Zu sehen ist das Gebäude, in dem der Deckendurchbruch geschehen ist, von außen wie von innen.

Der Wohnungskonzern Vonovia lässt ein Mietshaus in Darmstadt modernisieren. Für die Bewohner bedeutet das Lärm, Schmutz und feuchte Wände. Jetzt brach in einer Wohnung ein Stück Decke heraus. Laut Bauaufsicht fehlt es an dem vorgeschriebenen Abbruchkonzept.

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Was es heißen kann, als Mieter unter einem Dach des größten deutschen Wohnungskonzerns Vonovia zu leben, mussten Ismail und Emine Ordu am Dienstag in ihrer Wohnung in der Darmstädter Innenstadt erleben. Am Vormittag stürzte ein Teil der Decke auf ihr Ecksofa im Wohnzimmer. Zum Glück saßen die beiden zu der Zeit eine Tür weiter in der Küche.

Der Bauleiter des Unternehmens ließ durch Arbeiter die Decke behelfsmäßig abstützen. Die städtische Bauaufsicht hat sich die Wohnung inzwischen angesehen - und erstmal ein Bauverbot verhängt, bis die Vonovia ein neues Konzept zum Abbruch der alten Dachaufbauten vorgelegt hat.

Bauaufsicht mahnt Abbruchkonzept an

Bauaufsichtsleiter Rainer Dressel sagte dem hr, es gebe eine Reihe von Baumängeln an dem Haus in der Innenstadt. Beim Abbruch der alten Kamine seien Teile davon auf die ungenügend gesicherte oberste Geschossdecke gefallen. Das Haus soll um ein Stockwerk erweitert werden. Das Bauunternehmen müsse nachweisen, dass es in Zukunft die Decke besser sichert. Aktuell liege kein Abbruchkonzept vor - dieses sei jedoch dringend nötig, um Gefahren für Bewohner und Bauarbeiter auszuschließen. Zu einem derart gefährlichen Ereignis wie dem Abbruch eines Deckenteils dürfe es nicht kommen, betonte Dressel.

"Das ist eine Katastrophe, worst case", sagt Margit Heilmann vom Mieterschutzbund in Darmstadt zum Einsturz der Decke. So etwas dürfe einfach nicht passieren, zumal wenn ein Haus in bewohntem Zustand renoviert werde. Die Mieter sollten sich umgehend in ein Hotel oder eine Ferienwohnung einquartieren und die Mietzahlungen einstellen, empfiehlt Heilmann.

Das Vonovia-Mietshaus in der Bismarckstraße ist Heilmann längst bekannt. Wie die Ordus leben die Bewohner der rund 50 Wohnungen hier seit zwei Jahren auf einer Dauerbaustelle. Zunächst wurden die Wände gedämmt, dann kamen neue Fenster rein, später wurden neue Balkone angebracht. Und nachdem die Gerüste für die Balkone abgebaut worden waren, wurde neu eingerüstet. Diesmal mit dem Ziel, das Dach um eine Etage aufzustocken.

Angst vor dem nächsten Regen

Auch andere Mieter klagen über die Folgen der Modernisierungsarbeiten. In der Wohnung von Janine Maul etwa lief Wasser durch die Decke in ihr Wohnzimmer. Vonovia bot ihr an, sie in einem Hotel unterzubringen. Doch dorthin könnte sie ihre Haustiere nicht mitnehmen.

Übergangsweise wohnt sie jetzt bei ihrer Mutter, eine Etage tiefer. Doch auch dort dringt schon Wasser durch die Decke. "Bei jedem Regentropfen, den man draußen hört, hat man das Gefühl, in Panik zu verfallen. Man wacht nachts jede Stunde auf", berichtet Maul. "Man ist nur damit beschäftigt, jede Ecke an der Decke anzuschauen, ob's wieder irgendwo nass wird."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mieter in Vonovia-Haus klagen über Baumängel

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Mieterschützerin Heilmann schätzt die Baumaßnahmen als reine "Luxussanierungen" ein, die dafür sorgen sollen, dass Vonovia die Miete deutlich anheben kann. In der 46 Quadratmeter großen Wohnung von Wolfgang Deusser ließ Vonovia einen zweiten Balkon zur Nordseite an die Wohnung anbringen. "Das steht in keinem Verhältnis zu den Bedürfnissen des Mieters", sagt Mieterschützerin Heilmann. "Dessen Miete steigt dadurch unverhältnismäßig."

"Ganze Generationen von Mietern werden verdrängt"

Das Ergebnis dieser Art der Modernisierung: Viele Mieter geben auf, gestresst von Lärm, Schmutz, feuchten Wänden und den saftigen Aufschlägen für den neuen "Luxus". "Dadurch werden ganze Generationen von Mietern, die dort seit Jahrzehnten wohnen, verdrängt", sagt Heilmann.

Unterstützt vom Mieterbund klagte Wolfgang Deusser gegen die Vonovia und minderte seine Miete. Inzwischen fand er eine bessere Wohnung. Für die übrigen Vonovia-Mieter ist noch kein Ende der Dauerbaustelle abzusehen.

Die Vonovia reagierte am Mittwoch auf die Nachfrage des hr zur Situation in dem Darmstädter Mietshaus. Man bedauere den Vorfall und habe sich bei den betroffenen Mietern entschuldigt und stehe mit ihnen in Kontakt, sagte Unternehmenssprecher Matthias Wulff.

Vonovia kündigt bessere Baustellensicherung an

Der Vonovia-Sprecher sagte, dass die Bauarbeiter mit stärkeren Bohlen eine bessere Lastverteilung sicherstellen wollen. Auf die Frage, warum das Unternehmen den Mietern kein Ausweichquartier zugewiesen habe, sagte Wulff: Die Stelle mit der herausgebrochenen Decke sei gesichert, "daher war es noch nicht notwendig, den Mietern eine Ersatzunterkunft zu organisieren".

Dass Wasser durch die defekte Decke eingedrungen sei, liege am Starkregen der vergangenen Wochen, so Wulff. Zwar hätten die Arbeiter die Baustelle auf dem Dach abgedeckt, die Abdeckung sei jedoch mit den Wassermassen überfordert gewesen. Die Vonovia habe Mietminderungen gewährt und in einem Fall auch einen Hotelaufenthalt bezahlt.

Mieterbund sieht Seehofer in der Pflicht

Schlechte Blauplanung oder gezieltes Vergraulen von Mietern? Heilmann ist sich nicht sicher, was eher zutrifft. Sie sieht den Gesetzgeber in der Verantwortung. "Modernisierungen dürfen sich nicht endlos hinziehen, Ankündigungen für die Vermieter müssen verlässlich sein", sagt sie an die Adresse von Bundesbauminister Horst Seehofer (CSU).

Für Mieterin Janine Maul werden eventuelle Änderungen zu spät kommen: Sie wird im September dem Beispiel ihres Ex-Nachbarn Wolfgang Deusser folgen und wegziehen. Ihre Mutter bleibt - mangels Alternativen.

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Vonovia

Vonovia ist bekannter unter seinem früheren Namen Deutsche Annington. Das Unternehmen mit Sitz in Bochum ist mit fast einer halben Million Wohnungen Deutschlands größter privater Vermieter.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 14.08.2019, 19.30 Uhr