Zwei Radfahrer stehen in Frankfurt in einem Stau von Autos

Wenn Städte klimaneutral werden wollen, müssen sie den Anteil am Autoverkehr verringern. Forscher fordern einen radikalen Umbau des Straßenraums und von Wohnvierteln. Machen die Bürger da mit?

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zum Video Hat das Auto in Städten eine Zukunft?

hessenschau vom 13.07.2021
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Die Kasseler Kreuzung am Katzensprung ist aktuell eine Baustelle. Die Fahrradwege sollen ausgebaut werden, gleichzeitig der Platz für den Autoverkehr aber nicht weniger werden. Da liege schon der Denkfehler, sagt der Kasseler Ingenieur und Klimaaktivist Fabian Berger: "Wir müssen dem Auto Platz wegnehmen und es unattraktiv machen, dass Autos hier fahren."

Stattdessen werde Flickwerk produziert, das am Ende gefährlich sei für Fahrradfahrer, weil der Radweg plötzlich auf einer mehrspurigen Straße ende oder Radler mit Fußgängern um Platz konkurrierten, findet Berger. "Die Stadtregierung traut sich nicht, die Flächen der Autos anzutasten", kritisiert er. Für ihn ist klar: "Autos und vor allem Verbrenner haben in der Stadt keine Zukunft." Anders seien die Klimaschutzziele nicht zu erreichen.

Klimaneutral in neun Jahren?

Kassel will in Hessen mit gutem Beispiel vorangehen und hat sich viel vorgenommen. Bis 2030 soll die Stadt klimaneutral sein, so wurde das gerade im grün-roten Koalitionsvertrag festgelegt. Das würde bedeuten, eine Netto-Null-Emission zu haben: Was an CO2 ausgeschieden wird, muss durch Aufnahme von Kohlenstoff aus der Atmosphäre ausgeglichen werden, damit am Ende ein Gleichgewicht herrscht. Andere Städte haben ähnliche Pläne, Gießen und Frankfurt etwa wollen 2035 klimaneutral sein.

Für die Städte bedeutet das: weniger Abgase durch Verbrennerautos, weniger CO2-Ausstoß durch Industrie und Gebäude, mehr erneuerbare Energien. Kassel solle zu einer "Radverkehrsstadt" werden, heißt es im Koalitionsvertrag von Grünen und SPD. Parkflächen für Autos sollen reduziert, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor aus bestimmten Quartieren ganz verbannt werden.

Das Problem ist nur: Kassel wurde wie die meisten Städte im 20. Jahrhundert für Autofahrer geplant und gebaut. Das Konzept stößt heutzutage an seine Grenzen: Innerstädtische Staus häufen sich, die Straßenränder sind zugeparkt. "Das Ziel war, mit dem Auto möglichst schnell von A nach B zu kommen", sagt Marissa Reiserer, die an der Universität Kassel zu Verkehrsplanung forscht.

Umweltbundesamt: Zwei Drittel weniger Autos nötig

"Wir haben eine Hypothek der letzten 50 Jahre, die müssen wir aufarbeiten", sagt Reiserer. Die fürs Auto angelegten Städte müssten sich dringend verändern.

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Audioseite In den Städten der Zukunft haben Autos weniger Platz

Fabian Berger fährt mit seinem Fahrrad auf einer vielbefahrenen Straße in Kassel
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Das Umweltbundesamt schlägt eine Verringerung des Autoaufkommens in Städten um zwei Drittel vor. Viele Städter müssten sich demnach von ihrem Auto verabschieden - und Alternativen finden. Der nötige Wandel sei umfangreich, sagt Reiserer, und betreffe auch die Frage, wie Wohnviertel aussehen: Lange Wege müssten vermieden werden, allen müssten Einkaufsmöglichkeiten oder Kitas in der Nähe zur Verfügung stehen.

Von der Autostadt zur Fahrradmetropole

Ebenso wichtig sei auch, dass Menschen ihre Wege mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen oder auch mal zu Fuß zu gehen, sagt Reiserer. Rein zeitlich sei das Fahrrad längst eine naheliegende Lösung. Untersuchungen zeigen ihren Angaben zufolge, dass im Umkreis von 7,5 Kilometern in Städten das Fahrrad am schnellsten sei.

Gleichzeitig sei das Fahrrad aber ein Verkehrsmittel, dessen Nutzerinnen und Nutzer gefährdet seien - jeder müsse das Risiko von Unfällen für sich abwägen, räumt Reiserer ein. Damit alle, auch Kinder, im Straßenverkehr sicher Fahrrad fahren können, hätten die Städte noch viel zu tun.

"Haben uns abhängig gemacht vom Auto"

Aber wollen die Hessen aufs Auto verzichten? Im Jahr 2019 lag die Zahl der neu zugelassenen Pkw im Land bei rund 390.000 - verglichen mit den Jahren zuvor ein Höchstwert. Im Corona-Jahr 2020 gab es einen Einbruch, rund 100.000 Autos weniger wurden zugelassen. Die wuchtigen und verbrauchsintensiven SUVs sind beliebt bei Käufern: Im ersten Halbjahr 2021 machten SUVs laut Kraftfahrtbundesamt rund 24 Prozent aller Neuzulassungen in Deutschland aus.

