Herbstlaub liegt auf verwaisten Tischen der Außengastronomie

Wirten in Hessen steht eine wegweisende Aufgabe bevor: Trotz Virus-Pandemie den Betrieb in der kalten Jahreszeit am Leben halten. Der Branchenverband blickt sorgenvoll in die Zukunft und arbeitet an passenden Konzepten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bad Nauheim schafft Pavillons mit Heizstrahlern an

Pavillons von der Stadt Bad Nauheim für die Gastronomie
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Die Gastronomie steht vor einer neuen, saisonalen Herausforderung, die einer Herkulesaufgabe gleichkommt: Den kommenden Corona-Winter schadlos überstehen. Während sich im Sommer die Restaurant- und Bar-Besucher noch gut im Freien aufhalten konnten, wird sich das Geschehen in der kalten Jahreszeit wieder mehr nach drinnen verlagern. Was können Betreiber unternehmen, um Infektionsrisiken zu reduzieren? Und werden sich verunsicherte Gäste überhaupt noch in Lokale begeben - und somit potenziell in Gefahr?

Der Landesverband Hessen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) blickt sorgenvoll in die nähere Zukunft. Geschäftsführer Julius Wagner sagt: "Wir merken jetzt schon, dass die Besucherzahlen verglichen zum Sommer zurückgehen. Die werden im Winter sicherlich weiter rückläufig sein." Die Sperrstunde, steigende Infektionszahlen und die Diskussionen über Beherbergungsverbote sorgten für viel Irritationen und Unsicherheit.

Umsatzrückgänge bereits bemerkbar

Das Resultat: Umsatzrückgänge. Allein am vergangenen Wochenende bis zu 30 Prozent im Vergleich zum Wochenende davor, wie Wagner sagt. "Wir gehen im Winter von einem wellenartigen Verlauf aus." Mitentscheidend sei die Entwicklung der Corona-Zahlen.

"Ich hoffe, dass wir ein gesundes Maß schaffen", so der Dehoga-Geschäftsführer: Auf der einen Seite, das Virus so gut wie möglich an der weiteren Verbreitung zu hindern. Und auf der anderen Seite "Wege finden, wie man mit dem Virus lebt, sodass wir halbwegs über den Winter kommen". Wagner sagt zur Zielsetzung: "Man kann das Risiko nicht auf null reduzieren, aber man kann es reduzieren."

Verwaiste Tische und Stühle der Außengastronomie

Grundsätzlich sei die Gastronomie in Hessen auf den Winter durch einen Mix an Maßnahmen vorbereitet, versichert Wagner. Man benötige aber auch von den Kommunen großzügige Genehmigungen zur Erweiterung der Außenbereiche und für das Aufstellen von Heizmöglichkeiten wie auch Windschutzbauten. "Das ist ganz entscheidend, vor allem mit Blick auf die Gäste, die in der kühleren Jahreszeit Innenräume meiden." In den Innenräumen wiederum rüsten sich die Betriebe zusätzlich mit Luftreinigungssystemen.

Belüftung von Lokalen im Blickpunkt

Anlagen, die mit der Zufuhr von frischer Luft von draußen arbeiten, erscheinen da besser als Umluftanlagen, die die vorhandene Luft einfach nur umwälzen und verteilen - und damit auch Aerosole (kleinste Flüssigkeitspartikel in der Luft) von womöglich mit Corona infizierten Gästen verbreiten. So könnte es sich für Gäste, die es ganz genau wissen und Infektionsrisiken einschätzen wollen, künftig lohnen, nach der Belüftung der Lokalität fragen.

Doch gute Anlagen und Systeme kosten natürlich Geld. Der Bund steckt deshalb bis zu 500 Millionen Euro bis zum Jahr 2024 in die Verbesserung von Belüftungssystemen. Der Haken an der Sache: Unterstützt werden nur Modernisierungen bestehender Anlagen in öffentlichen Gebäuden. Anträge können Länder und Kommunen stellen, etwa für Theater und Museen, Uni-Hörsäle oder Schul-Aulen. Übernommen werden 40 Prozent der Kosten und bis zu 100.000 Euro pro Anlage, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte.

Die Gastronomie guckt aber (erstmal) in die Röhre. Der Dehoga Hessen hofft daher auf zusätzliche Unterstützung durch die Landesregierung. "Die Zeit drängt allerdings", gibt Dehoga-Hessen-Geschäftsführer Wagner zu bedenken. Das Wirtschaftsministerium in Wiesbaden teilte dazu auf Anfrage mit: Der Minister habe Ende September Hilfen für besonders betroffene Branchen angekündigt. "Speziell für die Gastronomie soll es ein Programm zur Unterstützung von betrieblich notwendigen Anschaffungen geben. Die Details sind aber noch in der Abstimmung", sagte ein Sprecher.

Balanceakt in Innenräumen

Gastronomen, die über keine technischen Anlagen verfügen, müssen auf natürlichem Weg für Belüftung sorgen, wie die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe empfiehlt. Das heißt: Lüften mit geöffneten Fenstern oder Türen. Viele Betreiber werden zudem versuchen, so lange es geht, Gästen draußen Plätze anzubieten. Helfen für die Behaglichkeit sollen nicht nur Überdachungen, Schirme und Zelte, sondern auch Heizstrahler oder Heizpilze.

Ein in der Außengastronomie verwendeter, gasbetriebener Heizpilz

Der Bund will sogar die in einigen Städten und Gemeinden verbotenen gasbetriebenen Wärmequellen fördern. Überbrückungshilfen sollen bis zum 30. Juni 2021 verlängert werden. Bei der hitzigen Diskussion um die Existenzberechtigung von Heizpilzen warfen letztlich auch die Grünen ihre Bedenken über Bord.

In Frankfurt und Darmstadt wurden bereits Sonderregelungen für die winterliche Außengastronomie beschlossen. Auch in Fulda hat sich der Magistrat für eine Satzungsänderung ausgesprochen, dass Wirte draußen bestuhlen dürfen. Das muss aber in der Stadtverordnetenversammlung noch offiziell beschlossen werden. Die Stadt hofft damit einen Beitrag leisten zu können, damit Wirte ihre zu erwartenden Einnahmenverluste im drohenden harten Corona-Winter begrenzen können.

Pavillons in Bad Nauheim

In Bad Nauheim (Wetterau) stehen jetzt schwarze Pavillons mit Heizstrahlern vor Lokalen, damit auch im Winter draußen gespeist und getrunken werden kann. Für die Wirte sind die Pavillons kostenlos, die Stadt leiht sie ihnen. 30 Stück wurden angeschafft, pro Stück für rund 2.000 Euro. Alle haben einen einheitlichen Look und sind mit Infrarotstrahlern versehen. Sie sollen energiesparender als Heizpilze sein.

Bürgermeister Klaus Kreß (parteilos) sagt zu der Anschaffung: Jeder Euro, der jetzt für die Gastronomie in die Hand genommen werde, sei gut investiertes Geld. Man wolle die Branche stärken, Leerstand vermeiden und die Qualität der Innenstadt zu erhalten.

Sendung: hr-iNFO, 22.10.2020, 7.10 Uhr