Ein Junge blickt in ein Optik-Diagnosegerät.

Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit am Handy und wenig an der frischen Luft. Die Folge: Immer mehr von ihnen sind kurzsichtig. Eine Wetzlarer Firma hat nun ein Gerät entwickelt, mit dem Ärzte das noch früher feststellen können - um rechtzeitig gegenzusteuern.

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"So Finn, du darfst dich auf den Stuhl setzen, jetzt fahr ich dich mal ran, und jetzt schaust du bitte immer auf den Ballon, ja?", sagt David Kern. Finns Kinn und Stirn ruhen auf einem Gestell, ein kanisterförmiger Apparat fährt auf sein Gesicht zu, die Augen verschwinden hinter Plastik. Der Fünfjährige blickt in zwei Löcher und sieht das Bild eines Heißluftballons. David Kern von der Firma Oculus dagegen sieht Finns Auge auf einem Monitor vor sich.

Was wirkt wie ein normaler Besuch beim Optiker, ist tatsächlich ein Blick in die Zukunft von Finns Sehstärke - ein Blick in die Zukunft sozusagen. Denn das Gerät, das hier bei der Firma Oculus im Wetzlarer Stadtteil Dutenhofen Finns Augen vermisst, soll erkennen, ob der Fünfjährige eines Tages kurzsichtig sein wird, wie so viele in seiner Generation.

Jeder zweite Jugendliche ist kurzsichtig

Rund 50 Prozent der Jugendlichen in Europa sind derzeit schon kurzsichtig, Tendenz rasant steigend. In vielen Ländern Asiens und vor allem in Großstädten wie Hongkong, Shanghai oder Seoul ist die Situation noch dramatischer. Dort sind über 95 Prozent der Bevölkerung betroffen. Das liegt nach Ansicht von Augenärzten hauptsächlich daran, dass die Menschen zu wenig Zeit im Freien verbringen, wo das Licht sehr viel heller ist. Außerdem sind auch Kinder und Jugendliche schon viel mit Handys und Tablets beschäftigt, die Augen fokussieren zunehmend Objekte in der Nähe. Dadurch wächst der Augapfel. Ein zu langer Augapfel führt aber zu Kurzsichtigkeit.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Optik-Firma aus Wetzlar will Kurzsichtigkeit früh erkennen

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Das Besondere des neuen Oculus-Geräts: Es misst die Länge von Hornhaut zu Netzhaut - ist das Auge zu lang, ist der Mensch kurzsichtig. Neben der Augenlänge misst es auch Hornhautverkrümmungen und Sehkraft, was sonst drei Geräte machen müssten.

Dazu werden weitere Daten abgefragt: Sehkraft der Eltern, wie viel Zeit Finn draußen verbringt und wie viel Zeit mit Lesen. "Wir haben außerdem die Daten von 25.000 Augen hinterlegt", sagt Kern. All diese Daten fließen zusammen, "und dann können wir sagen, wohin die Reise geht", sagt Kern. "Eine Schätzung, klar, nichts Definitives. "Aber wir bekommen eine Idee."

Daten von 25.000 Augen

Seit 125 Jahren entwickelt die Firma Oculus Geräte für Augenärzte und Optiker. 400 Mitarbeiter beschäftigt die Firma heute, in der selbsternannten "Optikstadt" Wetzlar ist sie eine feste Größe und auch dieser Tage auf der Wetzlarer Optik-Hightech-Messe W3+ vertreten. Der neue "Myopia Master" ist das neueste Produkt, ab April wird er ausgeliefert. Schon jetzt liegen über tausend Bestellungen vor, sagt Geschäftsführer Rainer Kirchhübel.

Oculus-Gebäude mit aufgemalter Sehtesttafel.

Kurzsichtigkeit kann gefährlich sein

Wenn die Ärzte feststellen, dass das Auge wächst, können sie reagieren - etwa mit Empfehlungen an die Eltern. "Aber ich kann auch härter eingreifen", sagt Kern, zum Beispiel mit speziellen Kontaktlinsen, Brillengläsern oder Medikamenten, die helfen können, die Kurzsichtigkeit zu korrigieren. Eine unbehandelte Kurzsichtigkeit kann auch zu ernsten Augenkrankheiten führen, darunter Grünem und Grauen Star und Netzhautablösungen. Die Folgen können schwere Sehbehinderungen bis zur Erblindung sein.

Bei Finn sieht jedenfalls im Moment "alles super aus", sagt Kern - und das, obwohl beide Eltern kurzsichtig sind. "Aber es kann sein, dass mit dem Schulbeginn die Augenlänge anfängt, stark zu wachsen." Dann, wenn er mehr mit Smartphone oder Tablet zu tun haben wird und weniger im Freien unterwegs sein sollte.

Sendung: hr4, die hessenschau in Mittelhessen, 27.02.2020, 15.30 Uhr