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Junge Anleger bleiben trotz Ukraine-Kriegs gelassen

Für den Deutschen Aktien-Index geht es seit Beginn des Ukraine-Kriegs heftig auf und ab. Müssen junge Anleger um einen wichtigen Teil ihrer Altersvorsorge bangen? Experten raten zu Ruhe.

Seit eineinhalb Jahren gibt Valentin Wilczek jeden Monat mehrere hundert Euro für Wertpapiere aus. Regelmäßig checkt der 19-Jährige aus Bensheim (Bergstraße) die Aktienkurse mit einer App auf seinem Smartphone - zuletzt aber mit wenig Freude. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs habe sein Depot knapp 30 Prozent an Wert verloren, berichtet er: "Das hat mich anfangs ziemlich runtergezogen." Zusätzlich zu den erschütternden Nachrichten aus dem Kriegsgebiet.

Der Abiturient lebt noch bei seiner Mutter und insgesamt sparsam, wie er sagt. Mit den Aktien will sich Wilczek ein Vermögen aufbauen und in seine Altersvorsorge investieren. Er moderiert Basketballspiele in Bensheim und hat sein eigenes Klamotten-Label gegründet. Den dreistelligen Betrag, den er monatlich in Aktien investiert, nimmt er aus den Einnahmen, die er damit erzielt.

Wegen des Ukraine-Kriegs hat Valentin Wilczek zwei Wochen lang nicht mehr seine App gecheckt und in sein Depot geschaut. "Damit ich keine Panikverkäufe mache", erklärt er. Schließlich verfolge er ein langfristiges Anlageziel.

Börsen-Psychologe: Panikverkäufe vermeiden

Vor Beginn der russischen Invasion in die Ukraine pendelte der Deutsche Aktien-Index um die Marke von 15.000 Punkten - zwischenzeitlich stürzte er ab auf rund 12.600 Punkte. In den vergangenen zwei Wochen kletterte er wieder auf deutlich mehr als 14.000 Punkte. Ein heftiges Auf und Ab.

Krisen auszusitzen sei notwendig, falle vielen Anlegern aber nicht leicht, sagt der Börsen-Psychologe Roland Ullrich. Bei negativen externen Faktoren wie dem Ukraine-Krieg und fallenden oder extrem volatilen Kursen gerieten Anleger schon mal unter Stress. "Viele neigen dann zu Panikverkäufen bei fallenden Aktienkursen" - und das, so Ullrich, sei nicht sinnvoll.

Während Krisen empfiehlt Roland Ullrich Anlegern daher: ruhig bleiben und an den Sparplänen festhalten. Obwohl das Börsengeschehen kurzfristig durch heftige Ausschläge nach oben oder unten geprägt sein könne, lege der Aktienmarkt langfristig zu. Ablesen kann das jeder an den Wachstumskurven des Deutschen Aktien-Index' oder anderer Indizes.

Investition in die Altersvorsorge

Auch Ben Göbel versucht die Krise auszusitzen. Der 22-Jährige studiert BWL und hat ein Start-up gegründet, das wirtschaftliches Grundlagenwissen an Schülerinnen und Schüler vermittelt. Der Ukraine-Krieg mache ihn natürlich betroffen, sagt er. Sorgen um sein Aktiendepot mache er sich deswegen nicht.

Er glaube daran, dass sich der Markt langfristig erhole, sagt Göbel. Als Beispiel nennt der Student den Kuwait-Krieg Anfang der 1990er Jahre. Damals hätten viele Anleger wegen steigender Öl-Preise und fallender Kurse ihre Aktien verkauft. "Hätten sie die Aktien behalten, wären sie jetzt reich", meint der Heppenheimer.

Ben Göbel bezeichnet sich als Kleinanleger. Er arbeitet als Werkstudent für einen Landtagsabgeordneten und legt jeden Monat Geld für seine Investitionen zurück. Jeden Monat gibt er rund 100 Euro für Wertpapiere aus, "vor allem in breit gestreute weltweite und konservative ETFs und risikoreichere Aktien", berichtet er. ETF steht für Exchange Traded Fund, an der Börse gehandelte Indexfonds.

Seine Aktien seien dementsprechend nicht nur breit, sondern auch langfristig angelegt, sagt Ben Göbel. Er will damit in seine Altersvorsorge investieren. "Auf die gesetzliche Rente kann ich mich aufgrund des demografischen Wandels nicht verlassen", sagt der 22-Jährige, der wie alle jüngeren Deutschen diese Botschaft sein ganzes Leben lang in den Nachrichten gehört hat.

Jüngere Anleger haben mehrere Vorteile

Über eine Million Hessinnen und Hessen besaßen im vergangenen Jahr Aktien, wie das Deutsche Aktien-Institut auf hr-Anfrage mitteilte. Vor allem Jüngere setzen auf diese Form der Geldanlage. Bundesweit sind im vergangenen Jahr rund 600.000 unter 30-Jährige in den Börsenhandel eingestiegen. Ein Anstieg um 67 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, informiert das Deutsche Aktien-Institut.

Immerhin: Jüngere Anleger haben gegenüber älteren Anlegern mehrere Vorteile, wie ARD-Börsenexperte Stefan Wolff sagt. Dazu zähle der längere Anlagehorizont. "Wer länger lebt, hat länger Zeit, Geld anzusparen, und kann das schon mit kleinen Beiträgen im Monat machen", sagt Wolff. Phasen fallender Aktienkurse wie nun aufgrund des Ukraine-Kriegs könnten locker ausgesessen werden. "Jede Krise hat bislang eine steile Erholung zur Folge gehabt", sagt Wolff.

Nicht vom Ukraine-Krieg profitieren

Auch der 25 Jahre alte Malte Heissel aus Hanau versucht, angesichts der niederdrückenden Nachrichtenlage einen kühlen Kopf zu behalten. Er studiert Finanzwissenschaften und investiert in den MSCI-World, einen ETF, der die Indizes von rund 1.600 Aktien aus 23 Industrieländern abbildet. Er selbst bezeichnet sich als konservativen Anleger, der nicht gerne zockt.

Auch Malte Heissel will im Rentenalter auf seine Investitionen zurückgreifen, sein Depot ist also auf Jahrzehnte angelegt. Wenn ein Aktienkurs an einem Tag wie zuletzt um acht Prozent runtergehe, schockiere ihn das zwar in dem Moment, berichtet er. Andererseits fühle es sich deutlich schlimmer an, wenn er einen 50-Euro-Schein verliere. Und natürlich fühle er mit den Opfern des Krieges mit, die viel gewichtigere Sorgen hätten.

"Ich habe keine russischen Aktien", sagt Heissel. Das habe nichts mit dem Ukraine-Krieg zu tun, sondern sei schon vorher der Fall gewesen. Dass er in Wertpapiere von Unternehmen investiert, die vom Krieg profitieren, kommt für den Hanauer nicht infrage, wie er sagt. Das sei weder aus ethischer noch aus finanzieller Sicht sinnvoll und sehr riskant.

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