Über einem Feuer hängt ein Eisentopf, aus dem es köchelt. Im Hintergrund laufen zwei Menschen weg.

Steffi Scheidler und ihr Mann Daniel sind Selbstversorger. Sie bauen Obst und Gemüse an, halten Hühner und leben auch sonst eher ungewöhnlich. Wie schwer ist es, so autark wie möglich zu leben?

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Es war kein gutes Jahr. Steffi Scheidler begutachtet die Ausbeute ihrer Spät-Kartoffeln und ist sichtlich enttäuscht. Normalerweise fällt die Ernte üppiger aus, doch dieses Jahr war sie insgesamt sehr bescheiden. Scheidler baut möglichst alle ihre Lebensmittel selbst an, so gut es eben geht. Gemeinsam mit ihrem Mann Daniel versorgt sie so ihre fünfköpfige Familie in einem Dorf bei Kassel. Ihr Ziel: nachhaltiger leben. Aber ist das überhaupt machbar? Um diese Frage zu beantworten, haben wir die Scheidlers eine Woche begleitet.

"Das ist schon ein kleines Paradies hier"

Die Kartoffelernte ist ein kleiner Dämpfer: Nach zweistündigem Graben und Buddeln kamen lediglich zwei kleine Eimer voller essbarer Knollen zusammen. Nacktschnecken hatten sich schon in viele davon gefressen, ein großer Teil der Ernte wurde dadurch unbrauchbar.

Reporter Simon Rustler und Selbstversorgerin Steffi Scheidler sitzen vor der Kartoffelernte.

Für Scheidler ist das ärgerlich, aber sie nimmt es sportlich. "Dann haben sich die Schnecken eben gefreut", sagt sie - ganz ohne Ironie. Ihre Umwelt ist ihr eben wichtig, auch in den kleinen Dingen.

Insgesamt verfügt die Familie über knapp 6.000 Quadratmeter Land. Nicht alles an einer Stelle, sondern verteilt auf vier Grundstücke. Darunter sind geerbte Flächen, aber teilweise haben die Scheidlers auch Flächen dazu gekauft, um ihrem Hobby, dem Anbau von Lebensmitteln für den Eigenverbrauch, nachgehen zu können.

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7 Tage ... als Selbstversorger

Mehr über die Familie erfahren Sie in der TV-Dokumentation "7 Tage ... als Selbstversorger", die am 16. Dezember um 21.45 Uhr im hr-fernsehen läuft und schon jetzt in der ARD-Mediathek abrufbar ist.

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Und der ist vielfältig: In ihrem Portfolio hat die Familie Kartoffeln, Grünkohl, Äpfel, Tomaten, Kapuzinerkresse, Kürbisse, Sonnenblumen, Rotkohl, Gurken, Trauben, Paprika, Chilis und verschiedene Beerensorten. Dazu kommen 25 Bienenvölker und ein kleiner Hühnerstall: Für Honig und Eier ist also ebenfalls gesorgt.

Steffi Scheidler sagt: "Das ist schon ein kleines Paradies hier." Aber weil sie sich gerade um die Bienen sorgt, soll hier nicht stehen, wo genau sich dieser kleine Garten Eden befindet.

Wie schwer ist es, nachhaltig zu sein?

Welche große Rolle dabei Nachhaltigkeit und Umweltschutz spielen, zeigt der Umgang mit dem eigenen Land. Hier soll nichts wachsen, was nicht heimisch ist. Zudem mähen die Scheidlers einen Teil der Anbaufläche nicht - sie lassen ihn für die Insekten verwildern. "Ich finde, dass dieses ganze Selbstversorger-Ding so ein Geben und Nehmen ist. Dann kann ich auch irgendwo was zurückgeben und kann neuen Lebensraum für diese Tiere schaffen", sagt die dreifache Mutter.

Steffi Scheidler schaut in die Kamera, sie trägt einen dicken grauen Strickpullover, einen grünen Schal und eine Brille.

Obwohl die Fläche zum Anpflanzen groß ist, ist sie für eine vollumfängliche, komplette Selbstversorgung zu klein. Hin und wieder müssen die Scheidlers einkaufen. Milchprodukte und Fleisch aus einem Bio-Markt in der Kasseler Innenstadt möchte sich Steffi Scheidler nicht nehmen lassen, ebenso Bananen und anderes nicht-heimisches Obst.

An einem Abend gibt es Gulasch. Über drei Stunden kocht es in einem Eisentopf auf offenem Feuer. Die Feuerstelle in ihrem Garten benutzt die Familie mindestens einmal in der Woche zum Kochen an der frischen Luft. Das Gulasch-Fleisch stammt nicht aus dem Supermarkt - es kommt von Daniel Scheidlers Cousin, einem Bio-Landwirt, der Galloway-Hochlandrinder hält und ebenfalls stark auf Regionalität setzt: Die Tiere grasen ganz in der Nähe des Kasseler Herkules-Denkmals.

Manchmal muss Fast Food her

Die Scheidlers sind nicht dogmatisch. Was mit Selbstversorgung nicht geht, geht nicht. Vor allem spielen die drei Kinder nicht immer mit: Arjen (sieben Jahre alt), Yaron (vier) und Thorin (zwei) wollen auch ab und zu etwas anderes essen. Papa Daniel Scheidler erklärt: "Klar gibt es auch mal Fast Food. Wir versuchen das stark einzuschränken, aber: Das sind Kinder, das ist ein Highlight für sie."

