Lkw der Wilke-Fleischerei

Nach dem Bekanntwerden der Todesfälle im Zusammenhang mit Wurst der Firma Wilke aus Nordhessen stellen sich viele Fragen. Warum verging mehr als ein Jahr zwischen ersten Verdachtsfällen und der Schließung des Betriebs? Wer ist verantwortlich? Eine zeitliche Aufarbeitung.

Drei Menschen sind im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit dem Verzehr keimbelasteter Ware der Großmetzgerei Wilke aus Twistetal (Waldeck-Frankenberg) gestorben. Das legt ein Bulletin des Robert-Koch-Instituts (RKI) nahe und wird vom zuständigen hessischen Verbraucherschutzministerium bestätigt.

Zahlreiche Fragen rund um den Wilke-Skandal sind weiter offen. Etwa, weshalb zwischen ersten Verdachtsfällen in Deutschland und der Schließung des Betriebs Anfang Oktober mehr als ein Jahr verging. Und wer für mögliche Versäumnisse zuständig ist: Bund, Land oder Kreis? In einer Chronik versuchen wir, den Fall so lückenlos wie möglich aufzuarbeiten:

2018

Das Robert-Koch-Institut als Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten erfährt von einer Häufung von Erkrankungen im Zusammenhang mit dem Listeria-Erreger vom Typ Sigma1. Eine Quelle ist zunächst nicht bekannt.

Das RKI informiert daraufhin das Bundesamt für Verbraucherschutz und das Bundesamt für Risikobewertung. Dieser Vorgang entspricht dem offiziellen Vorgehen. Offen ist, wer zu diesem Zeitpunkt noch von dem Verdacht erfährt, also wie die Informationskette aussieht.

Wie eine interne Quelle dem hr berichtet, sollen im Jahr 2018 auch die Fachministerien der Bundesländer, also auch das hessische Verbraucherschutzministerium von Priska Hinz (Grüne) in Wiesbaden, Auskunft über die Krankheitsfälle bekommen haben. Offiziell ist das nicht bestätigt.

12. August 2019

Nach Angaben von Verbraucherschutzministerin Hinz erfährt das hessische Ministerium vom Listerien-Verdacht bei Wilke – noch nicht von Todesfällen. Einen zweifelsfreien Beleg für eine Verunreinigung der Fleischprodukte aus Twistetal gibt es zu diesem Zeitpunkt nach Aussage der Ministerin nicht.

20. August 2019

Mit achttägiger Verspätung informiert das hessische Ministerium den für die Lebensmittelkontrollen zuständigen Landkreis Waldeck-Frankenberg und das als Fachaufsicht zuständige Regierungspräsidium (RP) Kassel über den Verdacht bei Wilke.

Als Grund für die Verzögerung nennt Hinz die erforderliche Verifizierung der vorliegenden Informationen. Auch habe es in der Zeit zahlreiche Krankheitsfälle in ihrem Ministerium gegeben.

26. August 2019

Spätestens an diesem Tag liegen dem Ministerium in Wiesbaden Listen mit Händlern vor, die von Wilke beliefert werden. Bis zur Schließung des Fleischerbetriebs wird es noch sieben Wochen dauern. Unklar ist zu diesem Zeitpunkt, in welchen Einzelverkaufsstellen konkret noch Wilke-Wurstwaren weiterverkauft werden.

5. September 2019

Nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums gibt es Anweisungen für eine grundlegende Desinfektion und eine Reinigung der Schneidegeräte im Wilke-Betrieb.

16. September 2019

Von Bundesebene erfährt das hessische Ministerium, dass es einen zwingenden Nachweis gibt, der 37 Erkrankungsfälle seit dem Jahr 2014 mit der Wilke-Fleischerei in Verbindung bringt.

Hinz veranlasst daraufhin nach eigener Aussage stärkere Kontrollen in Twistetal. Ab dem 20. September etwa müssen von jedem Produkt Proben genommen werden. Die Durchführung der Kontrollen obliegt dem Veterinäramt des Landkreises Waldeck-Frankenberg. Grundsätzlich, so Hinz, habe das Ministerium "zügig" gehandelt.

Weitere Informationen

Drei Tote durch Listeriose bestätigt

Bundesweit sind bislang 14 Menschen gestorben, bei denen der erwähnte Erreger gefunden wurde. Explizit durch Listeriose starben nachweislich nach neuesten Erkenntnissen drei von ihnen. Sie lebten in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt.

Ende der weiteren Informationen

24. September 2019

Das Regierungspräsidium Darmstadt wird über die Erkrankungsfälle im Zusammenhang mit Wilke-Produkten informiert. Am RP in Darmstadt ist die Sondereinheit "Task-Force Lebensmittelsicherheit" angesiedelt. In einer Telefonkonferenz wird beschlossen, dass die Task-Force den Kreisbehörden in Waldeck-Frankenberg ihre Unterstützung anbietet. Es bleibt bei der reinen Unterstützung: Die Fachaufsicht liegt unverändert beim RP Kassel.

25. September 2019

Bei Wilke in Twistetal werden zwölf Hygiene-Proben entnommen.

30. September 2019

Die Ergebnisse der Hygiene-Proben liegen vor: Vier der zwölf Proben werden wegen des Nachweises von Listerien erneut beanstandet. Das bestätigt das Regierungspräsidium Darmstadt.

