Landwirt Marcel Emrich mit Huhn auf dem Arm

Lange Tiertransporte können vermieden werden: In Hessen gibt es die erste mobile Schlachtanlage für Geflügel. Sie kommt auf den Hof gefahren und schont die Tiere. Das erfreut Landwirte und Tierschützer.

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Wenn der Ortenberger Landwirt Marcel Emrich seine Hühner bisher zum Schlachten brachte, dann musste er immer weite Wege zurücklegen. Die nächste Schlachtstätte liegt 70 Kilometer entfernt. "Die Tiere mussten in Transportkäfige verpackt werden und dann konnte es sein, dass sie noch zwei bis vier Stunden darin stehen mussten, bis es dann wirklich zur Schlachtung kam."

Huhn wird direkt an Schlachtanlage abgegeben

Emrich wollte seinen Tieren diese Qual künftig ersparen und bemühte sich in vielen Gesprächen mit dem Veterinäramt und dem Landwirtschaftsministerium um eine andere Lösung. Und die steht nun Dank der Mitfinanzierung durch das Land und einer Stiftung bei Emrich auf dem Hof, 55.000 Euro hat sie gekostet: Hessens erste mobile Schlachtanlage.

In einem Anhänger, der von einem Auto gezogen werden kann, ist alles untergebracht, das man zum professionellen Schlachten braucht - von einem Gerät zur Betäubung bis zu einer Rupfmaschine. "Der Landwirt gibt das Huhn vorne lebend ab und bekommt es auf der anderen Seite nackt und von den Innereien befreit wieder", erklärt Veronika Ibrahim vom Veterinäramt des Wetteraukreises. Bis zu 70 Hühner kann Landwirt Emrich in einem Team von fünf Personen pro Stunde schlachten.

Pannen bei der Betäubung vermeiden

Das Veterinäramt hat die Entwicklung der Anlage von tierärztlicher Seite mitbetreut. "Der Schlachter drückt den Kopf in eine V-Elektrode, der Strom fließt, 240 Milli-Ampere für ein Huhn, und wenn das Tier dann völlig starr und betäubt ist, werden mit einem scharfen  Schnitt die beiden Halsschlagadern durchtrennt", erklärt Tierärztin Veronika Ibrahim. Pannen wie in einer Elektro-Wasserbadanlage könnten hier nicht passieren. In solch üblichen Anlagen blieben Tiere auch mal unbetäubt. "Und dann geschieht es, dass bei ihnen der Schnitt bei vollem Bewusstsein durchgeführt wird oder sie unbetäubt in die Brühmaschine kommen."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Geflügelschlachtung ohne Transportwege

Marcel Emrich, Veronika Ibrahim
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Tierschutzbeauftragte lobt mobile Schlachtung

Der Bundesverband Mobile Geflügelhaltung begrüßt das Schlachtmobil. "Das entspricht genau unserem Konzept", sagt der Vorsitzende Dennis Hartmann. Bundesweit gebe es inzwischen mehr als 2.000 Mitgliedsbetriebe, die etwa zweieinhalb Millionen Tiere halten. "Mit steigender Tendenz", sagt Hartmann. Im nächsten Jahr würde die Drei-Millionen-Marke geknackt. Insgesamt, inklusive der großen Geflügelfabriken, werden in Deutschland rund 80 Millionen Tiere gehalten. Für diese Großbetriebe ist eine mobile Schlachtanlage aber nicht relevant.

Sehr erfreut über die Mobile Schlachtanlage ist auch Hessens Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin. Sie hofft, dass das hessische Beispiel Schule macht und bald noch mehr mobile Hühnerschlachtanlagen direkt zu den Ställen kommen. Das Projekt könne auch ein Anstoß etwa für andere Nutztiere sein. "Man muss durchaus überlegen, ob sich ein nächstes Projekt mit Schweinen beschäftigt." Es gebe mittlerweile sehr viele junge Bauern mit einer sehr guten Schweinehaltung. Gute Schlachtbedingungen könnten ein weiterer Schritt sein.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 25.08.2020, 19.30 Uhr