Parkplatz für gestrandete Flugzeuge: Am Frankfurter Flughafen ist die Nordwestlandebahn gesperrt worden. Die Lufhansa stellt dort jetzt ihre Maschinen ab. Die Fluggesellschaft hatte ihr Flugprogramm wegen der Corona-Krise zusammengestrichen. Bis 19. April bleiben rund 700 von 763 Flugzeuge des Konzerns vorläufig am Boden.

Eine Frankfurter Luftfahrtexpertin erwartet, dass die Branche nach der Corona-Krise zu alter Stärke zurückfindet. Warum das gut für Kunden und schlecht für die Umwelt und so manche Fluggesellschaft sein dürfte, erklärt sie im Interview.

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zum Video Kurzarbeit bei Lufthansa

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Lufthansa hat Kurzarbeit für 87.000 Beschäftigte angemeldet - das sind rund zwei Drittel der Belegschaft. Aufgrund der Corona-Pandemie führt die größte europäische Fluggesellschaft derzeit nur rund fünf Prozent ihrer geplanten Flüge durch. Vorige Woche schickte der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport einen Großteil seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit. Weltweit ist der Luftverkehr zum Erliegen gekommen.

Welche dauerhaften Veränderungen die aktuelle Krise für die Luftfahrtbranche haben könnte, erklärt Yvonne Ziegler, Professorin für Luftverkehrsmanagement an der Frankfurt University of Applied Sciences im Interview mit hessenschau.de.

hessenschau.de: Frau Ziegler, wird es nach der Corona-Krise langfristig genau so viele Flüge geben wie vorher?

Yvonne Ziegler: Ich denke, eine gewisse Delle wird sicherlich entstehen, weil viele Firmen merken, dass sie mit Videokonferenzen viel Geld sparen können. Bestimmte Dienstreisen werden auf den Prüfstand gestellt. Und das wird vielleicht einen nachhaltig negativen Effekt auf Geschäftsreisen haben.

Bei den Privatreisen kann es durchaus auch sein, dass gerade Ältere sagen: Mir ist das ein bisschen zu unsicher, ich bleibe lieber in Deutschland oder Österreich, da weiß ich, dass ich gut versorgt bin. So könnte sich die zahlungskräftige und reiselustige Zielgruppe der Best Agers etwas auf die heimischen Lande zurückziehen. Deshalb wird Deutschland als Reisedestination vielleicht mehr entdeckt werden.

Es gibt mit Sicherheit aber auch den gegenteiligen Effekt, dass Leute sagen: Jetzt waren wir so lange auf uns selbst zurückgeworfen, jetzt möchte ich gerne was sehen, woanders sein und das nachholen. Daher könnte es einen Aufschwung im Tourismus geben.

Prof. Dr. Yvonne Ziegler

hessenschau.de: Wie wirkt sich die Angst vor Ansteckungen auf das Reisen aus?

Ziegler: In der Vergangenheit hat Sicherheit beim Fliegen eine große Rolle gespielt. In der Zukunft wird das Thema Gesundheit dazukommen. Man wird sich wahrscheinlich genau anschauen, wohin man fliegt und ob es vor Ort entsprechende Gesundheitseinrichtungen gibt, damit man sich sicher fühlt.

Viele Bereiche haben einen starken Image-Verlust erfahren: zum Beispiel Kreuzfahrten, die im Prinzip zu schwimmenden Gefängnissen geworden sind. Dort muss man daran arbeiten, dass wieder ein gewisses Vertrauen gefasst wird, sich so einem Kreuzfahrtschiff anzuvertrauen oder in bestimmte Länder zu reisen. Ich glaube, nach Italien oder Spanien, wo die Gesundheitssysteme so überlastet sind, würde im Moment auch keiner gerne reisen.

Das sind mit Sicherheit Aspekte, die nachwirken werden. Im schlechtesten Fall dauert es ein paar Jahre, bis das ganze Thema wirklich durch ist. So lange werden sicherlich ein Unsicherheitsfaktor mitschwingen und der Gesundheitsaspekt auch in der Reisebranche eine Rolle spielen.

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hessenschau kompakt von  16:45 vom 30.03.2020
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hessenschau.de: Wird es in der Luftfahrt überhaupt wieder einen Normalbetrieb geben?

