Das Team von "Mainbauer"

Die Pandemie bringt viele Unternehmen in Existenznot. Andere wollen trotz oder gerade wegen Corona durchstarten: mit regionalen Obst- und Gemüse-Lieferungen oder einer Finanzapp, die dem Quizduell ähnelt.

Als im Frühjahr der erste Teil-Lockdown in Deutschland beginnt, macht sich Melanie Steuer aus Offenbach Gedanken um die Versorgung ihrer Mutter, einer Risikopatientin. Melanie möchte ihr Mutter das Einkaufen abnehmen. "Wenn wir das für die Mama machen, können wir das doch auch für andere machen", sagt sich die 34-Jährige. Zusammen mit ihrem Lebenspartner Simon Block gründet sie deshalb Ende März das Unternehmen "Mainbauer".

Mit ihren Obst- und Gemüsekisten, die sie bis vor die Haustür liefern, versorgen die beiden Gründer Kunden in Offenbach, Frankfurt, Hanau, Bad Homburg und Dreieich. Regional und saisonal sollen Gemüse und Obst sein, das ist den Gründern wichtig. Alles kommt von Bauern aus der Umgebung: aus Griesheim (Darmstadt-Dieburg), Bad Homburg, Frankfurt und Hanau.

Der Überraschungseffekt

Dabei setzen sie auf den Überraschungseffekt. Denn was genau in den Kisten drin ist, variiert von Woche zu Woche: im Frühjahr Spargel und Erdbeeren, im Herbst Kürbis. Menge und Angebot wechseln, der Warenwert bleibe aber immer derselbe. 39 Euro kostet die große Gemüsekiste, bestehend aus 15 verschiedenen Gemüseteilen. "Die Leute sollen sich und ihre Familie versorgen können", sagt Melanie Steuer.

Bestellen können ihre Kunden die Gemüsekisten über die Webseite, auch das Bezahlen läuft online. Bei "Mainbauer" könne man so oft bestellen wie man wolle. Eine regelmäßige Abnahme im Abo-Stil gebe es nicht.

Gemüsekiste von Mainbauer

Das Unternehmen ist schnell gewachsen. Aus zwei Gründern sind inzwischen acht Mitarbeiter geworden. Seit April habe die Firma ihren Umsatz inzwischen um 50 Prozent gesteigert. "Wir konnten von Monat eins davon leben", sagt Simon Block. Die Gründer sind optimistisch, dass ihr Konzept auch ohne Corona weiterhin bestehen wird. "Der Bedarf ist da. Das Thema Liefern wird eine größere Rolle spielen", sagt Melanie Steuer.

Weniger neue Gründungen

Laut statistischem Landesamt sinkt die Zahl der Neugründungen von Firmen in Hessen seit Beginn der Corona-Pandemie. Von Mai bis September gab es in diesem Jahr fast 9.900 Neuanmeldungen, während es im selben Zeitraum 2019 noch fast 11.500 waren. Das ist ein Rückgang von 14 Prozent. "Die Corona-Pandemie sorgt auch unter hessischen Gründern für Unsicherheit", sagt Robert Lippmann, Geschäftsführer des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK). Vor allem Branchen wie die Gastronomie seien betroffen.

Es gebe aber auch Menschen, die gerade jetzt gründen wollen. "Die Pandemie schafft Marktnischen und gibt digitalen Geschäftsmodellen einen Schub", sagt Lippmann. Das bestätigt auch David Heß, Projetktmanager vom StartHub Hessen. Aktuell würden vor allem junge Start-ups mit frischen Ideen profitieren.

Ein Großteil der Start-ups sei in den Bereichen Digitales, Künstliche Intelligenz (KI) und Software tätig. Und genau diese seien es, die aktuell stark nachgefragt werden. "Das macht die Gründung tatsächlich derzeit sehr attraktiv", sagt Heß.

