Brandenburg Metzgerei Sujet

Seit Jahren werden bei der Rewe-Fleischerei Wilhelm Brandenburg in Frankfurt eklatante Hygienemängel festgestellt. Die Behörden reagierten nur schleppend, wie hr-Recherchen zeigen.

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hs
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Am 25. September 2018 kommt der Lebensmittelkontrolleur am frühen Nachmittag. Einmal im Monat schaut er sich die Fleischfabrik der Firma Wilhelm Brandenburg an, unangekündigt. An diesem Dienstag verbringt er dreieinhalb Stunden in dem Frankfurter Betrieb. In einem Kühlhaus, in dem Leberkäse lagert, fällt ihm unter anderem ein Schimmelbefall an der Kühlanlage auf. Insgesamt umfasst seine Mängelliste zwölf Punkte.

Kein Einzelfall: Vier Monate später etwa, im Januar 2019, steht eine weitere Betriebskontrolle an. Wieder stellt der Lebensmittelkontrolleur eine Reihe von Mängeln fest, darunter erneut Schimmel im Leberkäse-Kühlhaus. Auch im folgenden November findet sich laut Prüfbericht des Regierungspräsidiums Darmstadt "stellenweise Schimmel" an besagter Kühlanlage.

Wöchentlich 1.350 Tonnen Fleisch für Supermärkte

Wilhelm Brandenburg verarbeitet im Frankfurter Betrieb wöchentlich 1.350 Tonnen Fleisch, die deutschlandweit in tausenden Rewe- und Penny-Märkten verkauft werden. Dem hr liegen weitere Prüfberichte der Lebensmittelkontrollen vor, die das Frankfurter Ordnungsamt in Hessens größter Fleisch- und Wurstfabrik zwischen 2016 und Februar 2021 durchgeführt hat.

Die Liste der Verstöße ist lang: Rost an Betriebsmitteln und Bausubstanz, starke Verschmutzungen, "Mängel in der Arbeits- und Betriebshygiene" oder fehlende Waschmöglichkeiten für Mitarbeiter stellen die Kontrolleure fest. In einem Bericht wird festgehalten, dass die Notausgangstür zu einem Arbeitsraum "nicht schädlingssicher" sei.

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Einen ausführlichen Bericht zum Thema sehen Sie am Mittwochabend auch ab 19.30 Uhr in der hessenschau des hr-fernsehens.

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Dass es in einem Betrieb dieser Größe Mängel gebe, sei normal, sagt Metzgermeister Franz Voll. Der Experte war 30 Jahre lang Lebensmittelkontrolleur. Allerdings: "Da sind Mängel, die kann man so nicht nachvollziehen, und die werden sehr schlecht abgearbeitet. Dass Ratten durch ein defektes Tor einfallen können, das muss der Betrieb vor dem Kontrolleur merken."

"Zeitnahes Beheben baulicher Mängel unbefriedigend"

In jüngerer Zeit häufen sich Vermerke über "noch nicht beseitigte Mängel aus früheren Kontrollen". Im September 2020 schreiben die Kontrolleure: "Aus Sicht der Lebensmittelüberwachung ist das eigenständige Erkennen und das zeitnahe Beheben baulicher Mängel nach wie vor unbefriedigend."

Auf eine hr-Anfrage beschwichtigt die Stadt Frankfurt: Die Firma Wilhelm Brandenburg habe nach einer Kontrolle im vergangenen März umfangreiche Bau- und Sanierungsmaßnahmen eingeleitet, "so dass mittlerweile die Anzahl der festgestellten Beanstandungen erheblich gesunken ist". Der Supermarktriese Rewe, zu dem Wilhelm Brandenburg seit 1986 gehört, erklärte auf Anfrage, festgestellte Mängel seien so schnell wie möglich behoben worden.

Zweimal muss die Metzgerei zahlen

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Sujet-Bild: Die Fleischauslage einer Metzgerei
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Der ehemalige Metzgermeister Voll kritisiert, dass die Behörden im Umgang mit Lebensmittelbetrieben nicht konsequent genug seien. Schimmel wachse nicht über Nacht: "Man kriegt so etwas nur über die Geldbörse auf die Reihe." Tatsächlich wurden laut der Stadt Frankfurt seit 2016 lediglich zwei Ordnungswidrigkeitenverfahren mit Bußgeldern gegen die Firma Wilhelm Brandenburg eingeleitet.

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Kontrollen sind gesetzlich vorgeschrieben

Einer Bundesverordnung nach ist genau festgesetzt, wie viele Kontrollen in einem bestimmten Betrieb gemacht werden müssen. Das ist sowohl von der Betriebsart, als auch von der Verlässlichkeit der Eigenkontrollen und dem Hygienemanagement im Unternehmen abhängig. Dafür kommt in der Regel das zuständige Veterinäramt des Kreises oder der Stadt unangekündigt. Kontrolleure der Regierungspräsidien begleiten diese gelegentlich.

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Neues Produktionswerk in Planung

Trotz aller Beanstandungen in der Vergangenheit: Das Unternehmen Wilhelm Brandenburg lässt auf Anfrage wissen, dass man keine Zweifel daran habe, "dass die Produktionsstätte uneingeschränkt zur Herstellung qualitativ hochwertiger und sicherer Lebensmittel geeignet ist".

Allerdings will das Unternehmen eine neue Fleischfabrik in Erlensee (Main-Kinzig) bauen. Der alte Frankfurter Betrieb, der teilweise seit den 1950er-Jahren besteht und mehrfach erweitert und umgebaut wurde, soll geschlossen werden. Bis dahin dürfte aber noch einige Zeit vergehen.

Die Pressestelle der Stadt Frankfurt hatte im vergangenen Jahr auf eine hr-Anfrage pauschal erklärt, der bauliche Zustand sei zufriedenstellend "und in Teilen nur ausreichend".

Mehrmonatige hr-Recherche zur hessischen Fleischindustrie

Der hr recherchiert in der Folge des Fleischskandals beim nordhessischen Betrieb Wilke zu den Zuständen in der hessischen Fleischindustrie. Die Berichte der regelmäßigen Kontrollen der Firma Wilhelm Brandenburg in Frankfurt hatte die Stadt erst kürzlich, auf Drängen und nach monatelangem Warten, herausgegeben.

Linke kritisiert Hinz

"Wie die Recherchen des hr jetzt zeigen, versagt die Fachaufsicht im Verbraucherschutzministerium weiterhin bei der Kontrolle der Fleischindustrie", sagte Thorsten Fesltehausen, der umwelt- und verbraucherschutzpolitische Sprecher der Fraktion Die Linke. "Die Forderung nach mehr und besseren Kontrollen in der Fleischverarbeitung stoßen bei der Ministerin leider auf taube Ohren." Die Linke frage sich, "ob Priska Hinz ihren Job nicht machen will - oder dazu nicht in der Lage ist."

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