1./2. Oktober 2019

Die jüngsten Kontrollen führen zur vorläufigen Schließung des Unternehmens Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH. Es sei ein "unmittelbarer Zusammenhang" zwischen dem Verzehr von Pizzasalami und Brühwurst von Wilke und zwei Todesfällen in Südhessen hergestellt worden, heißt es seitens des Veterinäramts des Landkreises, das die Schließung veranlasst.

Die Meldung der Todesfälle aus Hessen sorgt für Verwirrung. Weder das RKI noch das hessische Ministerium können diese zunächst bestätigen. Erst anderthalb Wochen später klärt das RKI die vermeintliche Falschmeldung auf.

4. Oktober 2019

Wilke Wurstwaren beantragt beim Amtsgericht Korbach die Eröffnung eines vorläufigen Insolvenzverfahrens.

4. Oktober 2019

Anders als zunächst von den Behörden dargestellt, wird bekannt, dass Wilke-Produkte nicht nur unter dem Eigennamen in den Handel gingen, sondern auch unter anderen Namen und in verschiedene Großküchen.

Eine Liste über den Verkauf in Hessen gibt es bei hessenschau.de. Diese Liste wird stets aktualisiert, kann aber keinen kompletten Überblick über alle Verkaufsstellen bieten.

6. Oktober 2019

Jenen lückenlosen Überblick versucht die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch über den gerichtlichen Weg zu erzwingen. Foodwatch stellte nach eigenen Angaben an den Landkreis Waldeck-Frankenberg, das Regierungspräsidium Darmstadt und das Verbraucherschutzministerium einen Eilantrag: Darin fordert Foodwatch eine Liste mit allen von Wilke belieferten Betrieben.

7. Oktober 2019

Das Verbraucherschutzministerium veröffentlicht eine Liste mit den Marken- und Handelsnamen, unter denen mit Listerien verseuchte Wilke-Wurst in den Verkauf gelangte. Betroffen sei Ware mit dem Identitätskennzeichen "DE EV 203 EG", heißt es. Am selben Tag wird ein E-Mail-Verkehr des Ministeriums mit Foodwatch bekannt, in dem die Behörde einräumt, seit 12. August vom Verdacht gegen Wilke gewusst zu haben.

8. Oktober 2019

Die Staatsanwaltschaft Kassel leitet ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung gegen den Geschäftsführer von Wilke ein. Die Ermittlungen laufen auch wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Lebensmittel- und Futtergesetzbuch. Strafanzeige hatte der Landkreis Waldeck-Frankenberg gestellt.

10. Oktober 2019

Das Unternehmen wehrt sich gegen die Schließung: Wilke reicht einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht Kassel ein. Dieser richtet sich gegen den vom Landkreis verfügten Produktionsstopp.

10. Oktober 2019

Derweil wird bekannt, dass es drei Todesfälle im Zusammenhang mit einem nicht näher benannten Wurstbetrieb in Hessen gibt. So drückt es das RKI in seinem Bulletin zur Untersuchung aus. Der Name "Wilke" wird darin nicht genannt, aber alle Zeichen deuten nach Twistetal.

11. Oktober 2019

Das Verwaltungsgericht Kassel lehnt den Eilantrag von Foodwatch auf Herausgabe aller belieferten Betriebe ab. Foodwatch kündigt an, eine mögliche Beschwerde gegen den Beschluss zu prüfen.

11. Oktober 2019

Das RKI klärt die Verwirrung um die beiden angeblichen Listeriose-Toten aus Südhessen. Demnach litten beide zwar an Listeriose, die Erkrankung war aber nicht ursächlich für den Tod der Patienten. Der Landkreis Waldeck-Frankenberg räumt seinen Irrtum ein.

11. Oktober 2019

Hinz fordert erneut mehr Befugnisse des Landes. In diesem Fall habe man den zuständigen Landkreis nur bitten können. "Wir haben auf eine Schließungsverfügung gedrungen", sagt die Ministerin. "Wir werden das jetzt aufarbeiten." Die Rückrufaktion der Wilke-Waren, erklärt Hinz später, verlaufe ordnungsgemäß.

14.Oktober 2019

Das Verwaltungsgericht Kassel hat den Eilantrag der Firma Wilke gegen die Schließung des Betriebs abgelehnt. Ob es im Rechtsstreit über die Firmenschließung ein Hauptsacheverfahren gibt, ist unklar. Laut Verwaltungsgericht wäre dieses nötig, falls Wilke Schadenersatzansprüche gegen den Landkreis wegen der Schließung anstreben sollte. Nach Einschätzung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ist eine Wiederaufnahme des Betriebs sehr unwahrscheinlich.

Diese offenen Fragen gilt es zu klären

Wieso dauerte es vom Bekanntwerden erster Verdachtsfälle bis zur Schließung des Betriebs so lange? Wurde bei Kontrollen geschlampt? Gab es Versäumnisse in der Kommunikation zwischen den verschiedenen Behörden? Weshalb wurden Betriebe so spät informiert? Und muss die gesamte Meldekette vom Bund über die Länder, Fachaufsichten und Landkreise auf den Prüfstand?

All diese Fragen sollen nun schnellstmöglich geklärt werden, wie Hinz bekräftigt. Die Ministerin steht in der Causa Wilke selbst unter Druck. Hinz gibt beim für die Überwachung des Fleischbetriebs zuständigen Landkreis einen Bericht zur Aufarbeitung in Auftrag. "Natürlich werden wir dem Landkreis eine Frist setzen", sagt sie. Die Frist betrage zwei Wochen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 11.10.2019, 16.45 Uhr