Eine Bewohnerin des sogenannten Omniturms in Frankfurt macht Yoga in ihrer Wohnung - mit Blick auf Frankfurt.

Frankfurt hat ein Platzproblem. Auf knapp 250 Quadratkilometern leben über 750.000 Einwohner. Der Mietmarkt ist hart umkämpft. Wohnhochhäuser brauchen wenig Platz, doch kaum jemand kann es sich leisten, dort zu wohnen.

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zum Video Wohntürme - für den Mietmarkt auch keine Hilfe

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Der Omniturm in der Frankfurter Innenstadt. 45 Stockwerke mit Büros, Gastronomiebetrieben und Wohnungen. Omni steht für alles in einem. Mit 54.000 Quadratmetern bringt das Hochhaus viel Platz auf wenig Grundfläche unter. Markenzeichen dieses Turms: Eine Art Hüftschwung, der durch die Balkone im mittleren Bereich entsteht. Von den 147 Mietwohnungen sind derzeit knapp 85 Prozent vermietet, wie Gerd Johannsen sagt, Pressesprecher der Commerz Real AG, die den 2019 fertiggestellten Turm besitzt.

Wer wohnt hier?

Philipp Schwigon ist 27 Jahre alt und selbstständiger Unternehmensberater. Er kann, wie er sagt, mit seinem Team überall arbeiten. Letztendlich sei es eine Entscheidung zwischen Stadt und Strand gewesen. Die Wahl fiel auf die Stadt und eine Wohnung im 17. Stock des Omniturms, ein Zimmer mit Glasfront. Er zahle dafür rund 1.600 Euro warm, doch das sei es ihm wert, sagt Schwigon: "Mir war der Ausblick viel wichtiger, als einen Balkon zu haben und dafür nur fünf Meter weit schauen zu können." Er finde es super, dass das auch in Deutschland geht: in einem Wolkenkratzer zu leben. 

Omniturm-Mieter Philipp Schwigon und Freundin Lilian Nowicki

In Zukunft will er sich mit seiner Freundin Lilian Nowicki eine größere Wohnung teilen, ebenfalls im Omniturm,mit dann noch höherer Miete. Aber erstens teilen sie die Miete dann. Zweitens merkt die 23-jährige Personaltrainerin, dass sich diese Wohnform positiv auf ihren Verdienst auswirkt.

Ihre Kundinnen und Kunden betreut sie online. Sie ist auch in den Sozialen Medien aktiv, und seit in den Videos im Hintergrund die Aussicht aus dem Wolkenkratzer zu sehen sei, habe sie mehr Kunden und könne höhere Preise abrufen, erzählt sie: "Nicht, weil ich jetzt innerhalb von einem halben Jahr die Supertrainerin geworden bin. Ich war vorher genauso gut, aber die Leute sehen halt jetzt, wie erfolgreich ich bin."

Wohnen als Luxus?

Leisten können sich diese Wohnform die wenigsten. Das als Luxus zu bezeichnen, geht dem Immobilienmakler Michael Pabst allerdings zu weit. Die meisten Hochhauswohnungen seien schlicht hochwertig. Pabst selbst wohnt auch im Omniturm und vermarktet Wohnungen in anderen Wohnhochhäusern wie dem Wolkenkratzer-Ensemble Four gleich nebenan oder dem Grandtower am Eingang des Europaviertels.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wohntürme sind keine Lösung für Wohnungsmarkt unter Druck

Eine Bewohnerin des sogenannten Omniturms in Frankfurt macht Yoga in ihrer Wohnung - mit Blick auf Frankfurt.
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Der Immobilienmakler sagt, die Corona-Krise schlage sich auf dem Markt nieder, der gerade in diesem Segment sehr international sei. Aber ein Bedarf an solchen Wohnungen sei nach wie vor da. Mit dem Problem, dass es für viele zu wenig bezahlbaren Wohnraum gebe, habe das nichts zu tun, ist Pabst überzeugt. Im Gegenteil.

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Mietpreise in Frankfurt

Nach Angaben der Interessenvertretung der Beratungs- und Dienstleistungsberufe der Immobilienwirtschaft (IVD) vom Donnerstag hat die Corona-Pandemie kaum Einfluss auf die Immobilienpreise und den Mietspiegel. In Frankfurt liege der mittlere Mietpreis von Bestandswohnungen unverändert bei 10,50 Euro pro Quadratmeter. Mit besserer Lage steige er auf 12,50 Euro, 50 Cent weniger als 2020.
Bei einem Erstbezug in Top-Lage, wozu neue Wohnhochhäuser zählen, verdoppelt sich der Preis pro Quadratmeter auf 20 Euro. Explizite Luxuswohnungen nimmt die Stadt Frankfurt allerdings nicht in den Mietspiegel auf. 

