Beim Gelnhäuser Automobilzulieferer Veritas AG steigt ein US-Investor ein, und 700 Mitarbeiter müssen gehen. Laut Konzern ein Schritt "ohne Alternative". Die Arbeitnehmer sollen zusätzlich auf Geld verzichten. Auch am Standort Gießen stehen Entlassungen an.

Videobeitrag

Video

zum Video Veritas streicht 700 Jobs

startbilder-nf
Ende des Videobeitrags

Die Pressemitteilung liest sich eigentlich recht positiv: Da ist die Rede von einer "umfassenden Neuorientierung", einem "entscheidenden Meilenstein" und einem "stringenten Restrukturierungsprogramm", das die "Zukunftsfähigkeit der deutschen Standorte sichern" soll. Für die 1.400 Menschen, die derzeit beim Automobilzulieferer Veritas AG in Gelnhausen arbeiten, bedeuten diese Formulierungen allerdings: Jeder Zweite von ihnen muss bis 2022 gehen.

Am Donnerstag wurde bekannt, dass der US-Investor AIAC, auf industrielle Sanierungsfälle spezialisiert, die Mehrheit der Veritas-Anteile übernimmt und den Sanierungsprozess des schon seit Jahren schlingernden Konzerns steuert. Und der will am Hauptstandort in Gelnhausen 700 Arbeitsplätze streichen, bei Poppe in Gießen 20 weitere. Auch an den Standorten in Thüringen und Sachsen werden künftig insgesamt 160 Menschen weniger arbeiten. Zuerst hatte die Gelnhäuser Zeitung darüber berichtet.

Unternehmen: Deutschland soll entscheidender Standort bleiben

Veritas kündigte an, wesentliche Teile der Produktion ins Ausland verlagern zu wollen. Die Poppe Veritas Gruppe beschäftigt derzeit weltweit 4.300 Menschen, davon 2.200 in Deutschland. Trotz des Abbaus solle Deutschland "der entscheidende Standort bleiben", sagt Vorstandssprecher Matthias Häberle. Daher seien die Einschnitte "massiv und schmerzhaft, aber ohne Alternative" auf dem Weg zu einem "nachhaltig gesunden Unternehmen für mehr als 1.300 Menschen in Deutschland".

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found 700 Arbeitsplätze sollen bei Veritas gestrichen werden

aufmacher-veritas
Ende des Audiobeitrags

Der Veritas-Betriebsrat berichtet, die Beschäftigten seien schockiert gewesen. Zumal die Abfindung für Mitarbeiter, die bis 2022 gehen müssen, lediglich drei Monatsgehälter betrage - das sei "lächerlich".

Arbeitnehmer: Schon auf über 40 Millionen Euro verzichtet

Gemeinsam mit der Gewerkschaft IG BCE kritisieren die Betriebsräte außerdem, dass die Belegschaft nicht nur dem "drastischen Personalabbau" zustimmen sollen, sondern auch noch "umfangreiche Einkommensverzichte" in Kauf nehmen sollen. Denn die Veritas AG hat die Mitarbeiter aufgefordert, zusätzlich auf ihre Jahresleistungsprämien für die Jahre 2019 bis 2022 zu verzichten. Das kommt laut Gewerkschaft nach "jahrelangen Verzichtsrunden, in denen Beschäftigte bereits über 40 Millionen Euro an Einkommensverzicht in das Unternehmen investiert haben".

Bis Mitte März soll der Verkauf über die Bühne gehen, sonst steht laut Veritas die Zukunft des Konzerns auf der Kippe. Betriebsräte und Gewerkschaft sagen, sie seien "stets zu konstruktiven und lösungsorientierten Gesprächen und Verhandlungen bereit". Allerdings seien "Zeitdruck und Ultimaten dabei keine guten Voraussetzungen".

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 21.02.2020, 13 Uhr