Deshalb gibt es bundesweit sogar einen Anstieg von neuen Start-ups. Von April bis September wurden in Deutschland im Jahr 2019 etwas über 1.200 Start-ups gegründet. Im selben Zeitraum diesen Jahres waren es über 1.300. Trotz Corona ist die Gründung der Start-ups also gestiegen. Laut dem Start-up-Report der KfW-Bank sei das wichtig. Denn Start-ups seien oft wachtums- und innovationsrelevant. Gerade in Zeiten der Krise brauche man junge Ideen und Fortschritt.

Finanzen sollen unterhaltsam sein

Den Sprung ins kalte Wasser hat auch Carlos Link-Arad aus Frankfurt gewagt. Mitten in der Corona-Zeit hat er sich selbstständig gemacht. Gemeinsam mit seinem Ex-Kollegen Martin Klatt hat er im September die Informations- und Bildungsplattform "Beyond Saving" gegründet. Eine Plattform, bei der die Gründer über das Thema Finanzen aufklären wollen. "Wir wollen das zum Lifestyle und unterhaltsam machen", sagt Gründer Link-Arad.

Team des Start-ups Beyond Saving

Auf der Webseite sind verschiedene kostenlose Tools zu finden, die den Umgang mit Finanzen erleichtern sollen. "Finanzen sollen keinen Stressfaktor mehr darstellen", sagt der 27-jährige Gründer. Neben den Finanztools bietet "Beyond Saving" Video-Kurse und Coachings an. Auch eine App steckt in der Entwicklung. Diese solle ähnlich wie die bekannte App "Quizduell" funktionieren. Freunde können gegeneinander antreten und sich im Wissen rund um die Finanzwelt duellieren. An den Start gehen soll die App im kommenden Jahr.

Finanzwissen an Schulen

Finanzbildung ist ein Thema, das Carlos Link-Arad am Herzen liegt. Er hofft, dass seine App und Tools in Zukunft auch in die Schulen kommen: für Lehrer und Schüler. "Das muss mehr Platz in Schulen finden", sagt er. Denn Finanzen beträfen alle Leute.

Das Gründen in der Corona-Zeit hat für ihn kaum Probleme dargestellt. "Die Frage ist: Willst du es hinkriegen oder dich dadurch einschränken lassen", sagt der Frankfurter Gründer. Kleinere Hindernisse hätte er meistern müssen. Generell biete die aktuelle Zeit viele Möglichkeiten. Auch unabhängig von Corona, sollen seine Mitarbeiter von überall aus arbeiten. "Ob die Leute in Frankfurt oder Bali sitzen, ist mir eigentlich egal", sagt der 27 Jährige.

Wirtschaftliche Folgen unklar

Das Team von "HoloMetrix" aus Frankfurt hat lange überlegt, ob es in der aktuellen Zeit sein Unternehmen an den Start bringen soll. "Ich wäre naiv, wenn ich sage, dass Corona keine Auswirkungen hat", sagt Gründer Alexander Pfaff. So gebe es zur Zeit keine Fachmessen. Das sei für Unternehmen aber wichtig, um ihr Produkt zu bewerben. Auch die wirtschaftlichen Folgen seien unklar und schwer zu kalkulieren.

Team des Start-ups Holometrix

Letztlich habe sich das Start-up aber für die Gründung im September entschieden. Mit ihrem Produkt wollen die drei Gründer die akustischen Messungen revolutionieren. Bei vielen Geräten, wie Laubbläsern oder Müllautos, gibt es eine rechtlich vorgeschriebene Lautstärke, die nicht überschritten werden darf. Diese Messung sei oft aufwendig und teuer. Die Gründer haben deshalb eine Methode entwickelt, die den Vorgang einfacher gestalten soll: mithilfe von (Augmented Reality) AR-Brillen.

"Laute Produkte werden nach Corona nicht leiser sein", sagt der 30-jährige Gründer. Die Online-Möglichkeiten seien groß. Außerdem habe das Team seine möglichen Zielkunden analysiert. Sie wollen nun mehr in Bereiche, wie die Herstellung von E-Bikes gehen. Bereiche, die in Corona-Zeiten sehr gefragt sind. Die offizielle Einführung der Software planen die Gründer für nächstes Jahr.