Steinmetz arbeitet an einem Grabstein
In dem Frankfurter Natursteinbetrieb mit 15 Mitarbeitern werden die meisten Arbeiten an den Steinen selbst vorgenommen. Bild © Anikke Fischer

Fast jeder zweite Grabstein in Hessen stammt aus Indien. Die Sorge: Dort arbeiten auch Kinder in den Steinbrüchen. Ein neues Gesetz soll Steine aus Kinderhand in Hessen bald verhindern. Was sagen Steinmetze dazu?

Videobeitrag

Video

zum Video Natursteinanbieter sieht Gesetzes-Reform gelassen

Ende des Videobeitrags

Ein Lastwagen fährt vor, er bringt Steine aus Altmühltal. "Und morgen kommt Material aus Fernost", erzählt Matthias Hofmeister, Geschäftsführer des Frankfurter Natursteinanbieters F. Hofmeister. Es ist 8 Uhr morgens, in der Werkstatt der Marmor- und Granitwerk GmbH schleifen, hämmern, fräsen und polieren Steinmetze. Aus dem rohen Stein entstehen so Grabsteine, Waschbecken, Fliesen oder Fassadenstücke.

Was bei dem seit 1864 bestehenden Familienunternehmen Hofmeister von den Steinmetzen und Auszubildenden bearbeitet wird, stammt aus aller Welt, aus Deutschland, Italien, der Schweiz, aus Skandinavien und Südamerika. Der Löwenanteil an Grabsteinmaterial wird jedoch aus Indien und China geliefert.

Rund 50 Prozent seien es in seinem Betrieb, schätzt Hofmeister, so wie auch bei anderen deutschen Grabsteinanbietern. Aufgrund seines schönen Farbspiels und des im Durchschnitt vergleichsweise günstigen Preises ist der indische Granit besonders begehrt. Doch der Handel mit dem Steinen aus Asien könnte aufwändiger werden als bisher.

"Nicht flächendeckend"

Wenn es nach der Landesregierung geht, sollen hessische Anbieter wie Hofmeister bald auf Wunsch der Kommunen beweisen müssen, dass Grabsteine aus Indien und China dort nicht von Kinderhänden bearbeitet wurden. "Zukünftig sollen Grabsteine aus ausbeuterischer Kinderarbeit (...) verboten werden", heißt es in dem Gesetzentwurf der schwarz-grünen Regierungsfraktion.

Die kommunalpolitische Sprecherin der Grünen, Eva Goldbach, begründete den Entwurf damit, Steine aus Indien überschwemmten seit den 1990er Jahren den europäischen Markt. In indischen Steinbrüchen schufteten Kinder unter gefährlichen Bedingungen, statt in die Schule zu gehen. Sie verweist darauf, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, fordere entsprechende Maßnahmen.

Zertifikate als Lösung

Doch betrifft die Arbeit im Steinbruch auch die Grabsteine? Die ILO kann hier nicht mit konkreten Informationen dienen. "Wir finden Kinderarbeit in vielen Ländern, unter anderem auch Indien und China", bestätigt die Deutschland-Direktorin der ILO, Annette Niederfranke. "Das heißt aber nicht, dass das flächendeckend an allen Steinbrüchen der Fall ist." Ob Kinder in den Steinbrüchen tatsächlich auch am Abbau von Material für Grabsteine beteiligt sind, kann Niederfranke nicht sagen: "Wir gucken nicht die Frage Grabsteine oder nicht Grabsteine an - unser Fokus ist allgemein Kinderarbeit."

Einer, der nachgeschaut hat, ist Benjamin Pütter, derzeit Berater für das Kinderhilfswerk der katholischen Kirche und Buchautor ("Kleine Hände - großer Profit") . Er habe selbst bei unangekündigten Besuchen in Steinbrüchen Kinderarbeit beobachtet, sagt er. Den Gesetzentwurf in Hessen hält er für den richtigen Weg.

Natursteinanbieter Matthias Hofmeister in seiner Frankfurter Werkstatt
Geschäftsführer Hofmeister: "Sehe dem gelassen entgegen." Bild © Anikke Fischer

Grabsteinanbieter Hofmeister, der auch als von der Handwerkskammer Rhein–Main bestellter Sachverständiger arbeitet, ist sich sicher: "Die Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, beschäftigen keine Kinder." Er besitze bereits entsprechende Zertifikate. Außerdem fliegt er regelmäßig nach Indien und China, auch um sich die Betriebe und die Arbeitsbedingungen selbst anzusehen.

