Collage-Jörg-Wilke vor Liftanlage und ein Liftbild mit Schnee

Ist Kunstschnee eine Ökosauerei? Nein, sagt Liftbetreiber Jörg Wilke. Der Schnee in Willingen brauche so viel Energie wie ein Flieger in die Sonne. Das auf vier Jahreszeiten ausgelegte Tourismus-Konzept soll den Ort trotz Klimawandel als Ferienregion konkurrenzfähig machen - auch in Corona-Zeiten.

Videobeitrag

Video

zum Video Vorbereitung auf Skisaison in Willingen

hs1645_171120
Ende des Videobeitrags

10.000 Gästebetten, vier Lifte, Gastronomie und Infrastruktur - Willingen im Waldecker Bergland (Landkreis Waldeck-Frankenberg) lebt vom Tourismus - und ist Hessens größtes Skigebiet. Aber ist Wintersport in Zeiten der Klimawandeldiskussion überhaupt noch zukunftsfähig?

Das hat man sich in Willingen spätestens 2007 beim Bau der großen Beschneiungsanlage gefragt, immerhin ein Projekt mit einem Investitionsvolumen von rund elf Millionen Euro. Warum damals Klimaprognosen zu Rate gezogen wurden, wie sich Willingen als Vier-Saison-Standort begreift und warum Kunstschnee ein irreführender Begriff ist, erklärt Skiliftbetreiber Jörg Wilke im Interview. Außerdem blickt er auf das laufende Corona-Jahr zurück und erklärt, wie Willingen sich auf die erste Skisaison während der Corona-Pandemie vorbereitet.

hessenschau.de: Wie war bisher die Auslastung im Corona-Jahr?

Jörg Wilke: Wir betreiben zwei Seilbahnen, eine für Fußgänger und die K1-Sesselbahn vor allem für Mountainbiker. Nach dem Teil-Lockdown im Frühjahr haben wir Mitte Mai den Betrieb wieder aufgenommen. Es hat etwas gedauert, bis die Menschen wieder Zutrauen gefasst haben und wir eine halbwegs normale Auslastung beobachten konnten. Von Juli bis Oktober hatten wir dann einen sehr guten Sommer. Unterm Strich war das sogar einer der besten Sommer, die wir je hatten.

Wir haben aber auch an der Auslastung in den Hotels gesehen, dass vor allem klassische Urlauber nach Willingen gekommen sind. Menschen, die Urlaub vor der Haustür machen wollten und dann gesehen haben, wie schön es bei uns ist.

hessenschau.de: Wie haben Sie sich auf eine Wintersaison unter Corona-Bedingungen vorbereitet?

Wilke: Die Skigebiete der Wintersport-Arena Sauerland haben an einer gemeinsamen Vorgehensweise gearbeitet. Es sollen dieselben Spielregeln für alle Liftbetriebe gelten. Wir haben uns darauf verständigt, dass wir die Seilbahnen in Punkto Hygiene dem ÖPNV zuordnen, weil das Nutzungsverhalten hier sehr ähnlich ist. Der Unterschied: Bei uns gibt es eine extrem kurze Verweildauer von maximal fünf Minuten in den Liften, unsere Gäste sind immer an der frischen Luft und der Abstand ergibt sich allein durch Skier, Snowboards oder auch Mountainbikes.

Das A und O ist auch bei uns der Mund-Nasen-Schutz. Da haben wir schon im Sommer strikt drauf geachtet und auch ein Attest nicht gelten lassen. Sobald das Gelände der Seilbahn betreten wird, muss ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden.

hessenschau.de: Mal fernab von Corona - ist Hessen überhaupt noch für den Wintersport geeignet?

Wilke: Wir glauben schon, dass Hessen in den nächsten Jahren beziehungsweise Jahrzehnten noch geeignet ist. Wir haben in den letzten 12 bis 13 Jahren in den Wintersport investiert, haben 2007 die große Beschneiungsanlage gebaut.

Vorher haben wir Klimaprognosen studiert und sind vom Worst-Case-Modell ausgegangen: vier Grad wärmer in 100 Jahren. Das bedeutet eine Erwärmung von einem Grad auf 25 Jahre gesehen. Wenn der Stand so bleibt, können wir damit rund 75 Prozent unserer durchschnittlichen 85 Skitage pro Jahr realisieren und wären im wirtschaftlichen Bereich.

hessenschau.de: Wie oft haben Sie die Beschneiungsanlage im vergangenen Winter nutzen können?

Wilke: Wir konnten sie nicht so oft benutzen. Zur Einordnung: Wir hatten in den 12 Jahren zuvor diese durchschnittlich 85 Skitage im Skigebiet Willingen. Das ist für ein Mittelgebirge ein guter Wert. Dieses Jahr war mit nur 44 Skitagen schlechter. Diese Schwankungen haben wir hier in Willingen häufiger und die werden wir auch in 10, 20 Jahren noch haben. Viel können wir mit der technischen Beschneiung ausgleichen. So kommen wir auch mal über eine warme Woche.