Zwei Menschen stehen neben einer Apfelreibe. Der linksstehende Mann dreht die Reibe, sodass die Äpfel dann geschrotet in eine Presse fallen, in der sie dann gepresst werden.

Steffi Scheidler ergänzt: "Vor einiger Zeit hatten wir permanent ein schlechtes Gewissen, haben uns ständig überlegt, ob etwas ökologisch vertretbar ist oder nicht. Das kommt auch durch Instagram. Da siehst du dann die ganzen 150-Prozentigen. Dann macht es auch keinen Spaß mehr." Ein Leben, völlig der Nachhaltigkeit gewidmet und ihr untergeordnet - das kommt für sie nicht mehr in Frage.

Die Familie hat für sich einen Mittelweg gefunden. Dazu gehört es, unverpackt, regional und bio einzukaufen, wenn sich der Einkauf nicht vermeiden lässt. Und manchmal muss für den Haussegen auch mal Schokolade her.

Ohne Auto schaffen sie es nicht

Ähnlich ist es mit dem Autofahren. Daniel Scheidler, der bei einem Autohersteller arbeitet, sagt: "Wenn es etwas gibt, wo ich nicht nachhaltig lebe, dann beim Autofahren." Früher hatte die Familie sogar einen Dodge Ram, einen amerikanischen Riesen-Pick-up, der rund 20 Liter Sprit auf 100 Kilometer verbrauchte. Dieses Auto verkauften sie, weil es nicht praktisch genug war.

Heute sind die Scheidlers mit einem kleineren Pkw unterwegs - und mit einem Familien-Van, dem "Pampers-Bomber", wie ihn Daniel Scheidler scherzhaft nennt. Manchmal träumt er von einem E-Auto. Mitten auf dem Land, sagen Steffi und Daniel Scheidler, gehe es einfach nicht ohne eigenen Wagen. Fahrten zur Schule, zum Einkaufen oder zur Arbeit: Das würde mit dem ÖPNV doppelt so lange dauern.

Weg vom Dodge Ram hin zum Umweltschutz

Und Zeit ist rar, zu tun gibt es immer etwas bei den Scheidlers: Mal müssen die Äpfel gepflückt und zu Saft gepresst werden, mal muss der Weißkohl geschreddert und mit Salz zu Sauerkraut eingelegt werden. Wer fragt, ob die ganze Arbeit nicht mal nervt, der bekommt von Daniel Scheidler als Antwort: "Manchmal haste die Schnauze voll, aber dann kommt ein neuer Tag. Wir haben uns das ja so ausgesucht."

Hauptgründe, mit dem Ackern und Anpflanzen anzufangen, waren Klima- und Umweltschutz. Die Familie wollte weniger einkaufen, wollte nicht immer alles verfügbar wissen und vor allem ihren Kindern eine Umgebung hinterlassen, in der die Natur geschätzt und geschützt wird. Das Land war bereits da - es musste nur noch bestellt werden.

Ein Regal, gefüllt mit eingekochten und eigelegten Lebensmitteln: Marmeladen, saure Gurken und Suppen

So ist die Selbstversorgung eine Entscheidung für eine Arbeit, die dem Ehepaar vor allem eins macht: Spaß. Bis auf den Honig verkaufen die Scheidlers keines ihrer Produkte - sollten sie mal zu viel haben, bieten sie es auf Sozialen Netzwerken zum Verschenken an. Idealistischer geht es kaum.

Die Zeit für all das hat die Familie, weil Mutter Steffi noch in Elternzeit ist - eigentlich ist sie gelernte Erzieherin - und Papa Daniel ein besonderes Arbeitszeitmodell bei seinem Job verfolgt: Er arbeitet meist nur am Wochenende und in langen Nachtschichten. So haben beide tagsüber viel Zeit für ihre Kinder - und die Selbstversorgung.

Familie Scheidler: Ein Vorbild für alle?

Ist das Lebensmodell der Scheidlers eines, an dem sich andere orientieren können? Schwierig. Jeder könnte sich nicht so versorgen wie diese Familie. Dafür fehlt es den meisten nicht nur am Know-how.

Die Familie Scheidler ist sicherlich sehr privilegiert: mit der nötigen Freizeit, mit Verwandten, die ähnlich ticken - und mit einer Menge Land. Wer in der Großstadt wohnt, kann sich dankbar schätzen, wenn ein Platz bei einem Schrebergartenverein frei wird - nach teils jahrelanger Wartezeit. Von tausenden Quadratmetern Eigentum ganz zu schweigen.

Was aber beeindruckt, sind die Liebe zu den Lebensmitteln, der Wille, etwas zu schaffen und der Spaß, den die Familie dabei hat. Für das Paar ist die Selbstversorgung keine Arbeit: Hier können die Scheidlers abschalten, die Ruhe genießen und sich an der eigenen Ernte freuen - auch wenn diese wegen der Schnecken auch mal schlechter ausfällt. Dann ist das eben so. Das nächste Jahr kommt bestimmt.

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