Am Freitag geht es für ihn nach Südindien. "Dort lasse ich mir auch Steinbrüche zeigen - ich habe dort noch nie Kinderarbeit gesehen." Seiner Meinung nach schließt sowohl das Gewicht der Steinblöcke von bis zu 15 Tonnen als auch der hohe Qualitätsanspruch an die Steine Kinderarbeit aus.

Innung kritisiert Gesetzentwurf

Der Landesinnungsverband des Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerks in Hessen ist über die anstehende Gesetzesreform trotzdem beunruhigt. Landesinnungsmeister Karl-Heinz Damm ärgert sich: "Es bedeutet mehr Kosten, Schriftverkehr und Bürokratieaufwand wegen etwas, das sowieso nicht stattfindet: Es gibt keine Kinderarbeit an Grabsteinen."

Gestützt wird Damms Ansicht von Gerd Merke. Merke ist Gutachter für Friedhofsrecht und Professor für Rechtswissenschaften an der Hochschule Rhein-Main. Die Herstellungsweise für Grabsteine sei viel zu aufwändig, als dass Kinder daran mitarbeiten könnten, sagt Merke. Das Gesetz sei für die Öffentlichkeit gemacht. "Kinderarbeit ist in jeder Hinsicht völlig inakzeptabel – aber nicht jeder gute Wille führt zum richtigen Ergebnis."

"Kinder am Schlagbohrer"

Pütter, der über 80 Mal in Indien war, sieht das anders. Richtig sei, dass wer als angemeldeter Händler in Indien unterwegs sei, nie arbeitende Kinder in einem Steinbruch sehe. Die würden vorher weggebracht, beschreibt Pütter. Und auch wenn es hier für manchen unvorstellbar sei, Kinder würden auch an schweren Schlagbohrmaschinen eingesetzt. Für wirksam hält Pütter dagegen den Weg über Zertifikate, die auch auf unangemeldete Kontrollen zurückgingen. Welche infrage kommen, finden Kunden auf der Seite siegelklarheit.de.

Über wen genau die Händler in Hessen die Unschuld der beteiligten Unternehmen nachweisen sollen, ist noch offen. In Kommunen anderer Bundesländer wie zum Beispiel Bayern und Baden-Württemberg wird bereits ein ähnliches Gesetz angewendet. Dort wurden entsprechende Zertifizierungen unter anderem von Vereinen wie Xertifix und Win=Win Fairstone, einer Agentur für soziale Verantwortung, akzeptiert. Verwendeten die Anbieter Steine aus anderen Ländern als der Europäischen Union, mussten sie ein Zertifikat vorlegen, in dem die Vereine nach einer Überprüfung des Unternehmens in Indien oder China dessen Unbedenklichkeit attestierten.

Beweise schwer zu finden

Und welche Erfahrungen haben die Zertifizierungsorganisationen mit Kinderarbeit gemacht? Fairstone konnte auf Anfrage von keinen Fällen berichten, bei denen Kinderarbeit in Zusammenhang mit Grabsteinen nachgewiesen werden konnte. Xertifix e.V. hatte ebenfalls keine eigenen Fällen, in denen der Verein in Indien Kinderarbeit in Zusammenhang mit Grabsteinen nachgewiesen hat.

Der Verein berichtete jedoch von der Recherche eines Journalisten der "Süddeutschen Zeitung" im Jahr 2016, der bei investigativer Arbeit an den Steinbrüchen Kinderarbeiter fand, die mit Bohrhämmern gearbeitet hätten, um Sprenglöcher für Grabstein-Rohblöcke zu bohren. Mit diesem Reporter war auch Experte Pütter unterwegs, der von einem Milliardengeschäft mit den Steinen aus indischer Produktion spricht.

Hofmeister sieht der Gesetzesreform gelassen entgegen. Er könnte auch "von heute auf morgen andere Materialien anbieten". Mehr Sorgen macht dem Steinmatz- und Steinbildhauermeister die generell sinkende Nachfrage bei Grabsteinen, da sich immer mehr Menschen in einer Urne oder anonym im Friedwald bestatten lassen wollen. Und welchen Grabstein würde Hofmeister für sich aussuchen? "Für meine eigene Grabstätte würde ich einen Stein aus schlichtem, hiesigen Material nehmen", überlegt Hofmeister. Aber eigentlich ist er bereits versorgt: "Wir haben eine Familiengrabstätte mit Obelisk."