünf Auszubildende gefragt, wie ihre Ausbildung unter Corona-Bedigungen abgelaufen ist.

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„Ich habe Angst, keinen Job zu finden wegen Corona“
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Kinda (21 Jahre) macht eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin in Idstein

Kinda macht eine Ausbildung zur PTA in Idstein

"Ich bin gerade im zweiten Lehrjahr. Im August und September stehen meine schriftlichen, praktischen und mündlichen Prüfungen an. Im vergangenen Jahr hatten wir eine Zeit lang nur Online-Unterricht. Da konnte ich mich nicht gut konzentrieren, weil ich teilweise Aufgabe gemacht habe, ohne zu verstehen, was ich mache. Ich musste erst mal meine Skripte übersetzen, weil ich keine gebürtige Deutsche bin. Das Übersetzen war sehr anstrengend.

Im zweiten Semester fielen meine Prüfungen alle aus und wurden auf September und Oktober verschoben. Das war sehr stressig, weil ich in einem Lehrjahr doppelt so viele Klausuren geschrieben habe und gleichzeitig noch Home-Schooling hatte. Zum Glück sind meine Noten gleich gut geblieben, nur in einem Fach bin ich etwas schlechter geworden.

Im August habe ich vier Wochen Praktikum in einer Apotheke gemacht. Vier Wochen musste ich suchen, bis mich eine Apotheke nahm. Die meisten haben mir wegen Corona abgesagt. Beim Tragen der Maske in der Schule und im Labor bekomme ich sehr schwer Luft. Im Labor machen wir Rezepturen und schreiben Protokolle. Wir dürfen zwar Pausen machen, unsere Aufgaben müssen aber auch in einer bestimmten Zeit fertig sein.

Wenn meine Prüfungen zu Ende sind, beginnt meine Praxis-Phase. Dafür arbeite ich sechs Monate in einer Apotheke. Ich habe Angst, keinen Job zu finden wegen Corona.

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„Die Stimmung im Betrieb war am Anfang etwas angespannt“
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Felix (30 Jahre) macht eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik in Flörsheim am Main

Portrait von Felix Becker.

"Ich arbeite in einem Elektrotechnik- Betrieb, der verschiedene Dienstleitungen anbietet wie zum Beispiel Schaltanlagen, Sicherheitstechnik und Gebäudeautomation. 2019 habe ich meine Ausbildung angefangen. Als dann 2020 Corona kam, war das erst mal stressig. Die Stimmung im Betrieb war am Anfang etwas angespannt, mittlerweile haben wir uns an die neuen Hygienemaßnahmen gewöhnt.

Ein paar Sachen liefen schlecht, zum Beispiel wurde meine Zwischenprüfung sehr kurzfristig um ein halbes Jahr verschoben. Manches war komisch organisiert, weil niemand wusste, wie man damit umgehen soll, wenn sich rechtliche Bestimmungen wiederholt änderten.

Statt Unterricht in der Berufsschule hatte ich Distanz- oder Wechselunterricht. Das lief den Umständen entsprechend gut. In meinem Handwerksbetrieb lief alles normal weiter. Dadurch haben mir keine praktischen Erfahrungen gefehlt. Aktuell bin ich 37 Stunden in der Woche im Betrieb. Die Elektro-Branche ist relativ krisensicher, besonders wenn die meisten Aufträge aus der Industrie und von größeren Bauprojekten kommen.

Diese Woche schreibe ich meine schriftliche Prüfung, in der mehrere Teilbereiche geprüft werden: Die Vorbereitungen waren nicht problematisch, ich musste mir aber ein paar Themen selbst erarbeiten, weil im vergangenen Jahr einiges an Unterricht weggefallen ist."

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„Telefonate und digitale Team-Meetings ersetzen nicht das Gespräch an der Kaffee-Theke“
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Anna-Lena (24 Jahre) macht eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketing-Kommunikation in Offenbach

Anna-Lena Hinze macht eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketing-Kommunikation

"Meine Agentur konzentriert sich auf Brand Experience, Design und Online Marketing. Jede Woche arbeite ich drei Tage in der Agentur und verbringe zwei Tage in der Schule. Ich hatte mich in meiner Ausbildung vor allem auf die praxisnahen Erfahrungen wie Drehs, Radio-Spots und Foto-Shootings gefreut, das musste nun leider erst mal warten. Seit über einem Jahr bin ich schon im Home-Office und Homeschooling, da fehlt mir vor allem die Abwechslung im Alltag.

Mein Schlafzimmer ist normalerweise mein Rückzugsort, jetzt lebe und arbeite ich dort. Da ist eine Work-Life-Balance nicht mehr so wie früher möglich. Oft fehlt mir der direkte Austausch zu erfahrenen Kollegen und Kolleginnen - ich wäre definitiv lieber in der Agentur. Für mich ersetzen Telefonate und digitale Team-Meetings nicht den persönlichen Kontakt oder das Gespräch an der Kaffee-Theke. Auch die Kunden und Kolleginnen und Kollegen lernt man vor Ort eindeutig besser kennen.

