Eine Lufthansa-Maschine startet in Frankfurt.

Weil die EU es so will, muss die Lufthansa 18.000 sinnlose Flüge starten. So stellt es die Airline dar. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit.

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Himmlischer Irrsinn: Tausende sinnlose Flüge im Winter

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Um wertvolle Start- und Landerechte zu erhalten, muss die Lufthansa in diesem Winter nach eigenen Angaben rund 18.000 Flüge durchführen, auf die sie gerne verzichtet hätte. So schreibe es die Europäische Union (EU) vor. Als "sinnlos" hat die Lufthansa jüngst diese Flüge bezeichnet, Airline-Chef Carsten Spohr warf der EU gar vor, mit solchen Regelungen dem Klima zu schaden. Doch ob Spohrs größte Sorge tatsächlich dem Klima gilt, darf bezweifelt werden. Der Angriff wirkt kalkuliert.

Der EU in diesem Fall den alleinigen Schwarzen Peter zuzuschieben, wäre unangemessen. Zwar verlangt die Europäische Kommission, die für die Regelung der Zeitfenster an europäischen Flughäfen verantwortlich ist, trotz Pandemie mindestens die Hälfte aller Flüge durchzuführen, um besagte Rechte nicht zu verlieren.

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Das "Use or Lose"-Prinzip

Die EU vergibt die Start- und Landerechte durch die Europäische Kommission nach dem sogenannten "Use or Lose"-Prinzip - also "nutze oder verliere". Wer nicht fliegt, verliert seine Rechte. Normalerweise müssen dafür mindestens 80 Prozent der Flüge auch durchgeführt werden. Im ersten Jahr der Pandemie hat die EU diese Regelung ausgesetzt, für den aktuellen Winterflugplan gilt eine 50:50-Regel, wonach mindestens die Hälfte der Flüge durchgeführt werden muss. Diese Regel gilt für alle Fluggesellschaften, die in der EU starten oder landen.

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Diese 50:50-Regel stammt aus dem Herbst, als sich der Flugverkehr wieder zu erholen schien – vor Omikron. Vorher hatte die EU den Fluggesellschaften aufgrund der Corona-Auswirkungen sogar alle Pflichtflüge erlassen. Über genau jene 50:50-Regel regt sich die Lufthansa derzeit so medienwirksam auf, schließlich seien die Buchungen im Winter nicht zuletzt wegen Omikron wieder eingebrochen.

"Wir würden uns wünschen, dass die EU diese Regel noch einmal anpasst", sagte ein Sprecher der Lufthansa dem hr am Mittwoch. Da dies aber nicht der Fall sei, sehe man sich aktuell gezwungen, jene 18.000 sinnlosen Flüge starten zu lassen.

EU zeigt sich irritiert

Ein Vorwurf, der wiederum bei der Europäischen Kommission für Kopfschütteln sorgt. Eine Sprecherin zeigte sich gegenüber dem hr irritiert, dass die Lufthansa in Person von Herrn Spohr derart mit dem Finger auf die EU zeige. Es gebe schließlich Ausnahmeregelungen, die es den Fluggesellschaften ermögliche, auch Flüge über die 50 Prozent hinaus zurückzugeben, ohne ihre Start- und Landerechte zu verlieren.

"Sollte sich etwa die Situation aufgrund der Omikron-Variante auf einigen Strecken verschlechtern, werden die Fluggesellschaften durch die begründete Ausnahme der Nichtnutzung geschützt und verlieren nicht ihre angestammten Rechte", erklärte die Sprecherin der Europäischen Kommission.  

Kalkulierte Aufregung bei der Lufthansa?

Es gibt also Möglichkeiten, weitere Flüge aufgrund der veränderten Pandemie-Lage zu streichen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Bleibt die Frage: Warum macht die Lufthansa davon keinen Gebrauch? Unklar ist, bei wie vielen der 18.000 Sinnlos-Flüge tatsächlich eine der Ausnahmeregelungen der EU greifen würde. Zudem seien die Pandemie und mit ihr verbundene Regelungen sehr dynamisch, so dass es im Sinne der Flugplanung oft zu spät sei, um Anpassungen vorzunehmen, erklärte der Lufthansa-Sprecher.

Doch hinter dem lautstarken Wehklagen der Lufthansa dürfte noch mehr stecken als die vordergründige Sorge um das Klima. Denn die Lufthansa würde sehr von einer dauerhaft oder zumindest langfristig niedrigen Pflicht-Quote profitieren. "Die Lufthansa ist ein schrumpfendes Unternehmen und muss sparen", erklärte Luftfahrt-Experte Cord Schellenberg im Gespräch mit dem hr.

Wenn die Frankfurter Airline also weniger fliegen könnte, ohne dabei Start- und Landerechte in Europa zu verlieren, käme ihr das in doppelter Hinsicht entgegen. Sie könnte einerseits Kosten sparen, würde aber auch die Konkurrenz fernhalten, die die freigewordenen Slots gerne besetzen würde. In Frankfurt könnte das zum Beispiel Ryanair sein, die irische Billigfluglinie befindet sich im Gegensatz zur Lufthansa nämlich im Wachstum. Und da kommt der Lufthansa die Aufregung über 18.000 Klimakiller-Flüge gerade recht.

Druck auf die EU erhöhen

Mit seinem medialen Vorpreschen erhöht Lufthansa-Chef Spohr den Druck auf die EU, die kürzlich bereits angekündigt hatte, die Quote für den Sommerflugplan auf 64 Prozent erhöhen zu wollen. Dass ihm das gelungen ist, unterstreichen unter anderem die vielen Reaktionen vieler Nutzerinnen und Nutzer auf unsere Berichterstattung, die fast allesamt die EU für ihre vermeintlich klimafeindliche Politik kritisieren. Auch dass sich die Europäische Kommission gedrängt fühlt, Sachverhalte gegenüber dem hr richtigstellen zu wollen, zeigt, dass der Schuss sein Ziel nicht verfehlt hat.

Ob die von Spohr aufgerufenen 18.000 Flüge alle auch tatsächlich abheben, steht indes noch gar nicht fest. "Wir überprüfen ständig, ob Flüge möglicherweise unter die Ausnahmeregelungen fallen", sagte der Lufthansa-Sprecher. Sei dies der Fall, werde man auf einen Start verzichten. Damit wäre tatsächlich allen geholfen, in erster Linie aber dem Klima und den lärmgeplagten Anwohnern.

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