Ein Verkäufer in einem Möbelhaus trägt Mundschutz.

Bis mindestens Mitte August dürfen Geschäfte in Hessen wegen der Corona-Pandemie auch sonntags öffnen. Die Sonderregelung, die anfangs vor allem für Supermärkte und Drogerien gedacht war, wird inzwischen vor allem von Möbelhäusern genutzt - zum Unmut der Gewerkschaften.

"Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit sind die wesentlichen Säulen der XXXLutz Unternehmensgruppe", das schreibt die Möbelkette XXXLutz auf ihrer Website. Die Beschäftigten des Möbelhauses würden über den branchenüblichen Löhnen bezahlt - und erhielten oft Schulungen.

Doch einen Fakt erwähnt die Möbelkette nicht: Nämlich, dass die Beschäftigten derzeit an den vier hessischen Standorten auch sonntags ran müssen, so auch am kommenden Sonntag zwischen 13 und 18 Uhr, wie es die Corona-Verordnung der Landesregierung erlaubt.

Und damit ist die zweitgrößte-Möbelhauskette Deutschlands kein Einzelfall. Verschiedene Mitbewerber aus der Branche wie Möbel Höffner, Sommerlad oder Porta und Segmüller öffnen derzeit Tag für Tag die Tore - auch am Sonntag. Nur Ikea verzichtet.

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Nutzen Sie die Sonntagsöffnung in der Corona-Krise?

"Lex Möbelhaus"?

Die Landesregierung hatte zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr das Sonntagsverkaufsverbot für einzelne Branchen aufgehoben und dann nach und nach für alle Geschäfte. "Es muss gewährleistet sein, dass die Menschen sich versorgen können", erklärte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) damals. Die Landesregierung zielte zunächst vor allem auf Lebensmittelläden, Apotheken und Drogerien.

Lebensmitteleinzelhändler oder Drogerien verzichteten jedoch auf eine Öffnung am Sonntag - zum Teil mit Verweis auf die ohnehin belastende Zeit für ihre Mitarbeiter. Der Einzelhandelskette Edeka sagte beispielsweise: "Wir halten eine Erweiterung der Öffnungszeiten nicht für notwendig. Schon jetzt sind viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Grenzen ihrer Belastbarkeit. Jetzt noch einen Tag länger zu öffnen, würde diese Situation weiter verschärfen."

Möbelläden nutzen Sonntagsöffnung

Ganz im Gegensatz zur Möbelbranche. Möbelhäuser gehören nach hr-Recherchen zu den wenigen Geschäften, die die Sonntagsöffnung nutzen. Die Verordnung als "Lex Möbelhaus"?

Anfragen des hr, warum sich Möbelhändler im Gegensatz zu anderen Branchen für eine Sonntagsöffnung entschlossen haben, blieben unbeantwortet. Auch bleibt die Frage offen, ob die Beschäftigten einen Sonntagszuschlag bekommen.

Hessen geht Sonderweg

Trotz dieses Hintergrunds hat die schwarz-grüne Landesregierung auch die entsprechende Verordnung zur Sonntagsöffnung gerade erst bis zum 16. August verlängert. Damit geht sie deutschlandweit einen Sonderweg. Zwar hatten zu Anfang der Coronakrise einige Bundesländer ihre Öffnungszeiten dereguliert - aber bis auf Hessen haben sie ihre Regelungen zur Sonntagsöffnung auslaufen lassen.

Kritik kommt von den Gewerkschaften: "Dass man Lebensmittelläden ausnahmsweise in Pandemiezeiten erlaubt, sonntags zu öffnen, um die Versorgung mit Lebensmitteln oder Toilettenpapier sicher zu stellen - darüber kann man ja noch diskutieren", sagt der für Handel zuständige Verdi-Gewerkschaftssekretär in Nordhessen, Manuel Sauer.

