Werkswohnungen in der Wetzlarer Bredow-Siedlung

Der Bosch-Konzern will 1.000 ehemalige Werkswohnungen in Mittelhessen abstoßen. Mieter und Kommunen fürchten, dass dadurch günstiger Wohnraum an Immobilienspekulanten fallen könnte. Nun hält ein Aktionsbündnis dagegen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Buderus-Mieter fürchten sich vor Immobilienhai

Treffen des Aktionsbündnisses im Bürgerhaus Lollar
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Die Stimmung im Bürgerhaus Lollar (Gießen) ist angespannt. Es sei wie ein Sturm, der über einen reinbricht – nach über 40 Jahren Ruhe, sagt Stojan Popov. Sein halbes Leben lang hatte er nur einen Vermieter, der gleichzeitig sein Arbeitgeber war. Popov kam aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Mittelhessen und fing im Stahlwerk Buderus an. Seit 1971 wohnt der Pensionär in Werkswohnungen mit bezahlbarer Miete – bis jetzt. Denn: "Wenn jemand was kauft, dann will er was davon haben“, meint Popov. Und er hat Angst, dass das höhere Mieten sein könnten.

Angst vor dem Miethai

Dass ein Immobilienhai nun zuschlagen könnte, fürchten viele. Matthias Körner vom DGB Mittelhessen hält es für sehr wahrscheinlich, schließlich gehe es um einen dreistelligen Millionenbetrag. Nach Angaben des Aktionsbündnisses ist auch ein internationales Maklerbüro involviert.

Körner verweist auf schlechte Erfahrungen mit dem Verkauf von Werkswohnungen aus den vergangenen Jahrzehnen, etwa von Bahn, Post oder der Hoechst AG. "Das ist für die Mieter in den meisten Fällen am Ende so ausgegangen, dass es entweder teuer oder schlechter war.“

Rendite rausquetschen oder verwerten

Der schlimmste Fall sei, dass der Käufer die Wohnungen in Eigentumswohnungen umwandle und die jetzigen Mieter mittelfristig ausziehen müssten. Würde der neue Besitzer die Wohnungen behalten wollen, sehe er zwei Szenarien auf die Mieter zukommen, so Körner: "Dass entweder optimal die Rendite ausgequetscht wird, etwa durch Luxussanierungen von ehemals sozial gewidmetem Wohnraum.“

Außerdem gebe es die Variante, dass der neue Eigentümer die Immobilien schlichtweg verwerte: Dann werde so wenig Geld reingesteckt wie möglich, erklärt Körner. Der Besitzer lasse die Immobilien dann einfach am untersten Rand des Instandhaltungsniveaus verfallen. "Hauptsache, es kommt die Mietzahlung raus. Das ist bei den heutigen niedrigen Zinsen durchaus eine Anlage, die sich für den ein oder anderen lohnt.“

Sozial verträgliche Lösung gesucht

Das Aktionsbündnis will erreichen, dass die Wohnungen an einen kommunalen Träger gehen - auch wenn das weniger Erlös für den Eigentümer Bosch bedeuten würde. Und es fordert, dass Bosch dem Käufer strenge Auflagen macht. Eine sogenannte Sozialcharta im Kaufvertrag etwa könnte garantieren, dass langjährige Mieter lebenslanges Wohnrecht bekämen oder dass die Miete maximal um ein Prozent im Jahr angehoben werden dürfe.

Der Konzern teilt dazu allerdings mit, dass er sich gegen die Verpflichtung zu einer Sozialcharta entschieden habe. Aber, so Bosch, man habe schon bei der Vorauswahl der Bieter "an oberster Stelle“ auf soziale Kriterien geachtet. Außerdem habe man das bisherige Verhalten der potenziellen Käufer gegenüber Mietern überprüft. Welche und wie viele Bieter im Verfahren beteiligt sind, wollte Bosch nicht sagen – nur so viel: Der Verkauf soll noch dieses Jahr über die Bühne gehen.

"Lollar allein kann das nicht stemmen"

Lollars Erster Stadtrat Bernd Maroldt von der SPD hofft sehr, dass ein soziales Wohnungsbauunternehmen den Zuschlag bekommt. Nach seinen Informationen steht eines im Bieterverfahren. In diesem Fall wäre es auch möglich, dass sich die Kommunen zusammentun und mit einsteigen. "Aber Lollar allein kann das nicht stemmen.“

Wichtig sei es, den Verkauf an ein rein renditeorientieres Unternehmen zu verhindern. "Dann bekommen wir die Wohnungen nie mehr zurück“, so Maroldt: "Das wäre wirklich eine Katastrophe für Lollar, wenn die Leute ihre Miete nicht mehr bezahlen können.“ Es könnte das soziale Gefüge im betroffen Straßenzug aus den Fugen bringen, fürchtet der Stadtrat. Aber mit Blick in die Stiftungsziele der Robert-Bosch-Stiftung dürfte es seiner Meinung im Grunde gar nicht so schwer sein, eine sozialverträgliche Lösung zu finden.

Weitere Informationen

Buderus-Werkswohnungen

Zu dem Treffen im Bürgerhaus am Dienstagabend eingeladen hatte ein neu gegründetes Aktionsbündnis aus SPD, DGB und Mieterverein. Es geht um rund tausend Wohnungen, die meisten in Wetzlar und in Lollar bei Gießen. Der Stahlkonzern Buderus hatte die Mietshäuser in den 50ern und 60ern für seine Arbeiter gebaut, besonders um Gastarbeitern bezahlbaren Wohnraum in der Region zu bieten. Heute sind viele der Bewohner Buderus-Pensionäre. Nachdem Buderus 2004 im Bosch-Konzern aufging, blieb für die Mieter zunächst alles beim Alten. Doch nun will Bosch das komplette Immobilien-Paket im Bieterverfahren verkaufen. Der Grund:  Immobilien zählten nicht zum Kerngeschäft, und der überwiegende Teil der Wohnungen  nicht mehr an derzeitige oder ehemalige Mitarbeiter vermietet.

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Sendung: hr-iNFO, 16.10.2019, 6.20 Uhr