Näherin produziert farbige Atemschutzmasken

Die Corona-Maßnahmen bedrohen die Existenz vieler Betriebe. Manche Firmen in Hessen haben aus der Not eine Tugend gemacht und ihr Geschäft umgekrempelt - auf Produkte, die zur Eindämmung des Virus gerade stark nachgefragt werden.

Die Corona-Krise stellt die hessischen Unternehmen vor enorme Herausforderungen. Vielen bleibt nichts anderes übrig, als auf Kurzarbeit zu setzen. Einige Unternehmen konnten aber ihre Produktion auch so schnell umstellen, dass sie zumindest für eine Übergangszeit weiter produzieren können. Wir stellen Ihnen einige vor:

Plexiglaswände statt Messebau

Videobeitrag

Video

zum Video Neue Geschäftsidee für Messebaubetrieb

hessenschau
Ende des Videobeitrags

Die Regale im Lager sind gefüllt, doch die Auftragsbücher leer – so ging es dem Messebau-Unternehmen "Fair Care!" aus Frankfurt, als nach und nach immer mehr Messen abgesagt wurden. Doch anstatt das Geschäft ruhen zu lassen und seine sechs Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, krempelte Geschäftsführer Sven Obert die Produktion um – und zwar auf Plexiglas-Schutzwände. "Meine Mutter hat mir erzählt, dass ein Bekannter für seine Ehefrau, die in einer Apotheke arbeitet, aus Plexiglas eine Abtrennung gebastelt hat. Das hat mir den Impuls gegeben", erklärt Obert.

Weitere Informationen

Hilfe für Unternehmer, Selbstständige und Arbeitnehmer

Hessen bekämpft die akuten Folgen der Corona-Pandemie mit milliardenschweren Soforthilfen. Hier finden Unternehmer, Selbstständige und Arbeitnehmer den direkten Weg zu den Anträgen - und Hilfsangeboten freiwilliger Arbeiter.

Ende der weiteren Informationen

Anschließend habe er diese Idee mit der Apothekerin, bei der er selbst Kunde ist, besprochen - mit positivem Feedback. "Daraufhin haben wir innerhalb von einem Tag umgeschwenkt." Die Fräse wurde von Holz- auf Plexiglasverarbeitung umgestellt, anstelle lang geplanter Messebauprojekte seien nun kurzfristige Bestellungen an der Tagesordnung.

Neben Apotheken habe seine Firma inzwischen auch Bürgerbüros, Autohäuser oder Arztpraxen mit Plexiglas ausgestattet. Am Tag schaffe das Unternehmen im Durchschnitt bis zu zehn Ausstattungen, die Installation koste pro Schutzwand 150 Euro. Doch die neue Geschäftsidee gleiche die Corona-Einbußen nicht aus: "Es hilft uns durch die Krise, es ersetzt aber auf keinen Fall das, was wir an Umsatzeinbrüchen beim Messebau haben." Aber es hilft offenbar dem Unternehmen zumindest für eine gewisse Zeit über die Runden zu kommen.

Atemschutzmasken aus Baumwolle statt Mode

Näherin produziert farbige Atemschutzmasken

Eigentlich produziert und verkauft das Start-up "BeWooden" aus Bad Vilbel hochwertige Mode-Accessoires aus Holz, beispielsweise Fliegen oder Manschettenknöpfe. Seit knapp zwei Wochen hat das deutsch-tschechische Unternehmen allerdings auf Mundschutzmasken umgerüstet: Im Online-Shop gibt es für zehn Euro pro Stück waschbare Baumwoll-Masken zu kaufen. Die firmeneigene Manufaktur in Tschechien stelle nun ausschließlich Masken her, wie Henrik Roth, einer der drei Gründer des Unternehmens, erklärt.

"Bei uns ist es so, dass die Händler, die nun schließen mussten, natürlich nichts bestellen. Selbst wenn sie wieder offen haben, glauben wir, dass Anlässe wie Hochzeiten oder Abibälle ausfallen werden. Zu genau solchen Events werden unsere Produkte getragen", sagt Roth. Durch die neue Geschäftsidee und den Verkauf der Masken könnten die Jobs im Unternehmen gehalten werden, die Firma müsse so nicht, wie zuvor befürchtet, nach spätestens zwei Monaten schließen.