"Wir haben uns sehr abhängig gemacht vom Auto", sagt Volker Blees, Professor für Verkehrswesen an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden. Allerdings müsse man unterscheiden zwischen Stadt und Land: Die Zahl der privaten Autobesitzer sei in den vergangenen Jahren zwar um je etwa ein Prozent gestiegen. In Städten, wo es Alternativen gebe, sinke die Zahl allerdings.

Homeoffice als Klima-Helfer

"Im ersten Lockdown haben wir gesehen, wie angenehm unsere Straßen sein können", sagt Blees. Gerade erreiche das Verkehrsaufkommen allerdings wieder ein ähnliches Niveau wie vor Corona.

Homeoffice könne langfristig dem Klima helfen, sagt Blees. Jeder eingesparte Weg spare auch CO2, der Ausbau des Nahverkehrs sei teuer, aber nötig. "Das Geld werden wir angesichts der Herausforderungen in die Hand nehmen müssen", sagt der Verkehrsprofessor.

Manche Städte nahmen Autos Fahrspuren weg

Warum nicht gleich eine autofreie Stadt? Die reine Forderung helfe nicht weiter, allein wegen Müllabfuhr oder Rettungskräften, sagt Blees. Für bestimmte Bereiche sei das aber vorstellbar: "Autofreie Innenstädte konnte sich vor der Einführung von Fußgängerzonen auch keiner vorstellen, heute ist es eine Selbstverständlichkeit." Das sei ausbaufähig. Es gehe nicht darum, den motorisierten Verkehr vollständig zu verbannen, sagt Blees. Aber man werde den Autoverkehr reduzieren müssen - und könne so auch die Innenstädte attraktiver machen.

In Wiesbaden hat man Autos auf dem Stadtring Platz weggenommen, auf der Umweltspur dürfen nur noch Busse, Taxen und Fahrräder fahren. Blees sagt, dass gerade größere Städte wie Wiesbaden und Darmstadt oft schon weiter seien und auch mal etwas ausprobieren, etwa Pop-up-Bikelanes. Auch Wohnviertel würden dort verkehrstechnisch vorausschauender geplant - in kleineren Städten fehle es da oft auch an Kapazitäten, etwa beim Personal.

"Ich würde meine Oma hier nicht fahren lassen"

Auch in Kassel hat das Fahrrad an manchen Orten bereits Vorfahrt, etwa auf eigens gebauten breiteren Fahrradstraßen mit großen Rad-Symbolen auf dem Asphalt - zumindest theoretisch. Autos fahren nämlich trotzdem noch über die Straße, und das ohne bauliche Abgrenzung zu den Radlern, wie Klimaaktivist Fabian Berger kritisiert: "Ich würde meinen fünfjährigen Neffen oder meine Oma hier nicht fahren lassen", sagt er.

Wenn Berger eine Straße der Zukunft bauen würde, sähe die anders aus, sagt er: Neben der Straßenbahn gäbe es eine Spur für Lieferverkehr, Handwerker und Rettungskräfte und dann gleichberechtigt je eine Spur für Fahrräder und Fußgänger - jeweils voneinander abgegrenzt, damit alle sicher vorankommen.

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103 Kommentare

  • Kostenloses fahren im öffentlichen Netz für alle Rentner ab dem 65. Lebensjahr
    und das öffentliche Netz = egal ob Züge - Busse oder Straßenbahnen = sollte besser ausgebaut werden, damit auch die Außenbezirke gut erreichbar sind und das nicht nur zu den "Hauptverkehrszeiten".


  • Ein Punkt noch: Bringt den Verkehr unter die Erde. Vor allem den Lieferverkehr. Für das allermeisten dürften schon 1m Röhren mit autonomen Wagen auf Gleisen reichen. So könnten Geschäfte Dinge innerhalb von 10...15 Minuten zum Kunden schicken. Und in Verbindung mit Videotelefonielösungen hat man auch die persönliche Beratung, die Amazon und Co. fehlt.

    Alleine damit könnte man den Verkehr deutlich reduzieren - und der Umsatz bliebe dennoch in der Stadt.

  • Ich verzichte seit drei Jahren auf das Auto, obwohl ich in einer Kleinstadt in Hessen wohne. Und inzwischen überlege ich ernsthaft, wieder ein Auto zu kaufen, da ich inzwischen nicht mehr glaube, dass sich der Öffentliche Nahverkehr bessert. Im Ort komme ich zurecht, trotz Autos und Radfahrer, die mir den Platz auf dem Gehweg streitig machen. Zur Arbeit muss ich nicht pendeln. Alltägliche Einkäufe kann ich zu Fuß erledigen. Aber abends und am Wochenende ist man im Dauerlockdown, weil man praktisch nicht wegkommt! Das heißt, ich kann z. B. weder zu Veranstaltungen, Kurse, Freunde besuchen...Das schränkt mich mächtig ein.

    Karna

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