Am schwierigsten finde ich die Schulsituation. Der Online-Unterricht gestaltet sich oft umständlich, obwohl sich meine Lehrerinnen und Lehrer viel Mühe geben. Wenn das WLAN nicht stabil ist, kann ich nicht in gleicher Form am Unterricht teilnehmen, weshalb schnell Wissenslücken entstehen. Das muss ich zu einem späteren Zeitpunkt nacharbeiten, was zusammen mit den Aufgaben bei der Arbeit sehr zeitintensiv wird.

Wenn ich Rückfragen habe, kann ich diese natürlich im Digitalunterricht stellen, mir fehlt aber der Austausch mit meinen Sitznachbarinnen, wenn es um kleinere Zwischenfragen geht. In meiner Ausbildung habe ich mich vor allem darauf gefreut, Kontakte zu knüpfen und gemeinsam Erfahrungen zu sammeln – das war bisher in dieser Form leider nur bedingt möglich. Ich hätte definitiv Lust, mehr Praxiserfahrungen für mein Arbeitsleben zu sammeln."

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„Eine Zeit lang war ich überfordert und wusste nicht wie es weiter geht“
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Malék (27 Jahre) macht eine Ausbildung zum Erzieher in Frankfurt

Portrait von Malék.

"Mein Ausbildungsbetrieb ist in Frankfurt und meine Schule in Hochheim. Corona war eine große Umstellung für mich. Als die Kitas am 16. März schlossen, hatte ich nur Fragezeichen. Eigentlich bin ich drei Tage pro Woche in der Schule und in zwei Tage in der Kita. Anfangs hatte ich für kurze Zeit gar keinen Unterricht in der Berufsschule und meine Prüfungen sind auch ausgefallen. Eine Zeit lang war ich überfordert und wusste nicht, wie es weiter geht und wie lange alles geht. Zuerst kam gar kein einziges Kind in die Notbetreuung und nach ein paar Wochen vier bis fünf Kinder.

Für mich waren die kleineren Gruppen angenehmer und besser als 20 Kinder auf einmal. Am Anfang gab es in den Kitas noch keine Maskenpflicht, inzwischen haben wir die überall. Ich schaue jeden Tag Nachrichten und bekomme vieles mit. Ich halte Abstand und bin etwas ängstlicher geworden. Ich erhalte meine zweite Impfung im kommenden Monat, seitdem habe ich ein viel besseres Gefühl. Die Kita-Kinder müssen wir immer erinnern, Abstand zu halten. Die meisten haben sich ans Maske tragen gewöhnt.

Praxis-Erfahrung fehlt mir nicht, ich habe eher das Gefühl, dass ich schulisch was verpasst habe. Ich habe echt Schwierigkeiten, manche Dozenten zu verstehen. Nicht alle sehen es, wenn sich jemand online meldet. Wenn ich etwas fragen möchte, bin ich unsicher, ob ich nicht störe. Ich habe nächstes Jahr Abschlussprüfungen und denke, dass ich übernommen werde, weil in meinem Berufsfeld immer jemand gesucht wird."

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„Es gab viele Unklarheiten und meine Lehrerinnen und Lehrer wussten auch nicht viel“
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Marius (19 Jahre) macht eine Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton in Frankfurt

Marius macht eine Ausbildung zum Mediengestalter


"Wir drehen Image-Filme, Werbung und machen Postproduktionen für Werbeagenturen. Im ersten Lockdown musste ich erst mal für zwei Monate ins Home-Office. Meine praktische Zwischenprüfung fand noch statt, die schriftliche Zwischenprüfung fiel wegen Corona ins Wasser. Damals gab es viele Unklarheiten und meine Lehrerinnen und Lehrer wussten auch nicht viel.

Im Sommer durfte ich dann zurück ins Büro. Ich bin je zwei Wochen in die Berufsschule gegangen und bin danach vier bis fünf Wochen im Unternehmen gewesen. Bei uns hat sich nicht so viel verändert, es gab keine Kurzarbeit und Praxiserfahrung fiel auch nicht weg. Ich habe aber Mitschüler aus der Berufsschule, die viel weniger Drehs machen konnten, weil wegen Hygieneauflagen vieles nicht umsetzbar war.

Während des Lockdowns hat meine Berufsschule online unterrichtet. Eigentlich kam ich ganz gut damit klar. Manche Freunde von mir haben mehr darunter gelitten, weil ihnen das Soziale fehlte. Ich komme ganz gut damit klar, mich selbst zu beschäftigen und bin eher introvertiert. Langsam reicht es mir aber auch isoliert zu sein.

Ich bin jetzt am Ende meiner Ausbildung. Am Dienstag stehen meine schriftlichen Prüfungen an. Im Juni muss ich dann noch die praktische Prüfung machen und was Eigenständiges produzieren, einen Beitrag innerhalb von drei Tagen. Im Unternehmen haben wir natürlich auch Hygiene-und Abstandsregeln. Wir testen uns zwei Mal wöchentlich. Das funktioniert super. Kurzarbeit gibt es bei uns nicht. Wirklich negativ hat Corona meine Ausbildung nicht beeinflusst. Ich konnte durchgehend 40 Stunden in der Woche arbeiten."

Sendung: YOU FM, 17.05.2021, 18.10 Uhr