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Warum ein Bäcker am Wochenende die Backstube kalt lässt

Wie erreicht ein Bäckermeister eine bessere Work-Life-Balance? Mit einem freien Wochenende, glaubt man im Wettenberger Familienbetrieb Seidl. Er löste so nebenbei auch ein anderes Problem.

Bäckermeister Peter Seidl steht wie fast jeden Tag vor einer großen Rührschüssel. In die Edelstahltrommel schüttet er Mehl, Wasser und dann den Sauerteigansatz.

"Das ist noch der Sauerteigansatz von meinem Opa. Den füttern wir immer wieder an", sagt er. Die Bäckerei Seidl im Wettenberger Stadtteil Krofdorf-Gleiberg (Gießen) ist ein Familienbetrieb. Peter Seidl führt sie inzwischen in dritter Generation. Gebacken wird hier noch selbst.

Der 35 Jahre alte Bäckermeister wirkt recht entspannt, während er seinen Sauerteig ansetzt. Und das hat einen Grund: Er hat seit Mitte November ein freies Wochenende. Denn die kleine Familienbäckerei hat sich zu einem radikalen Schritt entschieden: Seit Mitte November bleibt der Laden samstags zu.

Die 14-Stunden-Schicht wurde ihm zu viel

"Es ging nicht mehr", sagt Seidl. Bisher arbeitete er sechs Tage die Woche, sonntags bis freitags und immer nachts: "Wenn ich hier Samstag Schluss gemacht habe, hatte ich eine 14-Stunden-Schicht hinter mir. Dann habe ich mich hingelegt, da war aber dann natürlich der Tag schon futsch. Und abends war ich dann auch zu fertig, um noch viel zu unternehmen."

"Samstags und sonntags geschlossen", Schild vor der Bäckerei Seidl in Wettenberg

Freunde am Wochenende treffen, vielleicht beim Fußballspiel seines Neffen zuschauen - ein normales Privatleben war so nicht möglich, wie der 35-Jährige sagt. Wenn andere frei hatten oder einfach schliefen, stand Seidl in der Backstube.

Mehr als nur eine verrückte Idee

Zuspruch bekam er von seinem Vater und Vorgänger als Chef der Bäckerei, Norbert Seidl. Der packt mit seinen 68 Jahren immer noch mit an und sagt über die Neuerung im Familienbetrieb: "Ich habe damals vor 25 Jahren die ersten Sonntagsbrötchen hier in der Region gebacken, ich bin immer offen für so verrückte Ideen."

Doch die Seidls sehen die eingeschränkten Öffnungszeiten nicht nur als Erweiterung ihrer persönlichen Lebensqualität, sondern auch als Chance für die Zukunft des Bäckerhandwerks. "Die Arbeitszeiten, vor allem die Arbeit freitagnachts, ist ausschlaggebend, dass viele Leute nicht als Bäcker arbeiten wollen", ist Peter Seidl überzeugt.

Seidl hat einen neuen Gesellen gefunden

Er selbst hat es in den vergangenen Jahren nach eigener Aussage sehr schwer gehabt, Azubis zu finden. Und das, obwohl insgesamt die Zahl der kleinen Bäckereien, die noch selbst backen und ausbilden, deutlich zurückgegangen ist.

Silvia Seidl-Krüger, Schwester des Inhabers Peter Seidl, im Verkaufsraum der Bäckerei Seidl

Seidls Idee mit dem freien Samstag scheint aufzugehen. Er habe direkt einen neuen Gesellen gefunden, berichtet er glücklich: "Als er erfahren hat, dass wir nun samstags zu haben, hat er gesagt, er kommt zu mir."

Seidls Bäckerei ist Vorreiter in Hessen

Noch ist die Bäckerei in Wettenberg allerdings eine Ausnahme in Hessen, wie die Bäckerinnung Hessen dem hr auf Anfrage mitteilt. Es gebe zwar einige Bäckereien in Industrie- und Gewerbevierteln, für die es sich nicht lohne, am Wochenende zu öffnen. Doch für viele Bäckereien seien gerade der Samstag und der Sonntag die umsatzstärksten Tage der Woche.

Peter Seidl hat da eine andere Beobachtung gemacht: "Der Freitag ist der neue Samstag geworden. Da ist hier mächtig was los." Vielleicht natürlich auch, weil es samstags bei ihm nun nichts mehr zu holen gibt. Es gebe zwar ein kleines Umsatzminus, räumt Seidl ein. Dies falle aber nicht allzu stark ins Gewicht.

Mit Halbgebackenem auch am Wochenende frische Brötchen

Das liegt nach Seidls Meinung auch an einer weiteren Idee, die er gehabt habe: Seine kleine Bäckerei bietet nun zusätzlich Halbgebackenes an. Das sind von Seidl angefertigte und vorbereitete Brötchen und Croissants, die die Kunden tiefgefroren kaufen und zu Hause selbst fertig backen können.

Im Gegensatz zu den Vorback-Pendants aus dem Supermarkt sei seine Ware frei von Zusatzstoffen, betont Seidl: "Wir backen ohne Enzyme und andere künstliche Backtriebmittel." Der Bäcker gerät glatt ins Schwärmen: "Wenn man dann den Ofen am Sonntagmorgen öffnet, das duftet wunderbar."

Jedenfalls hat der Bäckermeister wieder Spaß an seiner Arbeit gefunden, wie er sagt: "Jetzt kommen die Kreativität wieder und die Lust, Neues auszuprobieren in der Backstube." Neulich war er bei der Geburtstagsfeier seines Neffen, obwohl die auf einen Samstag fiel, wie Seidl sagt: "Das war sehr schön - und wäre vor kurzem noch fast undenkbar gewesen."

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