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Kaputte Heizungen, nasse Wände und giftiger Schimmel: Eine Wohnanlage in Dieburg ist in einem desolaten Zustand. Die Bewohner erheben schwere Vorwürfe gegen den Vermieter.

Am Nordring in Dieburg: Eine Wohnanlage mit etwa 100 Mietern. Drei Häuser, in der Mitte ein Parkplatz, darunter eine Tiefgarage. An den Häusern kaputte Klingeln, Löcher in den Fassaden und Schimmelbefall.  

"Keine Luft mehr bekommen“

Angela Cashmore lebt mit ihren Töchtern in einer Erdgeschosswohnung. Seit September können die beiden nicht mehr in ihren Kinderzimmern schlafen, weil die Wände durchfeuchtet sind. In den Räumen riecht es nach Nässe. Die 16-jährige Tochter leidet an Asthma. "Sie hat eines Abends keine Luft mehr bekommen und nur noch geweint", erzählt Angela Cashmore. Inzwischen ist die Nässe auch ins benachbarte Zimmer ihrer jüngeren Tochter gedrungen.

Mehrfach hat Angela Cahsmore erfolglos versucht, mit dem Vermieter - Adler Wohnen und Service - Kontakt aufzunehmen. "Man erreicht bei Adler immer nur eine Hotline, und die sagen, sie geben es weiter", erzählt sie. Oft geschehe aber nichts oder es dauere sehr lange, bis überhaupt jemand komme - nur um zu behaupten, nicht zuständig zu sein.

Miete gekürzt, aber nichts passiert

Auf Anraten ihrer Rechtsanwältin hat sie die Miete reduziert. Dennoch wäre es ihr lieber, wenn der Vermieter schnell handeln würde. Angela Cashmore ist nicht allein mit dem Problem: In der Nachbarwohnung lebt eine Familie aus Somalia mit ihren kleinen Kindern. Auch in deren Wohnung ist an vielen Stellen deutlicher Schimmelbefall zu erkennen.

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Adler Wohnen und Service präsentiert sich auf seiner Webseite mit Slogans wie "Zuhause glücklich fühlen" und harmonischen Fotos, die Wärme und Gemütlichkeit transportieren. Adler Wohnen und Service gehört zu Adler Real Estate.

Über eine Kommunikationsagentur nimmt das börsennotierte Unternehmen auf hr-Anfrage zu dem Fall Stellung. Es handele sich bei den Gebäuden um eine ehemalige Flüchtlingsunterkunft, die "wegen sinkenden Bedarfs" 2017/2018 von Adler zurückgenommen wurde.

Ehemalige Flüchtlingsunterkunft

"Leider wiesen durchweg alle Wohnungen bei der Rückgabe erhebliche Mängel auf", schreibt die Agentur. "Konkret waren Türen und Duschkabinen eingetreten oder eingeschlagen, Sanitärgegenstände waren entweder erheblich beschädigt oder stark verkalkt oder anderweitig verschmutzt."

Gemeinsam mit dem Landkreis habe Adler Wohnen und Service die Wohnungen vollständig renoviert und wieder in einen vermietbaren Zustand gebracht. Auch der Vorwurf mangelnder Erreichbarkeit sei nicht nachvollziehbar.

Wasserschaden und giftiger Schimmel

Die feuchten Wände führt das Unternehmen auf einen Wasserschaden zurück, "der durch eine verstopfte Abwasserleitung verursacht wurde. Da das Haus keinen Keller hat, drückte sich das Wasser teilweise durch den Boden in die Wohnungswände. Dadurch kann Schimmel entstehen."

Weiter schreibt die Agentur: "Die Verstopfung der Abwasserleitung wurde zwischenzeitlich beseitigt, so dass das Abwasser nun wieder korrekt abgeleitet wird. Allerdings sind nun Trocknungsarbeiten erforderlich. Diese könnte Adler kurzfristig durchführen."  

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Analysen des vom hr beauftragten Schimmelexperten Christoph Drexler aus Groß-Umstadt weisen zumindest in einer der Wohnungen den gesundheitsgefährlichen Schimmeltyp Stachybotrys nach. "Bei sehr großem Befall ist es auch schon zu Todesfällen gekommen", sagt er.

In solchen Fällen bestehe dringender Sanierungsbedarf. Trocknungsmaßnahmen allein wären nach Einschätzung des Experten sogar gefährlich, weil sie den Schimmel noch aufwirbeln könnten.

Ausweg städtische Notunterkunft?

"Wenn ich die Fotos sehe, dann würde ich sagen, das ist eine Wohnung, in der sich Menschen zumindest vorübergehend nicht aufhalten sollen", sagt Dieburgs Bürgermeister Frank Haus (parteilos). Das Ordnungsamt habe mehrfach Adler Real Estate aufgefordert, die Mängel zu beseitigen. Doch trotz schriftlicher Erinnerungen sei bislang nichts passiert.

Haus bietet den Bewohnern an, vorübergehend in eine städtische Notunterkunft zu ziehen. Aber was kommt danach? Bezahlbarer Wohnraum ist auch in Dieburg knapp. Angela Cashmore hat Angst, dass sie raus muss. Aber in der Wohnung bleiben kann sie angesichts ihrer Lage auch nicht mehr.

 Sendung: hr-fernsehen, defacto, 25.11.2019, 20.15 Uhr