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Hochhauswohnungen sprächen Leute an, die sich bereits im gehobenen Segment bewegen, hochwertige Wohnungen kaufen oder mieten möchten. "Daher nimmt man einen gewissen Druck von den anderen Märkten weg, die besser geeignet sind, günstiges und bezahlbares Wohnen darzustellen", sagt der Immobilienmakler. Was Pabst anspricht, ist der sogenannte Sicker-Effekt. Bezahlbarer Wohnraum wie etwa eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Mehrfamilienhaus würde so frei für diejenigen, die ihn brauchen.

Die Grafik listet die durchschnittlichen Mietpreise in Frankfurt/Main auf: 10,50 Euro/qm für Bestandswohnungen, 12,50 Euro für Bestandswohnungen in besserer Lage und 20 Euro für Neubauwohnungen in Top-Lage.

Eine Lösung für den umkämpften Mietmarkt?

Rolf Janßen vom Mieterschutzverein Frankfurt ist sich sicher, dass die Rechnung mit dem Sicker-Effekt nicht aufgeht. Wer eine derart teure Wohnung wie in einem Wohnturm anmiete, mache in der Regel keine preiswerte Wohnung frei. "Problematisch ist auch, dass Vermieter bei einer frei werdenden Wohnung nicht denselben Mietpreis nehmen, sondern die Miete erhöhen", sagt Janßen.

Aus Sicht des Mieterschützers könnte ein Mischmodell bei hochwertigen Wohnhäusern oder Wohntürmen ein Weg zu einem entspannteren Mietmarkt in einer Großstadt wie Frankfurt sein. Auch innerhalb solcher Immobilien müsse es geförderte Wohnungen geben. Damit sich deren Bau für die Immobilienentwickler lohne, müsse ihn die Kommune entsprechend fördern. Aktuell liege im Mieterschutzverein der Anteil der Mitglieder aus dem hochwertigen Wohnsegment bei maximal einem Prozent, berichtet Janßen.

Das hält die Stadt von Wohntürmen

Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef (SPD) findet, Wohnhochhäuser leisteten keinen nennenswerten Beitrag im Kampf gegen den Wohnungsmangel in der Stadt. Weitergebaut werden solche Immobilien trotzdem, letztlich gibt es einen Markt dafür. Allerdings wurden zuletzt mehrere Wohnturm-Projekte von den Investoren abgesagt.

Frankfurter Omniturm

Josef hebt aber hervor, dass es der Stadt beim Hochhaus-Ensemble Four gelungen sei, dass in einem Wohnhochhaus mitten im Bankenviertel auch geförderter Wohnraum entsteht: "Das ist deutschlandweit einmalig." Von den 242 Four-Wohnungen würden 80 bis 100 gefördert, mit einer Miete von 5,50 Euro pro Quadratmeter.

Um den allgemeinen Wohnungsmangel zu beheben und den Druck vom Mietmarkt zu nehmen, setzt die Stadt laut Josef auf andere Mittel: "Wir streben ein angemessenes und ausreichendes Wohnangebot für alle Bevölkerungsschichten und auch für alle Einkommensgruppen an. Zu diesem Angebot gehört schwerpunktmäßig und ganz überwiegend bezahlbarer Mietwohnungsbau." Also keine Wohntürme.

Plädoyer für kostenlosen Baugrund

Der Frankfurter Architekt Stefan Forster hält weder von Wohntürmen noch von geförderten Wohnungen viel. In Wohnhochhäusern entstehe schlicht kein bezahlbarer Wohnraum. Aber wohin mit all den Leuten?

Für mehr bezahlbaren Wohnraum bräuchte es Investitionen vom Land und von den Kommunen sowie kostenlose Grundstücke für die Wohnungsbaugesellschaften, sagt Forster: "Wenn die auch immer nur auf Profit aus sind, kommt dabei auch nichts Vernünftiges heraus." Geförderter Wohnraum auf einem Drittel der Fläche sie nur ein politisches Signal. Forster würde stattdessen ausländische Investoren oder Käufer mit einer Grunderwerbsteuer belegen, die meistens teure Wohnungen im Blick hätten. Damit könne man den normalen Wohnungsbau finanzieren. "Im Vordergrund muss immer der Benefit für die Bevölkerung stehen", sagt Forster.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 06.05.2021, 16.45 Uhr