Einige Jahrzehnte hat die Gemeinde Ebsdorfergrund auf eine Ortsumgehung gewartet - und schließlich dem Land Hessen einen Millionenbetrag dafür vorgestreckt. Zur Eröffnung herrscht buchstäblich Volksfeststimmung.

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Umgehungsstraße mit Brücke

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bürgermeister: "Der wichtigste Tag im Jahr"

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Für die meisten Autofahrer sind diese 1,6 Kilometer Asphalt vermutlich eine ganz normale Straße im Kreis Marburg-Biedenkopf: erst ein kahler Kreisel, dann einspurig in jede Richtung, flankiert von bepflanzten Schallschutzhügeln. Für Bürgermeister Andreas Schulz (SPD) und die Menschen in Ebsdorfergrund bedeuten diese 1,6 Kilometer Asphalt viel mehr. "Heute ist für uns der wichtigste Tag des Jahres", sagte Schulz, als er über die noch unberührte Fahrbahn der neuen Ortsumgehung schritt: "Endlich haben Lärm, Gestank und Gefahren ein Ende – und die Menschen in Heskem können endlich so leben, wie sie sich das schon seit 40 Jahren wünschen."

Kein Lärm und Gestank mehr – Grund für ein Volksfest zur Eröffnung am Freitagnachmittag im Ortsteil Heskem. Dazu wollte die Gemeinde auf der Fahrbahn einen roten Teppich ausrollen. Das obligatorische Band sollten alle Bürger gemeinsam mit Scheren durchschneiden. Essen und Trinken stellte die Gemeinde, es gab Freibier. Man habe so lange gewartet, jetzt wolle man feiern, sagte der Bürgermeister.

Leerstand wegen Verkehrsaufkommen

Die Gemeinde Ebsdorfergrund liegt mitten in der Verkehrsachse zwischen Marburg und dem Vogelsberg. Durch die teilweise einspurig verengte Altstadt rattert seit Jahrzehnten der Verkehr, tags wie nachts. "Der Verkehr ist in den letzten Jahren vierzig Jahren  immer schlimmer geworden", sagte Ortsvorsteher Heinz-Martin Lieser.

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Bild © Rebekka Dieckmann

Inzwischen gebe es in Heskem deshalb sogar Leerstand. Anwohnerin Rabea Bender wohnt unmittelbar neben der vielbefahrenen Heskemer Straße. Früher habe sie ihr Schlafzimmer nach vorne raus gehabt, zur Straße. "Aber ab fünf Uhr morgens geht der Lärm los von den Lastwagen. Manchmal bin ich von Schweinwerfen geweckt worden." Eine ihrer Katzen sei schon kurz nach dem Einzug überfahren worden.

Kleine Gemeinde streckt dem Land 6,5 Millionen Euro vor

Ungewöhnlich ist nicht nur das Volksfest zur Eröffnung, sondern auch die Entstehungsgeschichte. Bürgermeister Schulz hat eine mehrseitige Chronik zusammengestellt. "Zuständig für die Umgehungsstraße ist das Land Hessen. Das Land hatte aber kein Geld, um die Umgehungsstraße zu bauen." Nach mehr als 40 Jahren Wartezeit habe die Gemeinde dem Land schließlich angeboten, die Vorfinanzierung zu übernehmen.

Konkret heißt das: Die Kommune hat 6,5 Millionen Euro aus eigenen Mitteln vorgestreckt, damit die Straße schneller fertig wird. Das Land Hessen zahlt die Kosten nach Fertigstellung in Raten zurück. Angesichts eines Haushalts von rund 15 Millionen Euro war das für die 9.000-Seelen-Gemeinde ein echtes Mammutprojekt. Das Geld hatte die Gemeinde auf der hohen Kante, sagt Schulz – obwohl sie früher mal hochverschuldet war.

"Wir haben keine Steuern erhöht, sondern in den letzten Jahrzehnten viele kleine richtige Finanzentscheidungen getroffen und wollten jetzt das Geld in etwas Nachhaltiges investieren", so der Bürgermeister. "Zumal wir das Geld ja zurückbekommen und momentan ohnehin keine Zinsen dafür bekommen hätten."

Vorfinanzierungsmodell nicht überall erfolgreich

Die Ortsumgehung Ebsdorfergrund ist die erste, die durch ein 2013 aufgelegtes Vorfinanzierungsmodell der Landesregierung fertig wird. Um schneller zu langersehnten Ortsumgehungen zu kommen, konnten im Rahme des "Kommunalen Interessenmodells" ausgesuchte Gemeinden die Baukosten selbst vorstrecken. Zwölf Projekte waren damals im Gespräch, zum Beispiel Friedberg-Fauerbach (Wetterau), Trebur-Geinsheim (Groß-Gerau) oder Felsberg (Schwalm-Eder).

Während die finanziell gut aufgestellte Gemeinde Ebsdorfergrund schnell an Bord war und die Realisierung vorantrieb, war das Vorfinanzierungsmodell mancherorts umstritten. Fünf Gemeinden sind inzwischen wieder ausgestiegen, zum Beispiel die Stadt Friedberg. Da fand man das Angebot "unseriös", wie das Amt für Stadtentwicklung in Friedberg erklärt. "Es war für uns auch finanziell schlichtweg nicht zu machen." Die geplante Ortsumgehung Fauerbach sei dort inzwischen ganz vom Tisch, das Land habe die Planung eingestellt.

Neues Gewerbegebiet entsteht

 "Für uns hat sich die Kosten-Nutzen-Rechnung gelohnt", findet Bürgermeister Schulz. Er zeigt auf den kahlen Kreisel am Anfang der Umgehungsstraße. Der Kreisel hat fünf Arme – benötigt werden momentan aber nur vier davon.

Schulz erklärt den fünften: Da soll demnächst ein neues Gewerbegebiet entstehen. Mit Supermarkt, Bäckerei, Autohof und acht Hektar Platz für Gewerbeansiedlungen. Schulz hat das Gebiet gemeinsam mit der Stadt Marburg entwickelt. "Unsere Gemeinde bekommt dadurch das erste Mal ein richtiges Zentrum. Wir können hier eine ganz neue Infrastruktur aufbauen." Für Schulz ist die Umgehungsstraße der Anfang eines neuen Weges.