Bildkombination aus vier Fotos: ein Orgelbauer, ein Schreiner, ein Uhrmacher und ein Hufschmied.

Ob Hufschmied oder Uhrmacher - Manche Handwerksberufe sind sehr selten geworden. Wir haben mit vier jungen Azubis aus Hessen gesprochen, die es dennoch gewagt haben, einen besonderen Beruf zu erlernen.

Videobeitrag

Video

zum Video Wieso junge Menschen Hufschmied und Orgelbauer werden möchten

hs1930_081021
Ende des Videobeitrags

Sie sind schon fast eine Rarität: Uhrmacher, Tischler, Hufschmiede und Orgelbauer. Hessenweit zählen die Handwerkskammern sechs Personen, die 2020 eine Ausbildung zum Uhrmacher begonnen haben. Orgelbauer sind ähnlich schwach vertreten, für andere Handwerksberufe sind die Zahlen nicht besser.

Besonders beliebt hingegen sind laut Industrie- und Handelskammer (IHK) Ausbildungen zum Beruf Einzelhandelskaufmann/-frau oder Kaufmann/-frau für Büromanagement. Hier liefen im vergangenen Jahr 3.994 beziehungsweise 4.500 Ausbildungsverträge. Daneben gibt es aber auch noch junge Leute, die sich für traditionelles Handwerk begeistern. Vier davon haben uns erzählt, wie sie zu ihrer Ausbildung kamen.

Bastian Schindler - Uhrmacher

Wenn die geerbte Spieluhr von Oma nicht mehr funktioniert, geht sie zum Uhrmacher. In der Werkstatt von Arno Kuhaupt in Fritzlar (Schwalm-Eder) stehen unzählige Modelle: große Wanduhren, vergoldete Uhren, Taschenuhren, sogar eine glitzernde Spieluhr in Weihnachtsoptik ist dabei. Je kleiner die Mechanik wird, desto fummeliger ist die Arbeit. Dieser – und vielen anderen – Aufgaben stellt sich Bastian Schindler. Er ist der zweite Lehrling, den die Firma ausbildet. Der 24-Jährige hat seine Ausbildung im August angefangen. Seine Beweggründe:

Azubi Uhrmacher

"Ich habe vorher eine Ausbildung in der Verwaltung angefangen und zweieinhalb Jahre durchgezogen und dann zum Ende hin gemerkt: Das, was mir in der Schule Spaß macht, das werde ich im Alltag nicht haben. Nach dem Abbruch der Ausbildung stand ich erstmal vor dem Nichts, wusste nicht so ganz, was ich machen will. Mein Gedanke war dann: Mach einfach irgendetwas ganz anderes. Dann habe ich weiter überlegt, was mir Spaß macht und mich schon immer interessiert hat.

Da war dann der Uhrmacher dabei, ich interessiere mich seit meiner Kindheit für Uhren. Mein Opa hatte zwei Taschenuhren bei sich vorm Fernseher liegen als Deko, die fand ich total faszinierend. Die habe ich immer wieder aufgezogen, habe die gestellt, habe hinten die Deckel aufgemacht und mir das Werk angeguckt. Das erste, was ich auf Flohmärkten ansteuere, sind Uhren. Und dann dachte ich mir: Warum soll ich dieses Interesse nicht zum Beruf machen? Mich fasziniert vor allem, wie präzise ein paar Zahnräder sein können beziehungsweise wie klein das Ganze wird. Die Ausbildungsstellen sind zwar rar, aber danach hat man gute Chancen, das zu machen, worauf man Lust hat. Sei es eine Werkstatt, die Industrie oder im Verkauf - überall werden händeringend Leute gesucht."

Mathis Sauer - Hufschmied

Hufschmiede sind gefragt und doch gibt es nur wenige Lehrlinge. Auf dem Reiterhof Pavel in Calden (Kassel) gab es in den vergangenen 38 Jahren nur drei Auszubildende, einer von ihnen ist Mathis Sauer. Er ist aktuell im 2. Lehrjahr. Vorher hat der 21-Jährige eine Ausbildung zum Pferdewirt abgeschlossen. Das ist wichtig, denn Hufschmied ist keine staatliche Ausbildung, sondern eher eine Art intensive Weiterbildung, die on top absolviert wird. Seine Motive für die Ausbildung:

Azubi Hufschmied

"Das ist für mich der schönste Beruf der Welt. Ich hatte schon immer mit Pferden zu tun, reite gerne und mag das Handwerkliche an der Arbeit. Außerdem hilft man den Pferden auch irgendwie. Es gibt einen Spruch: Ohne Huf kein Pferd. Man kürzt die Hufe, beschlägt sie, damit die Tiere wieder gut laufen können. Beim Beschlagen kann man viel ausgleichen, wie zum Beispiel Fehlstellungen. Es ist ein gut bezahlter Job - man macht sich aber auch kaputt körperlich. Die Arbeit geht sehr auf den Rücken, da muss man echt darauf achten, schonend zu stehen.

