Anästhesist Jochen Sticher und Patientin Ehrengard Rumpf

Eine Klinik in Gießen bietet ihren Patienten vor Operationen eine Alternative zu Beruhigungsmitteln: eine Video-Brille. Die ersten Erfahrungen sind positiv, die bisher eingesetzten Medikamente werden seltener gebraucht.

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zum Video Videobrille in Gießener Klinik

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Ehrengard Rumpf erinnert sich nicht mehr genau daran, was die Ärzte um sie herum sagten, während sie auf den Beginn ihrer Wirbelsäulen-Operation wartete. Sie weiß auch nicht mehr, wie lange es dauerte, bis die Narkose kam. Sie weiß aber noch genau, welche Farbe die bunten Fische hatten, die vor ihren Augen vorbeizogen.

"Irgendwann kam der Piks für die Narkose, aber das habe ich gar nicht richtig mitbekommen." Die 80-Jährige aus Buseck bei Gießen war da schon lange abgetaucht - in ein Korallenriff, mitten im OP-Saal.

Möglich macht das eine eine Videobrille, die seit zwei Wochen im evangelischen Agaplesion-Krankenhaus in Gießen im Einsatz ist. Ein österreichisches Unternehmen hat die Brille entwickelt. Die Idee: Patienten in Kliniken und Arztpraxen von unangenehmen Prozeduren abzulenken und während langwieriger Wartezeiten zu unterhalten.

Comedy zur Darmspiegelung

Die Brille schirmt Patienten weitgehend von der Außenwelt ab: Aus Kopfhörern ertönen Stimmen oder Musik, im abgedunkelten Blickfeld eröffnet sich eine Art Kinoleinwand. Über ein per Kabel angeschlossenes Bedienelement mit Touchscreen können sich die Patienten ihr Programm aussuchen. Für alle Altersgruppen ist etwas dabei: der Kinder-Klassiker Pumuckl, Naturdokus, klassische Konzerte oder Comedy mit Mr. Bean.

Laut Hersteller kann die Videobrille etwa bei Wurzelbehandlungen, Darmspiegelungen oder im Aufwachraum nach einer OP zum Einsatz kommen. Von herkömmlichen Videobrillen unterscheidet die Brille vor allem, dass sie extra für den Medizinsektor entwickelt wurde und als Medizingerät zugelassen ist.

Weniger Medikamente durch innovatives Gerät

Das evangelische Krankenhaus in Gießen gehört zu den ersten in der Region, das solch eine Brille im Einsatz hat. Narkosearzt Jochen Sticher ist von der neuen Patienten-Unterhaltung begeistert. Die Patienten seien dadurch deutlich entspannter.

"Wir machen die Erfahrung, dass wir dadurch die Gabe von Beruhigungsmedikamenten um ein Drittel reduzieren können. Manche Patienten brauchen deshalb sogar gar keins mehr." Dadurch verringere sich die Zeit im Aufwachraum und letztlich auch die Dauer des Krankenhausaufenthaltes.

"Audiovisuelles Entkoppeln" nennt der Brillen-Hersteller das Prinzip. Laut dem Unternehmen haben Studien positive Effekte von solch audiovisueller Ablenkung erwiesen. Dazu gehört etwa, dass Patienten während einer Untersuchung besser mit Schmerzen umgehen können und sich nach OPs schneller erholen.

In Gießen kommen die Brillen bisher gut an, sagt Anästhesist Sticher. Sie sei seit zwei Wochen im Dauereinsatz: "Bisher haben alle Patienten gesagt, dass sie die Brille nächstes Mal wieder nehmen würden."

"Narkosen können ja sehr schrecklich sein"

Das würde auch die Patientin Ehrengard Rumpf. Der Korallenfilm sei sehr schön gewesen, sagt sie. "Ich wollte gar nicht, dass es aufhört." Es sei nicht ihre erste OP gewesen, aber die Erfahrung sei dieses Mal deutlich angenehmer gewesen. "Narkosen können ja sehr schrecklich sein."

Die 80-Jährige erinnert sich noch gut daran, was sie letztes Mal vor Augen hatte, als sie auf die Narkose wartete: "Das war die Uhr an der Wand. Ich hab die ganze Zeit auf den Zeiger geguckt und darauf gewartet, dass die OP losgeht."