Ziegler: Das glaube ich schon - ich hoffe es zumindest. Wir können uns ja auch nicht ewig einsperren. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat zwar gesagt, dass es die Lufthansa in der heutigen Größe vielleicht nicht mehr geben wird - das kann natürlich sein. Andererseits birgt jede Krise auch eine Chance. Die Lufthansa hat zum Beispiel den A380 vorerst stillgelegt. Es war sowieso schwierig, dieses Flugzeug profitabel zu fliegen. Deshalb ist man jetzt vielleicht ganz froh, dass man es mit gutem Grund grounden kann.

Der Lufthansa-Vorstand ist auch dabei, den Konzern umzubauen, die Bereiche zu stärken, die kostengünstig sind. Jetzt kann man jeden Stein noch mal umdrehen und sich überlegen: Braucht man den noch? Man kann sich vermutlich auch einfacher von teureren, älteren Mitarbeitern trennen als ohne so eine Krise.

hessenschau.de: Gibt es in dieser Krise auch Gewinner?

Ziegler: Die Gewinner sind sicherlich diejenigen, die möglichst schnell reagieren und schnell die Kosten reduzieren. Dazu könnten vor allem die Airlines gehören, die eine eigene Flotte haben. Die haben keine Kosten durch Leasingverträge, die weiterlaufen. Die Lufthansa hat zum Beispiel einen hohen Anteil an eigenen Flugzeugen. Wobei man auch sagen muss, dass ihre schiere Größe ein Nachteil ist, weil man ganz andere Dimensionen managen muss als eine kleinere Airline.

Natürlich haben auch diejenigen einen Vorteil, die gut gewirtschaftet haben und Cash-Polster haben, die sie für Teile der Krise puffern. Jemandem, der sowieso immer von der Hand in den Mund gelebt hat, wird diese Krise das Genick brechen.

hessenschau.de: Könnte die Krise dazu führen, dass bestimmte Flugverbindungen nicht mehr angeboten werden?

Ziegler: In der Vergangenheit war es so, dass man immer betrachtet hat, welche Verbindungen profitabel waren. Dann hat man überlegt, ob man die Verbindung weiter bedient oder nicht. Wobei man sich bei einem großen Konzern wie der Lufthansa auch die eine oder andere strategische Verbindung leisten kann, die nicht so profitabel ist. Nach der Krise kommt es darauf an, wohin man überhaupt fliegen darf. Dafür müssen zuerst die Grenzen geöffnet und die Einreisebeschränkungen aufgehoben werden. Dann muss man schauen, wie das Vertrauen der Konsumenten wieder nach oben geht.

hessenschau.de: Werden Airlines es sich noch leisten, neue und emissionsärmere Flugzeuge zu beschaffen?

Ziegler: Die Frage ist, ob das dann der erste Gedanke ist. Man wird zuerst versuchen, den Betrieb zu normalisieren. Das wird vermutlich nicht von heute auf morgen gehen, sondern eher ein langsamer Prozess sein. Daher wird der Klimaschutz nicht das nächstliegende sein, was die Airlines beschäftigen wird. Die werden erst mal versuchen, ihren normalen Betrieb wieder in Schwung zu kriegen.

hessenschau.de: Zum Beispiel mit günstigeren Preisen für Flüge?

Ziegler: Wenn die Krise vorbei sein sollte und der Betrieb hochgefahren wird, werden sicherlich die Preise erst einmal attraktiv sein, weil man wieder auf eine normale Auslastung kommen möchte. Airlines möchten dann einen Anreiz setzen für die Passagiere. Angenommen, das läuft gut und die Flugzeuge sind wieder voll, werden die Preise steigen. Das ist das Gesetz von Angebot und Nachfrage.

hessenschau.de: Halten Sie staatliche Finanzhilfen für Airlines für sinnvoll?

Ziegler: Ja, der Staat leistet ja auch bei kleineren Firmen Hilfestellung. Gerade im touristischen Bereich und im Luftverkehr sind viele Firmen betroffen. Die Lufthansa hat noch etwas Polster und Luft. Ich denke aber, bei Airlines wie Condor wird es eher kritisch, weil sie sicher nicht so lange durchhalten können. Ich finde es legitim, für eine befristete Krisenzeit Unterstützung zu gewähren.

Wichtig ist, dass man in Europa eine einheitliche Regelung trifft. Wie die EU den Rahmen schafft, dass bestimmte Staaten ihre Airlines stützen und wer diese Hilfe in Anspruch nehmen darf, das ist im Moment noch komplett ungelöst. Das ist relevant für die Frage: Wer wird diese Krise überleben und wer nicht?

Das Interview führte Marcel Sommer.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 01.04.2020, 13 Uhr