Auch die drei Manufakturen aus Frankfurt, die nun ebenfalls für "BeWooden" Mundschutze nähen profitierten, wie Roth sagt. Für den deutschen Markt produziere man gemeinsam etwa knapp 1.500 Masken am Tag. Auf der Webseite könne man zudem Masken spenden und bei Bedarf kostenlose Masken anfordern. "Es sind aktuell sogar mehr Leute, die Masken spenden als Leute, die die 'Soli-Maske' kostenlos bestellen." Durch diesen Überschuss könne man größere Bestellungen von Pflegeheimen oder Krankenhäusern mit kostenlosen Lieferungen beantworten. "Es ist super schön, dass das auch geht."

Ute Schlenger und Team in der Schneiderei beim Mundschutzmasken-Nähen

Auch in dem kleinen Schneider- und Stickereibetrieb von Ute Schlenger aus Willingen-Usseln (Waldeck-Frankenberg) werden seit über einer Woche wiederverwendbare Mundschutzmasken in Handarbeit genäht. Nach der Ladenschließung habe ihr Betrieb erst noch an einem Theaterauftrag gearbeitet, dieser sei dann jedoch auch gestoppt worden. "Innerhalb von einer Stunde hatten wir dann alles umgeschmissen, ich habe mich sofort mit dem Thema beschäftigt und am nächsten Tag hatten wir den Prototypen fertig", erklärt die Inhaberin.

Ihre Baumwoll-Masken habe sie bislang an Physiotherapeuten, Bäckereien, Metzger, Frisöre, Privatpersonen und sogar an Arztpraxen in der Region verkauft. "Sie denken sich: Ehe ich gar keine habe, sind die gut", sagt Schlenger. "Es sind keine Masken nach genormten medizinischen Schutzklassen, aber trotzdem bilden sie eine super Barriere." Ihre vier bis fünf Mitarbeiter produzierten nun täglich etwa 150 Masken - der Stückpreis hänge von der jeweiligen Bestellung ab und bewege sich von neun bis rund 14 Euro. Etwa 280 Masken seien in der ersten Woche schon verkauft worden.

Desinfektionsmittel statt Schnaps

Der Desinfektions-Gin der Gin-Manufaktur "Reichs Post Bitter"

Anstelle von Gin, Rum oder Korn wird in einigen Brennereien Hessen derzeit eine andere hochprozentige Flüssigkeit hergestellt: Desinfektionsmittel. In Rimbach (Odenwald) hat die kleine Schnapsbrennerei "Spirituosenwerk" die Produktion umgestellt und stellt seit gut eineinhalb Wochen das dringend benötigte Mittel für Krankenhäuser, Seniorenheime oder Supermärkte aus der Region her.

Die Gin-Manufaktur "Reichs Post Bitter" aus Bad Homburg macht sogar beides - in einem Produkt: Sie stellt seit drei Wochen einen Desinfektions-Gin nach der Rezeptur der Weltgesundheitsorganisation her. Der eigne sich nicht nur zum Trinken, sondern durch den hohen Alkoholgehalt von 71,7 Prozent eben auch zur Desinfektion, erklärt Destillateur Stefan Alles. "Wir konnten selber kein Desinfektionsmittel für unseren Betrieb bekommen und da ist meine Frau auf die geniale Idee gekommen, dass wir ja alle Rohstoffe wie hochprozentigen Ethanol schon haben und uns das Desinfektionsmittel selbst mischen können."

Vor allem Privatleute, aber auch einige Firmen, hätten den speziellen Gin bereits gekauft. 250 Liter in 0,2-Liter Flaschen habe die Firma in drei Wochen vertreiben können: "Es hält uns die Produktion am Laufen, weil die Abnahme von anderen Produkten bei uns durch die Schließungen von Gaststätten und Hotels auf Null gesunken ist", sagt Alles.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 23.03.2020, 19.30 Uhr