Steckdose in einer Wand, in welche eine Hand einen Netzstecker steckt.

Billiganbieter von Strom und Gas stoppten in tausenden Fällen kurzfristig die Belieferung. Für betroffene Kunden wird es nun oft teuer: Hessische Grundversorger erhöhen ihre Tarife für Neukunden um bis zu 300 Prozent. Die Verbraucherzentrale ist entsetzt.

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Strom und Gas wird teurer

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Für viele Strom- und Gaskunden folgt im Moment eine Hiobsbotschaft auf die andere: Ende 2021 haben die Strom- und Gasanbieter Immergrün, Gas.de und Stromio inklusive seiner Öko-Marke "Grünwelt Energie" ihre Lieferungen gestoppt und Verträge gekündigt.

Die betroffenen Kundinnen und Kunden sitzen seitdem nicht im Dunklen, denn in Deutschland sind die kommunalen Grundversorger dazu verpflichtet, in solchen Fällen einzuspringen. Doch für viele, die nun in die Grund- oder Ersatzversorgung wechseln mussten, wird es jetzt teuer.

Mit dem Jahreswechsel hat beispielsweise der Frankfurter Energieversorger Mainova seine Preise für Neukunden beim Erdgas-Basistarif etwa um das Dreifache erhöht: Statt 11 Cent kostet die Kilowattstunde Gas nun 30 Cent. Beim Strom sieht es mit 80 statt 33 Cent pro Kilowattstunde ähnlich aus.

Ungeplante Kosten durch ungeplante Kunden

Mainova begründet die Erhöhung mit den hohen Preisen am Beschaffungsmarkt und den vielen Neukunden. Im Dezember habe das Unternehmen 5.000 Gas- und 7.600 Stromkunden in die Ersatzversorgung aufnehmen müssen, denen die Verträge bei den Energie-Discountern Gas.de und Stromio gekündigt worden waren.

"Die ungeplanten zusätzlichen Mengen muss Mainova zu einem aktuell sehr hohen Marktpreisniveau nachbeschaffen", teilt das Unternehmen mit. Um die Kosten für Bestandskunden so gering wie möglich zu halten, habe man sich für den gesonderten Neukundentarif entschieden.

Mainova ist laut dem Vergleichsportal Check24 einer von 29 hessischen Stromgrundversorgern, die nun ihre Preise erhöht haben, bei den Gasversorgern zählt Check24 sogar 66 Erhöhungen - 17 speziell für Neukunden.

Check24-Berechnungen: 6.000 statt 1.500 Euro im Jahr

Die in Hessen größte Preissteigerung um fast 300 Prozent gibt es laut Check 24 in Kassel: Bei einem Durchschnittsverbrauch von 20.000 Kilowattstunden Erdgas im Jahr zahlen Neukunden hier nun statt zuvor rund 1.500 Euro über 6.000 Euro im Jahr. Die Städtischen Werke Kassel bestätigten dies auf hr-Anfrage.

Beim Strom sind die Stadtwerke Bad Vilbel (Wetterau) offenbar von der größten Preissteigerung betroffen. Die Kosten für Neukunden mit einem Durchschnittsverbrauch von 5.000 Kilowattstunden Strom im Jahr liegt dort hochgerechnet bei 4.052 Euro - laut Check24 lagen die Kosten vorher bei 1.540 Euro.

Auch die Versorger ESWE in Wiesbaden und Entega in Südhessen bestätigen höhere Neukundentarife - zumindest für Strom.

Gesonderte Neukundentarife: unzulässig oder unumgänglich?

Dass es gesonderte Tarife für Bestands- und Neukunden gibt, ist eigentlich ungewöhnlich - laut einer Sprecherin der Städtischen Werke Kassel nun aber "unumgänglich". Und aus Sicht der Verbraucherzentrale Hessen unzulässig.

"Es kann nicht sein, dass man Bestandskunden und Neukunden in der Grundversorgung unterschiedlich behandelt", sagt Peter Lassek von der Verbraucherzentrale Hessen. Es widerspreche dem Sinn und Zweck der Grundversorgung, der sei, Verbraucher aufzufangen.

"Aus unserer Sicht ist das systemwidrig, weil es eine Art der Bestrafung von Kunden ist, die Preise vergleichen und Verträge zu günstigen Konditionen abgeschlossen haben", sagt Lassek.

Die Versorger würden sich aus ihrer "zivilrechtlichen Verpflichtung gegenüber den Verbrauchern" und ihrer "sozialen Verantwortung gegenüber einem funktionierenden Energieversorgungssystem stehlen", sagt Lassek. Deswegen seien die Politik und die zuständige Aufsichtsbehörde in der Pflicht, gegen die Unternehmen vorzugehen, so die Ansicht der Verbraucherzentrale.

Auch private Anbieter reagieren

Anders als die Grundversorger wie Mainova, ESWE, Entega oder etwa die kommunalen Stadtwerke sind andere Unternehmen nicht dazu verpflichtet, neue Kunden aufzunehmen. Das private Unternehmen Eprimo, der nach eigenen Angaben größte Ökostrom-Anbieter Deutschlands mit Sitz in Neu-Isenburg (Offenbach), bietet momentan keine Tarife für Neukunden an.

Eine Ausnahme gibt es in einem kleinen Gebiet in der Nähe von Neu-Isenburg, wo Eprimo als Versorger mit dem größten Marktanteil für die Grundversorgung zuständig ist, dort wurden betroffene Haushalte laut Unternehmensprecher Roman Zurhold in die Ersatzversorgung aufgenommen.

"Die Preise am Energiemarkt haben sich ja bereits 2021 mit noch die da gewesener Dynamik entwickelt, und das tun sie leider aktuell weiterhin", sagt Zurhold. "Um unseren zukünftigen Kunden auch unter diesen Bedingungen ein attraktives Angebot machen zu können, müssen wir neu kalkulieren."

Verbraucherzentrale: Schadensersatzansprüche geltend machen

In dieser Zeit könne man keine neuen Kunden aufnehmen, sei jedoch bemüht, auch 2022 trotz "dynamischer Rahmenbedingungen" wieder "attraktive Angebote" für Neukunden anbieten zu können. Weniger optimistisch sieht Lassek von der Verbraucherzentrale den kommenden Monaten entgegen. Er schließt weitere Kündigungen von Discounter-Anbietern angesichts der Marktsituation nicht aus.

Wer dann in der Grundversorgung mehr zahlen muss, solle versuchen, bei seinem ehemaligen Versorger Schadenersatzansprüche anzumelden oder sich an die Schlichtungsstelle Energie zu wenden.

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