Ich habe einen Realschulabschluss mit Versetzung auf die gymnasiale Oberstufe gemacht und wollte da schon Hufschmied werden. Also wofür das Abi? Und dann habe ich nach Betrieben gesucht, die andere Ausbildungen anbieten, darunter Schreiner, Tischler und Pferdewirt. Ich hätte auch zu Mercedes oder VW gehen können, in die Halle, aber die Arbeit mit Pferden macht mir so viel Spaß und ich bin gerne draußen an der frischen Luft. Klar, die Ausbildung ist teuer, doch danach kann ich mich als staatlich anerkannter Hufschmied selbstständig machen und das Geld wieder reinholen. In ein paar Jahren möchte ich das auch, dazu einen eigenen Hof haben und herumfahren und Pferde beschlagen."

Thorben Jütte - Tischler mit Spezialgebiet Restaurierung

Der Geschäftsleiter von Theile Restaurierung in Diemelstadt (Kassel), Chris Theile, sucht händeringend nach Azubis. In den vergangenen zwei Jahren hat er keine neuen eingestellt. Dafür hat er einen Azubi im dritten Lehrjahr: Thorben Jütte. Für den 19-Jährigen ist es immer wieder spannend, in historischen Gebäuden zu arbeiten. Die Ausbildung ist sehr abwechslungsreich: Es werden bei der Tischlerlehre Techniken "von früher" erlernt, beispielsweise das Verzinken von Holz. Das sagt Thorben Jütte über seine Ausbildung:

Thorben Jütte Azubi Restaurator arbeitet an Futter in Löwenburg

"Ich wollte vorher eigentlich Industriemechaniker werden, aber die hatten schon Auszubildende. Dann habe ich ein Praktikum hier gemacht und das hat mir gut gefallen und dann habe ich direkt die Lehre angefangen. Es ist sehr interessant, heutzutage wird alles neu gemacht und in der Lehre sieht man, wie etwas Altes neu aufgebaut wird. Man lernt auch immer dazu, es kommen immer neue Herausforderungen. Es ist schön, an so vielen verschiedenen Orten zu arbeiten.

Meine Familie stand immer hinter meiner Ausbildung, darüber bin ich sehr froh. Die meisten meiner Freunde arbeiten in der Industrie, die fragen mich zum Teil nach Sachen, da helfe ich dann weiter. Meine Familie profitiert auch von meinen Fähigkeiten: Für den Nachbarn habe ich eine Hütte gebaut, meinem Onkel habe ich beim Umbauen geholfen - es findet sich immer etwas. Im ersten Lehrjahr habe ich um die 400 Euro verdient, aber das hat mich nicht wirklich interessiert. Ich brauche nicht viel Geld, um glücklich zu sein."

David Geppel - Orgelbauer

Bis eine Orgel wieder richtig klingt, dauert es: Das Holz muss ausgebessert werden, Pfeifen gereinigt und anschließend gestimmt werden, hinzu kommt die Elektrik. Ein Orgelbauer beherrscht viele handwerkliche Bereiche. Doch nur noch wenige junge Menschen entscheiden sich für diesen Beruf, unter ihnen: David Geppel. Der 25-Jährige ist am Ende seines 1. Lehrjahrs, die er beim Orgelbauer Krawinkel in Trendelburg (Kassel) macht. Er erzählt, wie er dazu kam:

David Geppel sitzt vor Orgel

"Meine Freunde waren überrascht, dass ich im Handwerk gelandet bin. Vorher habe ich in der Pflege gearbeitet. Aber ich spiele ein bisschen Klavier und finde Orgeln eindrucksvoll und faszinierend. Die Anzeige habe ich durch Zufall entdeckt und so bin ich dann hierher gekommen. Orgeln sind einfach toll, der Klang ist voller und vor allem lauter. Am meisten Spaß macht mir das Klangliche, das Stimmen der Orgel. Erst schwingt der Ton, klingt unsauber und am Ende ist er dann klar.

Aktuell arbeite ich an der Elektronik für einen Spieltisch. Es geht darum, dass ein Ton kommt, wenn man die Tasten drückt. Ich habe am Morgen dafür die Kabel dran gelötet, die Kabelbäume sortiert und ordne dann die Kabel. Im ersten Lehrjahr verdient man leider wenig, bei mir sind das um die 500 Euro. Ich kann mir aber vorstellen, in dem Beruf weiterzumachen."

Audiobeitrag

Audio

Audioseite Uhrenmacher und Orgelbauer - wer entscheidet sich für seltene Ausbildungsberufe?

Bildkombination aus vier Fotos: ein Orgelbauer, ein Schreiner, ein Uhrmacher und ein Hufschmied.
Ende des Audiobeitrags
Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen