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Eine Kurve in Mossautal soll durch Bauarbeiten entschärft werden. Sie war mal Unfallschwerpunkt, doch das ist lange her. In der Odenwälder Gemeinde sorgen die Pläne des Landes nun für Zoff.

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Audioseite Baustelle mit zwölf Jahren Anlauf

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Hüttenthal im Odenwald ist eigentlich bekannt für seine Molkereiprodukte wie leckere Milch und frischen Käse. Schlagzeilen produzieren diese Erzeugnisse in der Regel aber nicht. Anders sieht es mit Straßenbauplänen aus, die die Verkehrsbehörde Hessen Mobil aus Sicherheitsgründen und nach zwölfjähriger Planung an der B460 umsetzen will. Die Verwunderung im Ortsteil der Gemeinde Mossautal ist groß, das Unverständnis auch. Denn an der betroffenen Stelle ist seit Jahren kein Unfall mehr passiert.

Autos krachen regelmäßig in Bushaltestelle

Das war natürlich nicht immer so. 2009 kracht es gleich viermal hintereinander in der "Schmelzkurve" - benannt nach dem naheliegenden Gasthaus Zur Schmelz. "Die Unfallautos sind jedes Mal in die dortige Bushaltestelle eingeschlagen", erinnert sich Mossautals Bürgermeister Dietmar Bareis (parteilos). Die Betreiber des Gasthofs, die in dem Haus auch wohnen, wenden sich damals an die Gemeinde. So eine Unfallserie müsse doch Gründe haben.

Da es sich bei der B460 um eine Bundesstraße handelt, mahnt die Gemeinde Mossautal den Unfallschwerpunkt bei der Straßenverkehrsbehörde Hessen Mobil an. Als Sofortmaßnahme wird die Bushaltestelle um einige Meter versetzt. Zusätzlich wird ein Tempolimit eingeführt. Auf dem gefährlichen Straßenabschnitt gilt nunmehr Tempo 40 statt wie bisher 60. Und das zeigt Wirkung. Die Verkehrsunfälle bleiben fortan aus.

Kurvenradius sorgt für Unfälle

Hessen Mobil untersucht die "Schmelzkurve". Und tatsächlich: Mit dem Kurvenradius stimmt etwas nicht. 2012 leitet das Hessische Verkehrsministerium ein Planfeststellungsverfahren ein mit dem Ziel, spätestens 2015 mit nötigen Baumaßnahmen zu beginnen. Die Umgebung wird begutachtet.

Klar ist schon damals: Bäume müssen gefällt werden, die Besitzer von angrenzenden Grundstücken mit ins Boot geholt werden. Der Kurvenradius soll erhöht werden, um die Stelle langfristig sicherer zu machen. Und das braucht Platz. Geschätzte Kosten: 350.000 Euro. Soweit, so gut. Doch dann passiert nichts.

Planungspannen?

Warum das Projekt über Jahre brach liegt? Hessen Mobil argumentiert mit bürokratischem Aufwand: Baurecht, Planfeststellung, Anhörungen. Bürgermeister Bareis erinnert sich an Probleme von Hessen Mobil, den betroffenen Grundstücken an der B460 die richtigen Besitzer zuzuordnen.

Ähnliches ist auch im aktuellen Planfeststellungsbeschluss des Ministeriums zu lesen. "Ich selbst habe das Thema Schmelzkurve von meinem Vorgänger übernommen. Warum da so lange nichts passiert ist, kann ich nicht wirklich beantworten", sagt Bareis. Im August 2020 wird es plötzlich konkret.

"Unsinnsprojekt erster Güte“

Der Beschluss vom Ministerium kommt, nachdem im Juni 2020 weder von Gemeinde- noch Bürgerseite Einwände vorgebracht werden. Neue Kostenberechnung: 500.000 Euro. Anfang dieses Jahres werden sechs alte Eichen gefällt, im Mai soll es dann losgehen mit dem Umbau. Was lange währt, ist mittlerweile aber obsolet.

Harald Hoppe, Sprecher des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) im Odenwald, ärgert sich nicht nur über die Baumfällarbeiten: "Dass die Natur für den Straßenbau zurückweichen muss, wissen wir nicht erst seit dem Dannenröder Forst. Aber das hier ist Geldverschwendung, ein Unsinnsprojekt erster Güte." Mit dieser Meinung steht er nicht alleine da.

Gemeinde bittet um erneute Prüfung

Reinhard Kübler ist Vorsteher der Gemeindevertretung Mossautal. Er sagt: "Hier in Mossautal sind viele gegen den Umbau." Es gibt eine Bürgerinitiative, eine Unterschriftenaktion. Es gab eine Kundgebung gegen den Umbau. "Das ist einfach so viel Geld, das wäre besser in einem neuen Radweg angelegt, den wir uns hier schon lange wünschen."

Landrat Frank Matiaske (SPD) pflichtet dem bei: "Der Grund für den Umbau ist aus unserer Sicht entfallen, nachdem es hier jahrelang keinen Unfall mehr gab." Man habe beim Ministerium darum gebeten, die Notwendigkeit der Baumaßnahmen erneut zu prüfen.

Beschlossene Sache

Tempo 40 auf einer Bundesstraße sei keine langfristige Lösung, hält Hessen Mobil dagegen. Sprecher Jochen Vogel sagt: "Um der Unfallhäufigkeit langfristig und dauerhaft und vor allem fachgerecht begegnen zu können, sind bauliche Maßnahmen zur Beseitigung des Gefahrenpunktes notwendig."

Dass die Einwände der Gemeinde zu spät kommen, weiß auch Bürgermeister Bareis: "Der Beschluss vom Ministerium ist da. Der Umbau ist nicht mehr zu verhindern." Die Frage bleibt, warum weder Bürger noch Gemeinde in der gängigen Frist des Planfeststellungsverfahrens Einspruch gegen die Maßnahmen eingelegt haben.

Zwischen den Stühlen

Bareis sieht sich in der Zwickmühle: "Als Bürgermeister habe ich einen Eid auf die Verfassung des Landes Hessen geschworen. Und wenn Hessen Mobil sagt, diese Kurve einer Bundesstraße entspricht nicht der Norm - wer bin ich, das anzuzweifeln?"

Trotzdem verstehe er die Kritik. Das Verständnis für die Baumaßnahme sei gewichen mit der Dauer des Verfahrens. Bareis gibt nur zu bedenken: "Sollte die Schmelzkurve nicht ausgebaut werden und es kracht wieder, wer würde dafür die Verantwortung tragen wollen?".

Nach dem Umbau durch Hessen Mobil soll in der "Schmelzkurve" übrigens wieder Tempo 60 gelten. Die Gemeinde befürchtet aber deutlich höhere Geschwindigkeiten: "Bei ausgeschilderten 40 fahren die Leute 60. Wenn wieder 60 km/h erlaubt sind, wird mit Sicherheit schneller gefahren", glaubt Bareis. Da bleibe die Frage, ob durch den Umbau nicht eher eine neue Gefahrenstelle geschaffen werde.

Sendung: hr4, 10.03.2021, 14.30 Uhr