"Aber Möbelhäuser zählen für mich sicher nicht zur notwendigen Versorgung in Krisenzeiten. Die Versorgung mit neuen Couchgarnituren muss nicht am Sonntag gewährleistet werden." Worum es den Möbelhäusern am Sonntag gehe: "Noch das letzte Bisschen an Umsatz versuchen zu machen - und das auf den Rücken der Beschäftigten, die gerade in Coronazeiten ohnehin schon viel leisten."

Niedriger Verdienst und Klagen über Arbeitsbedingungen

In der Möbelbranche sind die Arbeitsbedingungen nach Ansicht vieler Beschäftigter bereits unter Normalzuständen belastend, der Verdienst niedrig. Laut der Gehaltsplattform gehalt.de verdient ein Fachverkäufer im Möbelhaus im Schnitt 2.400 Euro brutto monatlich. Immer wieder beschweren sich Mitarbeiter über schlechtes Arbeitsklima in den Häusern und hohen Arbeitsdruck. Viele Filialen sind "verbrannte Erde" für die Gewerkschaften.

Und selbst wenn es noch Betriebsräte gibt - sie haben Angst, mit der Presse zu sprechen. Versuche des hr, mit ihnen in Kontakt zu treten, endeten erfolglos. Die Begründung: Furcht vor Konsequenzen. Legal wären die zwar nicht. Aber die Erfahrung zeigt, dass Betriebe meist auch andere Gründe außer der Betriebsratsarbeit finden, um unliebige Mitarbeiter loszuwerden.

"Beschäftigte brauchen freien Sonntag"

"Die Beschäftigten im Handel, die für wenig Geld richtig schuften müssen, brauchen den freien Sonntag, um wirklich mal runterzukommen", sagt Verdi-Vertreter Sauer.

Er sieht die Landesregierung in der Pflicht: "Die Betriebe machen das, weil die Landesregierung ihnen das möglich gemacht hat. Bei ihr liegt die Entscheidungsmacht, das wieder zu verbieten. Denn eine Couch muss am Sonntag wirklich keiner kaufen." Der Sonntag sei aus gutem Grund ein wichtiger Ruhetag, weil hier die gesamte Familie zusammen käme.

Landesregierung kommentiert Kritik nicht

Das hessische Wirtschaftsministerium will auf Anfrage die Kritik nicht kommentieren. In einer knappen Antwort heißt es nur: Die "Sonntagsöffnung wurde erlaubt, um die Möglichkeit zu schaffen, Einkaufsströme zu verteilen und damit das Infektionsrisiko der Bevölkerung zu verringern."

Die oppositionelle SPD im Landtag hat das Thema bereits auf dem Schirm. Der arbeitmarktpolitische Sprecher der Fraktion, Wolfgang Decker, antwortet auf hr-Nachfrage: "Als SPD haben wir anfangs die Regelung zur Sonntagsöffnung zwar mitgetragen, um dem besonders von der Pandemie getroffenen Handel unter die Arme zu greifen."

Inzwischen hätten sich die Öffnungsmöglichkeiten für die Geschäfte aber weitgehend normalisiert. "Wir beobachten das ganze kritisch."

Ihre Kommentare Was halten Sie von der Corona-Sonntagsöffnung?

66 Kommentare

  • Die Sonntagsöffnung sollte dringend rückgängig gemacht werden!
    Der Sonntag sollte Ruhetag bleiben für so viele berufstätige Menschen wie möglich. Es gibt ohnehin schon zu viele Jobs ohne regelmäßige, verlässliche freie Tage wie z.B. im Öffentlichen Dienst. Ich finde, Mensch sollte in der Lage sein an einem Tag der Woche aufs Einkaufen zu verzichten.

  • Die Corona-Sonntagsöffnung ist in der momentanen Lage der Pandemie nicht mehr zu begründen und gehört beendet. Der Schutz des Sonntags wiegt ab sofort wieder höher.

  • Völlig uñötigt, zerstört den freien Sonntag. Wirtschaftlich nicht rentabel. Weg damit!

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