Fahrradfahrerin auf der Friedensbrücke in Frankfurt

Mit seiner nicht gehaltenen autokritischen Rede landete Frankfurts Oberbürgermeister Feldmann zur Eröffnung der IAA einen Coup. Den Autoverkehr in der Stadt schränkt die Politik bisher aber kaum ein. Zum Frust von Fahrradfahrern.

Von Oberrad im Südosten Frankfurts bis nach Niederursel im Norden braucht man mit dem Fahrrad etwa eine Stunde, von Höchst im Westen nach Bergen-Enkheim im Nordosten ungefähr eineinhalb Stunden. Die allermeisten Radfahrer in der Stadt dürften maximal 30 Minuten lang unterwegs sein, um an ihr Ziel zu kommen. Überwiegend geht es flach dahin. Frankfurt, kompakt und relativ eben, könnte eine prima Fahrradstadt sein. Wäre da nicht die städtische Verkehrspolitik.

Immerhin: Zu einer Fahrradstadt will die Koalition aus CDU, Grünen und SPD Frankfurt jetzt ausbauen. CDU und Grüne regieren in der Stadt seit 2006 zusammen, seit 2016 ist auch die SPD dabei. Passiert ist in all den Jahren für die wachsende Menge an Radfahrern recht wenig.

Autofreie Wohnviertel in Antwerpen

Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat sich zur Eröffnung der Automesse IAA zum obersten Klimaschützer in der Stadt aufgeschwungen, indem er eine nicht gehaltene autokritische Rede veröffentlichte. Der OB ist seit sieben Jahren im Amt. Wie viele neue Fahrradwege entstanden in der Zeit? Fahrradwege, nicht bloße Fahrradstreifen, die im Zweifel Lieferverkehr und Brötchen-mit-dem-Auto-Holer zuparken und die allzu oft mitten auf der Straße im Nichts enden? Oder Fahrradparkhäuser wie in den Niederlanden? Gebaut wurden vor allem Tiefgaragen.

Als Frankfurter liest man beinahe mit Tränen in den Augen über Antwerpen, wo es autofreie Wohnviertel gibt und breite Verkehrsinseln zwischen den Autofahrspuren, auf denen Fußgänger und Radfahrer tatsächlich Platz haben. Oder über Paris, das binnen fünf Jahren sein innerstädtisches Radwegenetz um die Hälfte erweitert hat. Ganz zu schweigen vom Velo-Dorado Kopenhagen. Alles keine Reißbrettstädte, im 19. Jahrhundert in die Prärie geworfen. Das sind europäische Städte mit mittelalterlichem Kern – wie Frankfurt.

Nötiger Umbau weg von der Auto-City

Aber hier (oder in irgendeiner deutschen Stadt) steht einem für Stadtklima, Bürgergesundheit, Urbanität gebotenen Umbau weg von der Auto-City immer etwas im Weg. Während man als Radfahrer seinen Weg durch Reihen von geparkten und brausenden SUVs und Limousinen hindurch finden muss.

Und sich fragt: Warum sind der Stadt Frankfurt die Fahrradfahrer egal? Manchmal ist das frustrierend. Was fehlt, ist der politische Wille. Wenn man hier aufs Gas tritt, dann nur hinter dem Lenkrad eines gerne mal zwei Tonnen schweren Autos.

Warum dauert das so lange?

Vielleicht tut sich jetzt tatsächlich etwas. Immerhin hat auch die CDU zugestimmt, dass in den kommenden vier Jahren 45 Kilometer neue Radwege entstehen sollen, dass Fahrspuren für Autos wegfallen, dass Parken teurer werden soll. Andererseits dauerte es ein ganzes Jahr, bis die Römer-Koalition diese Forderungen des überaus erfolgreichen Radentscheids übernahm. Zunächst wollte man sie abwimmeln.

Deshalb bleibt das Misstrauen, zumal die Idee der Fahrradstadt erst noch in die konkrete Planung muss. Es bleibt auch die Frage, warum die Umsetzung sinnvoller Ideen – innerstädtischen Autoverkehr unattraktiv machen, nicht-motorisierten Verkehr fördern, öffentlichen Nahverkehr massiv ausbauen – hier immer so verdammt lange dauert.

Ihre Kommentare Frust über zu viele Autos in Frankfurt - alles übertrieben?

81 Kommentare

  • War gestern auf der Rad-Demo für eine Verkehrswende und genoss, mal nicht an den Rand gedrängt zu werden. Danach dann zurück nach Hause, der Absturz war eklatant: wieder musste ich die Schleichwege durch Nebenstraßen nehmen, ständig aufpassen weil Autos ohne Sicherheitsabstand an mir vorbeifuhren und dann diese Lücken zwischen den Fahrradwegen (siehe Bockenheimer Warte - das Nichts am Opernplatz - danach die nicht erkennbare Fahrradstraße Goethestraße). Wer wie IHK Präsident Casper mehr Verkehrsangebote für Autos fordert und Radfahrer in die Seitenstraßen abdrängen will, hat die neuesten Untersuchungen aus Toronto nicht gelesen. Dort haben Händler an Straßen, in den Autoparkplätze zugunsten Radwegen zurückgebaut wurden, ein Umsatzplus verzeichnet. Die Anzahl der Autokunden blieb konstant, die der radfahrenden Kundschaft hat sich mehr als verdoppelt. Solange Menschen wie Herr Casper in 1960er Jahren leben, verspielen wir als Stadt unsere Zukunft, unterstützt von Dezernent Oesterling.

  • Die Kommentare im Bezug auf nervige Radfahrer sind schon merkwürdig und klingen für mich schon fast nach purer Verzweiflung. Jeder Autofahrer sollte sich bei den Radfahrern dafür bedanken, daß sie auch bei Wind und Wetter dafür sorgen, daß die Straßen nicht noch mehr verstopften. Stattdessen reden wir über ein paar Rowdies, die am Verschulden der vielen Verkehrstoten sicher nicht mitbeteiligt sind. Wie kann man als Autofahrer, der die Umwelt verpestet, Lärm produziert und wertvollen Platz in der Stadt verschwendet sich so über die Radfahrer beschweren? Sie sollten eher jedem Radfahrer einen Strauß Blumen mitbringen wenn sie mit ihrem Auto in die Stadt kommen. Aber das Gute ist - es wird sich was ändern. Die Rad-Demo vor der IAA und Radentscheid machen Mut, daß in Zukunft Autos und stinkende Mopeds aus der Stadt verbannt werden.

  • Ich gebe den Kommentaren recht, die es im PKW bequemer finden. Trocken, Klimatisiert, bequemer Sitz, Ruhe, Gepäck / Einkäufe gut untergebracht und jede Wartezeit locker ausgesessen. Ampelschaltung 90 Sekunden warten ist für jemanden im Auto kein Problem, für Fußgänger und Radfahrer schon. Dass es in öff. Verkehrsmitteln unbequemer ist, Belästigung durch andere möglich und länger dauert ist Tatsache. Es ist trotzdem notwendig, den KFZ Verkehr einzuschränken. (Mein Kommentar 23.44 Uhr am 13.9.)

    Solange ein PKW vorhanden ist und keine Reflektion darüber erfolgt, wofür der tatsächlich notwendig ist (Steht die meiste Zeit rum), bleibt die Anzahl hoch und muss irgendwo hin. Schluß mit immer mehr Straßen, her mit mehr Schutz von anderen Verkehrsteilnehmern. Autos hatten jahrzehntelang exklusive Privilegien. Schon 1970 war klar, dass es nicht ewig so weiter geht. Nix getan ist keine Begründung für weiter nix tun!

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