Der hessische Unternehmerinnentag soll Frauen Mut machen, sich auf das Abenteuer Selbständigkeit einzulassen. Denn bisher sind da viele Frauen eher zurückhaltend - und Herausforderungen gibt es zuhauf. Wir haben mit Gründerinnen aus Frankfurt und Kassel gesprochen.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der Sprung in die Selbständigkeit ist nicht einfach

Links im grünen Shirt Lea Schücking und rechts ich Leya Bilgic
Ende des Audiobeitrags

Blickt die Frankfurterin Eva Bovet zurück, war es für sie vor knapp zwanzig Jahren alles andere als leicht das Unternehmen ihrer Eltern, ein traditionelles Bettengeschäft, zu modernisieren. Dazu hat sie extra ein neues Unternehmen gegründet. "Damals war es noch sehr ungewöhnlich, dass eine junge Frau wie ich die Leitung übernimmt", erzählt die inzwischen 39-Jährige. "Es gab sogar Mitarbeiter, die zu mir gesagt haben: Kann ich jetzt bitte einmal mit dem Chef sprechen?"

Bovet hat auch den Eindruck, dass Frauen nicht immer so leicht an Kredite kommen wie Männer. Das kann der Verein jumpp-Frauenbetriebe aus Frankfurt bestätigen, der den Unternehmerinnentag am Donnerstag ausrichtet. Der Verein berät Gründerinnen seit fast vierzig Jahren. "Wenn Frauen mit Bankenberatern über die Finanzierung ihres neuen Unternehmens sprechen, ist es vorgekommen, dass sie gefragt werden, wie es mit der Kinderbetreuung aussieht", meint Christiane Stapp-Osterod, Geschäftsführerin im Vorstand von jumpp. Dabei dürfe so etwas keine Rolle spielen.

 Eva Bovet

Es fehlt oft am Geld und Selbstbewusstsein

Und Frauen wird laut jumpp offenbar häufig nicht zugetraut, dass sie diese Kredite schnell wieder zurückzahlen. Denn im Schnitt verdienen sie immer noch weniger als Männer. "Aber viele Frauen trauen sich den Sprung in die Selbständigkeit auch erst gar nicht zu, weil sie selbstkritischer sind als Männer", sagt Stapp-Osterod. Und das, selbst wenn sie gute Geschäftsideen hätten.

Schwer getan hat sich anfangs auch die Frankfurter Gründerin Larissa Netschitailo. Letztes Jahr hat sie als Psychologin und Psychotherapeutin dann doch eine Praxis eröffnet. "Ich glaube, dass Frauen in der Schule und im Berufsleben nicht gut auf das Thema Selbständigkeit vorbereitet werden", meint Netschitailo. "Deshalb kommen sie nicht auf die Idee, sogar wenn sie eine Fähigkeit sehr gut beherrschen." In ihrem Fall die Gebärdensprache, die sie von klein auf erlernt hat und in der sie ihre Beratung auch anbietet. In Frankfurt eine Seltenheit.

Psychotherapeutin Larissa Netschitailo hat ihre eigenen Praxis eröffnet.

Gründerinnen setzen selten alles auf eine Karte

Damit bleiben Gründerinnen wie sie in Hessen eine rare Spezies. Das belegen die aktuellsten Zahlen des statistischen Bundsamtes aus dem Jahr 2019. Damals gab es hierzulande rund 315.000 Selbständige und davon waren 97.000 weiblich – also knapp ein Drittel. Und es waren sogar noch weniger Frauen als im Jahr zuvor.

Im Schnitt sind die Gründerinnen zumindest beim Verein jumpp durchschnittlich schon 40 Jahre alt. "Das hat oft damit zu tun, dass sie erst ihre Kinder großziehen und dann noch einmal beruflich durchstarten", meint Gründungsexpertin Christiane Stapp-Osterod. Und dann setzen sie beim Gründen auch nicht alles auf die Karte. Sie haben häufiger bereits einen festen Job und gründen nebenher.

Frauen trotzen der Krise besser als Männer

Dabei interessieren Frauen sich insbesondere für den Gesundheits- und Sozialbereich oder sind im Handel, Gastgewerbe, Tourismus und Dienstleistungsbereich unterwegs. Also genau in den Branchen, die von der Krise besonders betroffen waren. Denn Reisebüros, Geschäfte oder Friseursalons waren über Monate geschlossen.

Und so heißt es auch in einer aktuellen Analyse der Förderbank Kfw zum Gründerszene in Deutschland: "Die Corona-Krise hat branchenbedingt insbesondere selbstständige Frauen stark belastet." In vielen Fällen hatten Frauen enorme Umsatzverluste, dazu mussten sie sich in Zeiten von Homeschooling vorrangig um die Kinder kümmern.

Nach Angaben der Kfw hat die Krise im vergangenen Jahr viele Gründerinnen und Gründer abgeschreckt, paradoxerweise aber vor allem Männer, obwohl sie in der Tendenz von der Krise weniger stark betroffen waren als die Frauen. "Die haben sich wohl schneller auf die neuen Krisenbedingungen eingestellt und letztlich ihre Gründungspläne häufiger realisiert als Männer", kommt die Kfw in ihrem Bericht zu einem überraschenden Ergebnis.

Gründerinnen entwickeln Fliesen aus Bauschutt

Mitten in der Krise wagen auch Leya Bilgic und Lea Schücking aus Kassel den Sprung in die Selbständigkeit. Halb aus dem Homeoffice heraus, halb vor Ort, im Büro und den Werkstätten auf dem Gelände der Universität Kassel, entwickeln sie gerade ihre Geschäftsidee: Fliesen aus Bauschutt.

"Wir merken, dass immer mehr Architekturbüros und Privatleute solche nachhaltigen Produkte beim Bauen verwenden wollen", erzählt Bilgic. Damit das Projekt aber wirklich erfolgreich wird, würde die Gründerin gerne von anderen bereits erfolgreichen Unternehmerinnen lernen. Doch solche Vorbilder sind bisher rar.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen