Der Wingcopter 198 im Einsatz über den USA

Mit dem Vorhaben, Gutes zu tun, haben zwei ehemalige Studenten im südhessischen Weiterstadt eine besondere Drohne entwickelt. Ein Millionen-Auftrag aus den USA bringt sie ihrem Traum nun ein Stück näher.

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Großauftrag für hessische Drohnen-Firma

hessenschau vom 25.01.2022
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Ganz hinten im letzten Winkel eines Industriegebiets in Weiterstadt (Darmstadt-Dieburg), direkt an der A5, steht eine dieser Industriehallen, wie es sie wohl in allen Gewerbegebieten gibt: funktional, farblos, unscheinbar. Doch im Inneren passiert auf 4.500 Quadratmetern regelmäßig fast Magisches. Bereits zum zweiten Mal erobert ein Unternehmen aus diesem trostlosen Betonklotz die Welt. Wo einst der Fahrradbauer Riese und Müller seine mittlerweile weltweit begehrten Edel-E-Bikes baute, produziert nun das Startup Wingcopter die nächste Erfolgsgeschichte.

Das neue Weiterstädter Wirtschaftswunder kommt diesmal nicht auf zwei Rädern daher, sondern erobert die Lüfte. Wingcopter 198 nennt sich die Transport-Drohne, die die beiden ehemaligen Darmstädter Studenten Tom Plümmer und Jonathan Hesselbarth entwickelt haben.

Wingcopters "großer Moment"

Seit 2017 gibt es das südhessische Unternehmen, vor wenigen Tagen hatte Wingcopter dann seinen "großen Moment", wie es Geschäftsführer Plümmer ausdrückt: Das US-Unternehmen Spright bestellte für rund 14 Millionen Euro Drohnen aus Weiterstadt. Mit der Flotte soll ein drohnengestütztes Netzwerk für medizinische Lieferungen im ländlichen Raum der USA aufgebaut werden.

Aber warum gerade mit dem Wingcopter? Das Geheimnis steckt bereits im Namen: "Die Drohnen, die wir bisher kennen, haben entweder keine Flügel oder keine Propeller zum Senkrechtstarten. Wir kombinieren beide Elemente", erklärt Entwickler Hesselbarth dem hr. Seine Drohne könne gleichzeitig senkrecht starten und habe zudem durch die Flügel eine lange Reichweite. Damit eigne sich der Wingcopter 198 - die Zahl steht für die Spannweite von 198 Zentimetern - besonders für schnelle Transporte im ländlichen Raum.

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Der Wingcopter 198 in Zahlen

Der Wingcopter 198 ist mit acht Propellern ausgestattet und wiegt bei einer Spannweite von 1,98 Metern gerade einmal knapp 25 Kilo. Laut Hersteller hat er eine Reichweite von bis zu 110 Kilometern bei einer Höchstgeschwindigkeit von 145 Kilometern pro Stunde. Seine maximale Flughöhe beträgt 5.000 Meter. Bis zu sechs Kilo Ladung kann der Wingcopter transportieren, mit voller Ladung soll er noch 75 Kilometer weit kommen. Gesteuert werden kann die Drohne über die Mobilfunk-Standards 3G, 4G oder 5G oder über das Satellitenkommunikationssystem Iridium.

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So könnten zum Beispiel Medikamente, Blutkonserven oder Impfstoffe schneller, nachhaltiger und besser planbar an ihr Ziel gelangen. Bei Projekten wie im ostafrikanischen Malawi oder im pazifischen Inselstaat Vanuatu konnte Wingcopter die Qualitäten der Drohne zuletzt bereits zum Einsatz bringen.

Der Traum von einer besseren Welt

Doch hinter dem Weiterstädter Startup steckt mehr als nur die Freude am Tüfteln und Entwickeln. "Wir wollen Gutes tun und die Welt zu einem besseren Ort machen", erklärt Plümmer die Vision, die ihn und Hesselbarth von Anfang an antreibt. Mit der großflächig angelegten Lieferung von Medikamenten an Menschen in den ländlichen USA sei Wingcopter diesem Traum nun ein Stück nähergekommen.

Tom Plümmer (re.), Jonathan Hesselbarth (Mitte) und Mitbegründer Ansgar Kadura

Die Erfolgsgeschichte des Weiterstädter Unternehmens begann im Jahr 2015, als sich die damaligen Studenten Hesselbarth und Plümmer kennenlernten. Hesselbarth, dem die Begeisterung fürs Fliegen und für Flüggeräte quasi in die Wiege gelegt wurde – seine Mutter war Fluglehrerin und sein Vater Professor für Leichtbau – arbeitete zu diesem Zeitpunkt gerade am ersten Entwurf für den späteren Wingcopter.

Plümmer engagierte sich zu dieser Zeit für eine Nichtregierungsorganisation unter anderem in Ghana und anderen westafrikanischen Ländern und machte dort die Erfahrung, welche dramatischen Auswirkungen es hat, wenn Lieferketten in strukturschwachen Gebieten nicht richtig funktionieren. "Wenn Medikamente nicht in den Dörfern ankommen, dann leiden die Menschen", erzählt Plümmer.

Im Rahmen seines Film-Studiums in Dieburg hatte er bereits Erfahrungen mit Drohnen gemacht und stellte sich irgendwann die Frage: "Kann man diese Technologie denn nicht auch für etwas Gutes einsetzen?" Plümmers Vision und Hesselbarths Ingenieurskunst waren die Basis für die Gründung von Wingcopter im Jahr 2017.

"Lieferung auf den letzten Metern verbessern"

"Unser Ziel war von Anfang an, die Lieferung auf den letzten Metern deutlich zu verbessern, also dort, wo die Medikamente auch tatsächlich gebraucht werden", sagt Plümmer rückblickend. In den USA kann Wingcopter die Vision nun in die Tat umsetzen. Mit Hilfe der Hessen-Drohne will das US-Unternehmen Spright nach eigenen Angaben "den Zugang zur Gesundheitsversorgung in ländlichen und unterversorgten Gemeinden verbessern".

Dazu kann das Tochterunternehmen von Air Methods, eines großen Anbieters von medizinischen Flugdiensten, auf mehr als 300 Standorte zurückgreifen, die hunderte Krankenhäuser in 48 Bundesstaaten versorgen.

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Der Wingcopter 198 im Einsatz

Wingcopter 198 im Einsatz
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Über Hessen oder anderen deutschen Bundesländern wird man den Wingcopter in nächster Zeit wohl eher nicht zu Gesicht bekommen. Da der ländliche Raum in Deutschland wesentlich kleiner und die Strecken deutlich kürzer sind als in den USA, sei der Nutzen der Drohnen laut Plümmer auch geringer. Es sei aber denkbar, dass in ein paar Jahren etwa ältere oder kranke Menschen, die nicht einkaufen oder zur Apotheke gehen können, auch in Deutschland von Drohnen-Lieferungen profitieren.

Von Weiterstadt in die weite Welt

Ob auf den Wingcopter-Drohnen auch in Zukunft noch das Label "Made in Weiterstadt" klebt, ist unwahrscheinlich. Der erste Großauftrag ist für das Startup ohne Frage ein großer Erfolg, doch Plümmer sieht sich und das Unternehmen noch lange nicht am Ziel. Er denkt größer: "Der Drohnenmarkt wächst schnell, und wir wollen dort führend sein." Und wer wächst, braucht irgendwann mehr Platz.

Geht Plümmers Plan auf, könnte Wingcopter der magischen Halle in Weiterstadt bereits in zwei bis drei Jahren entwachsen. "Dann müssen wir uns nach einem anderen Gelände umsehen oder auch in andere Länder gehen." Momentan könne man mehrere tausend Geräte im Jahr produzieren, aber Plümmer rechnet mittelfristig mit deutlich größerer Nachfrage.

Auch inhaltlich will Wingcopter wachsen. "Wir wollen Menschen helfen, indem wir noch mehr Jobs schaffen und noch mehr Menschen noch schneller mit lebenswichtigen Gütern versorgen", sagt Plümmer. Momentan sind es medizinische Güter, bald könnten es Lebensmittel oder andere Dinge sein. Nachhaltigkeit spiele in den Überlegungen ebenfalls eine Rolle: "Warum soll man sich ins Auto setzen und die Umwelt verpesten, wenn man Dinge auch sauber durch die Luft transportieren kann?", fragt Plümmer. Grenzen setzt er sich keine: "Wir wollen Logistik generell revolutionieren."

So sehr Wingcopter auch in die weite und hoffentlich bessere Welt strebt, ein bisschen Hessen wird auch in Zukunft immer mitfliegen. Mit der Forschung und Entwicklung will das Unternehmen im Land bleiben. "Uns gefällt es hier ganz gut."

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