Die Wahrnehmung von außen ist natürlich immer sehr extrem. Wenn Winter ist, dann ist alles normal. Wenn dann mal ein schwächerer Winter kommt, dann ist sofort die Klimadebatte im Gang.

hessenschau.de: Willingen ist abhängig vom Schnee – egal ob Kunstschnee oder nicht. Wie kompensieren Sie so schlechte Winter?

Wilke: Schnee gehört zu Willingen etwa von Mitte Dezember bis Mitte März. In dieser Zeit ist Schnee, ob normaler Schnee oder Kunstschnee, natürlich so etwas wie eine Basisinfrastruktur. Wir haben hier im Ort 10.000 Gästebetten mit entsprechend vielen Übernachtungen, dazu Gastronomiebetriebe und so weiter. Eine Schwankung trifft uns alle, wir leben hier zu 80 Prozent vom Tourismus.

hessenschau.de: Beim Skispringen wurde Schnee im Lkw geliefert, die Schneekanonen waren im Dauerbetrieb. Da denken sicher viele: Das ist doch jetzt total unökologisch.

Wilke: Das Skispringen ist ein extremes Beispiel. Ohne den Schnee aus der Skihalle wäre es eng geworden. Das kann man sicher mal für so punktuelle Veranstaltungen machen. Übrigens ist Kunstschnee ein irreführender Begriff, technisch erzeugter Schnee ist deutlich treffender. Denn an dem Schnee, den wir produzieren, ist nichts Künstliches dran.

Kaltes Wasser wird mit hohem Energieeinsatz in kalter Luft zerstäubt und gefriert. Es passiert nichts anderes als bei Frau Holle. Wir ahmen einen natürlichen Vorgang nach. Das Wasser nehmen wir in abflussstarken Zeiten aus einem Bach und pumpen es in einen Speicher auf dem Ettelsberg, einen See. Und da entnehmen wir es wieder und blasen es auf die Skipisten. Da taut es und fließt in den Bach zurück, wie in den Bergen. Wir verbrauchen also kein zusätzliches Wasser, auch wenn das immer wieder so dargestellt wird.

Weitere Informationen

"Wir hören Dich" in allen hr-Radioprogrammen

Jörg Wilke ist am 18.11.2020 zu Gast in der gemeinsamen Sendung aller hr-Radioprogramme. Die Sendung greift analog zur ARD-Themenwoche "#Wie leben" den Klimawandel auf, bezieht ihn aber auf die Einschnitte durch die Pandemie.

Ende der weiteren Informationen

Natürlich haben Schneekanonen einen hohen Energiebedarf. Die laufen in einer guten Saison um die 250 Stunden. Wenn man versucht, das in Relation zu setzen: Wir haben im gesamten Sauerland rund 60 Kilometer beschneite Pisten. Wenn wir die alle mit 30 Zentimetern Schnee belegen, brauchen wir dafür genau so viel Energie, wie ein Ferienflieger, der 200 Leute von Frankfurt nach Kuba oder in die Dominikanische Republik und wieder zurückbringt. Auf dem Schnee, den wir hier produzieren, können mehrere hunderttausend Menschen vor ihrer Haustür Wintersport betreiben und müssen für ihr Hobby nicht in die Alpen fahren.

hessenschau.de: Gibt es für Wintersport so etwas wie eine Klimabilanz?

Wilke: Es gibt Berechnungen, wie viel Energie in Kilowattstunden pro Skifahrer in der Saison aufgewendet werden. Das entspricht circa 22 Kilowattstunden. Wenn man das jetzt auf die Beschneiung und den Liftbetrieb umrechnet, dann ist das ungefähr so viel, wie wenn der Skifahrer mit dem Auto 20 Kilometer anreist. Freizeitbäder wie das Lagunenbad, Eislaufhallen oder Hotelanlagen haben pro Nase deutlich höhere Werte. Heißt, wir können mit weniger Aufwand mehr Leute glücklich machen.

hessenschau.de: Bleibt die Zahl der Touristen über das Jahr gleich hoch?

Wilke: Viele alpine Orte haben in den letzten 30 Jahren eine Winterinfrastruktur aufgebaut. Die fangen seit zehn Jahren an, in den Sommer zu investieren. In Willingen ist das anders, Willingen hat einen Ganzjahrestourismus.

Die Ettelsberg-Seilbahn und die Liftgemeinschaft Köhlerhagen sind 330 Tage im Jahr in Betrieb - zu rund 70 Prozent für Fußgänger auch im Winter. Vor zwei Jahren hat die Liftgemeinschaft Köhlerhagen die K1-Sesselbahn gebaut. Diese Bahn ist eine Ganz-Jahres-Anlage. Im Winter für Wintersportler und im Sommer vor allem für Mountainbiker, aber auch für Fußgänger. Wenn man jetzt weit in die Zukunft schaut – sollte es irgendwann ein paar Wintertage weniger geben, können wir die andere Saison entsprechend verlängern. Und so versuchen wir, mehrgleisig zu fahren und uns nicht nur auf den Winter zu verlassen, obwohl wir dem in den nächsten 25 bis 30 Jahren noch sehr viel zutrauen.

Das Gespräch führten Sonja Süß und Stefanie Küster.

Sendung: hessenschau, 17.11.20, 16:45 Uhr